Seite 2: 50 Jahre Fan von Crystal Palace

Oben in Block 548 ist die Angst ein 58 Jahre alter Buch­halter mit grauer Bund­fal­ten­hose und schwarzem Pulli. Steve Fryer, ein schmäch­tiger Mann mit hän­genden Schul­tern, kauert auf seinem Plas­tik­sitz, ver­folgt die ersten tas­tenden Angriffe seines Teams, der Blick fällt starr durch Bril­len­gläser, die Hände quet­schen die Knie. Nor­ma­ler­weise träume ich nicht vor Spielen “, presst er bei einem Ein­wurf schnell heraus, ohne den Blick abzu­wenden, aber heute habe ich geträumt, dass wir 2:0 gewinnen. Beim ersten Tor saß ich hier oben, beim zweiten war ich unten auf dem Rasen. Ist das nicht seltsam?“ Fryer geht in sein 50. Jahr als Sup­porter von Crystal Palace, Dau­er­karte Arthur Wait Stand. Fryer war 1979 dabei, beim ersten Auf­stieg in die höchste Liga, und auch bei allen fol­genden.

Crystal Palace: ein Tritt in den Bauch

1991, als der Klub seinen ein­zigen Titel gewann, den Zenith Data Sys­tems Cup, einen lächer­li­chen Ersatz­pokal, den es nur sieben Jahre lang gab. Er hat die ins­ge­samt vier Jahre in der Pre­mier League erlebt, oder besser: mit­ge­macht, und die vier Abstiege jeweils gleich nach dem ersten Jahr. Und den Sommer 2010, als der Klub fast tot war, bei­nahe pleite, die Fans lärmten vor der Lloyds Bank, bis vier beson­ders Wohl­ha­bende unter ihnen schließ­lich Sta­dion und Verein kauften. Immerhin besser als Rapper P. Diddy oder Dik­tator Muammar Al-Gad­dafi, auch die waren mal inter­es­siert. Nur ein paar Reihen ent­fernt schließ­lich saß Steve Fryer, als der wut­schnau­bende Fran­zose Can­tona einst mit dem Bein voraus über die Wer­be­bande sprang.

Sol­cherart ist das Leben, wenn du Crystal Palace liebst: ein Tritt in den Bauch. Du soll­test dich besser ans Ver­lieren gewöhnen, denn das können wir wirk­lich gut.“ Der Vor­abend des End­spiels, Robert Suther­land sitzt im Spread Eagle“, einem Pub in Croydon, der Heimat des Ver­eins. Suther­land schreibt für das Fan­zine Five Year Plan“, aber allzu weit voraus schauen will er dann doch nicht. Wir sind in Wem­bley, das alleine ist schon was, oder?“

Er merkt, dass das nicht so recht über­zeugt, also schiebt er nach: In den letzten 20 Jahren haben wir nicht allzu viel gerissen.“ Das wie­derum hat der Klub mit seinem Stadt­teil gemein, wie auch Suther­land leichthin zugibt. Die Straßen in Croydon, 20 Minuten süd­lich der City, sind an einem Sonn­tag­abend gespens­tisch leer, alles erin­nert an das Set eines Remakes von Vanilla Sky“, bis dann doch zwei Men­schen um die Ecke biegen, ein Mann in Camou­flage- Hose, der neben einem Roll­stuhl­fahrer her­läuft und laut auf ihn ein­blökt. Die Mit­tel­klasse zieht noch weiter raus, wenn sie kann. Wäh­rend der London Riots“ im August 2011 brannte auch Croydon.

Klingt das nicht schon mächtig nach Beschiss?

Und Palace, der Stolz von Süd­london“, wurde letztes Jahr 17. der Cham­pionship, ein richtig mieser Zweit­li­ga­klub. Sie haben so schlecht gespielt, dass sie mich aus Eng­land ver­trieben haben“, sagt Suther­land, der drei Jahre in Ame­rika gelebt hat. Als ich wie­derkam, im November, waren sie Erster.“ Und nun: Wem­bley. Es ist ein weiter, beschwer­li­cher Weg aus dem schmud­de­ligen Süden bis hier herauf unter den großen, weißen Bogen. Der FC Wat­ford, Ex- Klub von Glit­zer­star Elton John (auch er hockt im Sta­dion), musste nur ein paar Sta­tionen mit der Over­ground fahren.

