Seite 3: Der älteste Strohhalm der Welt

Schon ist Halb­zeit, die Wat­ford- Fans sind immer noch still, und es steht immer noch 0:0. Wir brau­chen einen impact player“, mur­melt Steve Fryer und geht die Namen durch. Bolasie? Moritz? Viel­leicht Phil­lips?“ Kevin Phil­lips. Vier Monate älter als Ryan Giggs. Wird im Juli 40 Jahre alt. Der ein­zige Eng­länder, der je den Gol­denen Schuh der UEFA gewonnen hat, was auch schon wieder 13 Jahre her ist.

Diese Saison hat er nur einmal die Woche mit­trai­niert, seine Familie wohnt oben in Bir­mingham, zwei­ein­halb Auto­stunden ent­fernt, er ist aus dem Alter raus, sie jedes Mal umziehen zu lassen, wenn er wieder mal einen neuen Verein hat. Phil­lips, das ist auch der Mann, der dreimal dieses Auf­stiegs­fi­nale gespielt und noch nicht ein- mal gewonnen hat. Ein Mensch gewor­denes Trauma, das nun ins Spiel kommt. Der älteste Stroh­halm der Welt.

Das rächt sich

Hol­loway, der hier im Vor­jahr mit Black­pool den Kür­zeren gezogen hat, das Gegentor fiel drei Minuten vor dem Ende, diri­giert unten immer hek­ti­scher, Was­ser­fla­sche in der Hand, das Sakko hat er längst aus­ge­zogen, die Glatze fun­kelt. Zola ist ruhiger, nur wenn er plötz­lich und mit wehender Mähne die zehn Meter zur Bank zurück­spurtet, um sich auf seinen Sitz plumpsen zu lassen, ein gro­tesker Sprint, ahnt man die Anspan­nung. Klare Chancen hat Palace, die nor­ma­ler­weise für zwei, drei End­spiele rei­chen. Aber: nichts.

Steve Fryer reißt an seinem rot­blauen Schal, er gräbt sich tief in seinen Nacken. Seine Augen scheinen aus den Höhlen zu treten, er pustet gegen seine Daumen, als wären sie eine Pan­flöte.

Er flucht leise, er denkt, was alle denken: Das rächt sich. Red­blarmy! Red­blarmy!“ Immer öfter kommt es jetzt, immer ver­zwei­felter. Doch die Truppe ist müde. Sie schleppt sich in die Ver­län­ge­rung. Das Spiel wird jetzt kippen, Rich­tung Wat­ford, die gelben Fans sind lange auf­ge­wacht.

Aber irgendwie kippt es nicht, auch die Gelben ver­geben den Sieg. Und als alles schon auf ein Elf­me­ter­schießen zuläuft, auf die finale Lot­terie, Mon­tags­zie­hung, im Jackpot für Sie heute: 120 Mil­lionen Pfund, als schier gar nichts mehr zu gehen scheint, da geht: Zaha. Der legt den Ball in den Straf­raum, drängt an seinem Gegen­spieler vorbei, es ist die 105. Minute, und Marco Cas­setti, Rechts­ver­tei­diger, grätscht dazwi­schen und trifft keinen Ball der Welt, dafür einen jungen Mann aus Croydon, der 15 Mil­lionen Pfund wert ist oder viel­leicht noch viel mehr, und der Schieds­richter pfeift ohne zu zögern Elf­meter.

Coach Hol­loway jubelt über diesen Pfiff wie über ein Tor, den Mund weit auf­ge­rissen, der Körper spannt sich, sein Anzug droht zu zer­reißen, gleich platzt ihm die Plas­tik­fla­sche in der rechten Faust. Und auch Zaha schleu­dert den rechten Arm in den Himmel, freu­de­schreiend, aber oben, Block 548, Sitz 262, ist Steve Fryer, der Buch­halter, schon einen Schritt weiter. Wer schießt? Wer schießt? Nicht Zaha, bitte nicht Zaha!“ Keine Mätz­chen jetzt.

Nein, Zaha schießt nicht. Es schießt statt­dessen: Kevin Phil­lips. Der alte Mann sieht ent­schlossen aus, als er sich den Ball auf den Punkt legt und bedächtig zwei Schritte zurück geht. Blick gera­deaus. Ein wahn­witzig kurzer Anlauf. Es gibt Fans, die nicht hin­sehen können, Rücken zum Spiel­feld, sie atmen in die flache Hand, die Augen gerötet, sie warten wie auf ein Erschie­ßungs­kom­mando.