Es ist ein aus dem Aus­land gepam­pertes Team, so sehen sie das bei Palace, gespickt mit Leih­spie­lern von Udi­nese und dem FC Gra­nada, den beiden anderen Klubs des ita­lie­ni­schen Besit­zers Giam­paolo Pozzo. Sechs seiner Wan­der­ar­beiter stehen heute in der Startelf. Ein Schlupf­loch im System, aber über­haupt, Pozzo, Ponzi, klingt das nicht, bitte schön, schon mächtig nach Beschiss?

Eine Kurve singt an gegen die Angst

Knall­gelb und ruhig sitzen die Wat­ford- Fans in der Nach­mit­tags­sonne und schauen sich das Gekicke erst mal an. Viel­leicht ist es die läh­mende Furcht vor dem Schei­tern, viel­leicht die Gelas­sen­heit des Favo­riten?

Der­weil sind die Schmud­del­kinder aus dem Süden ziem­lich laut – wo sie schon mal hier sind. Red n‘ Blue Army! Red n‘ Blue Army!“, kra­keelen sie, aber es gibt nur drei Silben, die ver­schwimmen zu: Red­blarmy! Red­blarmy!“ Eine Kurve singt an gegen die Angst. Wir sind normal 15 000 Zuschauer, wo kommen die alle her?“, fragt Steve Fryer, ein biss­chen abschätzig, aber natür­lich auch begeis­tert. Der Außen­seiter macht das Spiel, und doch setzt es auch heute schnell den ersten, den obli­ga­to­ri­schen Tief­schlag.

Frühe Ver­let­zung, Hol­loway wech­selt schon nach 17 Minuten. Die Fans raunen. Das ist nicht gut“, sagt Steve Fryer, ganz und gar nicht gut.“ Es kann ein langer Nach­mittag werden. Ein zähes Spiel ist das, ein echtes Finale. Erwar­tungen?“, hat der Fan­zine-Schreiber Rob Suther­land noch als Letztes am Bahnhof East Croydon, Plat­form 2 gefragt und dann ver­kündet: Ich erwarte eigent­lich gar nichts.“ Fata­lismus, die letzte Waffe der Gebeu­telten.

Doch kein Mensch denkt jetzt mehr an das Que sera“, das sie vorhin vor dem Green Man“-Pub geschmet­tert haben, gegen­über auf dem Hügel, wo es Zuver­sicht in Plas­tik­be­chern zu kaufen gab, vier Pfund das Pint. Wha­tever will be, will be? Fuck that. Uuuuuff“, macht Steve Fryer. End­lich mal eine gute Chance, der junge Wil­fried Zaha ist rechts durch­ge­kommen, der Schuss aber findet nicht den Weg durch die Abwehr­beine.

Wie gewinnt man ein Finale ohne Stürmer?

Zaha, das ist Croy­dons Hoff­nung. Auch er ein Leih­spieler, aber das ist was anderes, oder? Im Winter hat Man­chester United den 20-jäh­rigen Jung­na­tio­nal­spieler gekauft, für 15 Mil­lionen Pfund, und ihn, den Palace aus­ge­bildet hat, für ein halbes Jahr an seinen Stamm­verein zurück­ge­liehen, ein letztes halbes Jahr. Groß­artig, was dieser dünne Junge mit dem Ball anstellt, er scheint den zweiten Trick vor dem ersten zu machen, so schnell geht das. Die Ver­tei­diger sind chro­nisch über­for­dert. Sein Bruder Herve ist der­weil das beste Bei­spiel, was aus einem jungen Mann in Croydon werden kann, wenn er nicht gerade ein begabter Dribbler ist. Herves Gangs­ter­kar­riere ver­läuft ähn­lich ein­drucks­voll wie Wil­frieds Fuß­bal­ler­lauf­bahn.

Vor­läu­figer Höhe­punkt: eine ein­jäh­rige Bewäh­rungs­strafe wegen ver­suchter schwerer Kör­per­ver­let­zung. Excel­lent, Wil­fried“, lobt nun Steve Fryer auf der Tri­büne. Zaha soll, muss es heute richten, aber er ist kein Stürmer. Der heißt Glenn Murray und sitzt in Anzug und Schlips auf der Tri­büne, 30 Tore, Kreuz­band­riss im Halb­fi­nale, neben ihm lehnen seine Krü­cken.

Wie gewinnt man ein Finale ohne Stürmer? Die Ant­wort, das wird Minute für Minute klarer: Es geht nicht.