Ich kann es nicht glauben“

Ein Schuss für 120 Mil­lionen Pfund. Kevin Phil­lips läuft an und drischt den Ball in den Winkel. Dann haut es alles aus­ein­ander. Men­schen fliegen über­ein­ander, unten auf dem Feld und in Block 548, wo Steve Fryer ein­fach hin­ten­über­ge­pur­zelt ist, umge­worfen von diesem Moment, und erst gar keine Anstalten macht, sich wieder auf­zu­r­ap­peln. Fryer sitzt ein­fach auf dem Hosen­boden, zwi­schen all den hüp­fenden, schrei­enden Leuten, und schaut aus großen, ungläu­bigen Augen wie ein Kind, das ins Plansch­be­cken geworfen wurde. Er ist jetzt, in diesem kurzen, wert­vollen Moment, wieder der Acht­jäh­rige, der zum ersten Mal mit darf zu dem Verein mit dem son­der­baren Namen, ein kleiner Junge, der davon träumt, dass Eng­land einmal Welt­meister wird und Palace Cham­pion in der First Divi­sion.

So ist das mit den Träumen, nur jeder zweite wird Wirk­lich­keit, wenn man Glück hat, und so wird es keinen zweiten Treffer mehr geben in diesem Finale und Steve Fryer wird nicht unten auf dem Rasen stehen, aber das macht gar nichts.

Es wird langen, dieses eine Mal langt es, das spüren jetzt alle irgendwie. Und dann schlägt sich Steve Fryer selbst mit der fla­chen Hand gegen den Kopf, rauft sich die Haare. Ich kann es nicht glauben! Es ist unglaub­lich! “ Das ruft er, der seit bald 50 Jahren Palace-Fan ist, als Martin Atkinson eine Vier­tel­stunde später dieses Finale abpfeift.

Fryer hat es gemacht wie alle, er hat nichts erwartet, mit dem Schlimmsten gerechnet und wird nun ehr­lich über­rascht. Palace in Won­der­land“, wird die Daily Mail“ tags darauf eupho­risch titeln, und das trifft es, denn was ist es sonst als ein Wunder, wenn die, die immer alles ver­geigen, plötz­lich ein so großes Spiel gewinnen?

Baby, I am glad all over

Die Erleich­te­rung, auch sie hat tau­sende Gesichter. Das von Abwehr­chef Damien Delaney, dem iri­schen Hünen, der zusam­men­ge­sunken und alleine im dunklen Kabi­nen­gang kauert und sich immer wieder die Tränen vom Gesicht wischt. Das von Wil­fried Zaha, der mit 20 Jahren seinen ersten Cup in die Kurve trägt, ein freu­de­strah­lender Junge mit einer großen Zukunft. Das von Coach Ian Hol­loway, der seine Spieler fest an sich drückt, einen nach dem anderen, wie ein stolzer Vater seine Söhne, die es nach all den Jahren doch zu etwas gebracht haben.

Und das eines 58 Jahre alten Buch­hal­ters, der seinen rot-blauen Schal zum ersten Mal an diesem Nach­mittag quer über den Kopf spannt und laut­hals mit­singt. You say that you love me“, schmet­tert er, all of the time!“ Es ist das Lied von Crystal Palace, ein Lie­bes­lied, natür­lich. Glad All Over“ von den Dave Clark Five“, fast 50 Jahre alt ist auch der Song, der im Januar 1964 die Beatles von der Spitze der bri­ti­schen Charts boxte.

Baby, I’m glad all over“, das singen sie nun, die Alten und die Jungen, und klat­schen dazwi­schen zweimal, so wie dieser Song es vor­sieht. Say that you love me“, natür­lich lieben sie ihren Klub, aber nur ganz selten liebt er sie so sehr zurück wie heute. 30 000 Men­schen in Rot und Blau, über­glück­lich, ihre Stimmen schallen durch Wem­bley, das nur noch zur Hälfte voll ist, und keiner, wirk­lich keiner, denkt in diesem Moment an das ganze ver­dammte Geld.