Seite 4: Adu, das Produkt der MLS

Adu drehte in jener Zeit auch einen Wer­be­spot mit Pelé, in dem er den Ball mit der Hacke jon­gliert und am Ende den erschöpften Alt­meister zurück­lässt. Pelé sagte: Gott hat dir die Gabe Fuß­ball geschenkt.“ Adu drehte wei­tere Spots, für Suppen oder Video­spiele, und es hätten noch mehr sein können, aber die nei­di­schen Mit­spieler sollen Berater Richard Motzkin dazu gebracht haben, alle wei­teren Ange­bote abzu­lehnen.

Wir brau­chen Stars wie ihn“, sagte sein För­derer John Hack­worth damals im Spiegel“. Und natür­lich bereiten wir Schüler wie Freddy auf den Markt vor. Sport ist ein Pro­dukt, das muss ver­kauft werden.“ Er übersah, dass Adu längst selbst zu einem Pro­dukt geworden war. Er wirkte wie das Expe­ri­ment von For­schern, die einen unbe­sieg­baren Super­fuß­baller erfinden wollten, bei dem sie Fähig­keiten und Eigen­schaften ein­fach per Knopf­druck pro­gram­mierten.

Freddy Adu

Als Adu elf Jahre alt war, hatten ihn seine För­derer nach Flo­rida auf die Bra­denton Aca­demy geschickt, dort, wo auch Nick Bol­let­tieri sein Camp hatte und Ten­nis­spieler wie Andre Agassi oder Anna Kur­ni­kowa gezüchtet wurden. Auch auf den bevor­ste­henden Hype berei­teten sie ihn vor und setzten ihn regel­mäßig an die Seite von ehe­ma­ligen Teenie-Stars, die ihm erklären sollten, wie man mit dem Rummel umgeht. Einer seiner Lehrer war Jaleel White, der in den Neun­zi­gern als Steve Urkel in der Serie Alle unter einem Dach“ bekannt wurde. Jaleel gab ihm den Rat­schlag, immer ein Buch bei sich zu tragen.

Adu arbei­tete außerdem mit dem Sport­psy­cho­logen Trevor Moawad zusammen, der ihm Videos vor­spielte, in denen etwa Lance Arm­strong auf einer wich­tigen Berg­etappe seinen Kon­tra­henten über­holte oder Mike Tyson einen K.o.-Schlag lan­dete. In den Momenten des Tri­um­phes hielt Moawad das Band an und sagte: Schau in diese Gesichter, Junge!“ Adu hatte zu dem Zeit­punkt noch kein ein­ziges Pro­fi­spiel gemacht. Im Früh­jahr 2004, als Adu im Super­draft nach Washington wech­selte, sagte DC-United-Trainer Ray Hudson: Selbst ein Blinder auf einem galop­pie­renden Pferd erkennt sein Talent.“

Er ist der beste Jugend­spieler der Welt“

Und auf einer Pres­se­kon­fe­renz im Madison Square Garden, die ins ganze Land über­tragen wurde, sagte Ivan Gazidis, der Vize-Vor­sit­zende der MLS: Er ist der beste Jugend­spieler der Welt – nicht nur in den USA!“ In den fol­genden Wochen stieg der Zuschau­er­schnitt bei Aus­wärts­spielen von United um 4,4 Pro­zent. Die Men­schen wollten das Wun­der sehen. Sie wollten sagen, dass sie dabei waren, als die USA den Fuß­ball neu erfanden.

Am 3. April 2004 gab Adu sein Pro­fi­debüt gegen die San Jose Ear­th­quakes. 240 Jour­na­listen aus aller Welt waren nur wegen des 14-jäh­rigen Jungen in die Haupt­stadt gekommen. Er spielte die letzten 30 Minuten, und als er auf den Rasen lief, kreischten Gruppen von jungen Mäd­chen auf, als würde sich Justin Tim­ber­lake gerade in den Schritt greifen. Fred­dy­mania in der MLS. Ein Fuß­ball­wunder blieb aller­dings aus. Adu spielte unauf­fällig, er hatte neun Ball­be­rüh­rungen, und als er einmal ein Dribb­ling ver­suchte, wurde er vom 35-jäh­rigen San-Jose-Koloss Jeff Agoos ein­fach weg­ge­blockt.

Adu stand bis November 2004 14 Mal in der Startelf von DC, er schoss fünf Tore und berei­tete drei Treffer vor. Ein sehr pas­sa­bler Wert für einen Teen­ager. Doch war das dieses Wunder, von dem man ihnen, den Fans und Jour­na­listen, erzählt hatte? Die Fragen wurden nun kri­ti­scher, und bald sah man, dass die Sache nicht nur größer als Fuß­ball war, sie war so bom­bas­tisch geworden, dass sie zu explo­dieren drohte. Am Sai­son­ende platzte es aus dem Jungen heraus: Es ist mir egal, was die anderen sagen, ich will nur Fuß­ball spielen.“ Und Natio­nal­coach Bruce Arenas pol­terte: Freddy ist kein fer­tiges Pro­dukt.“

Auch ein gutes halbes Jahr später änderte sich die Situa­tion nicht. Und immer häu­figer fragten die Jour­na­listen und Fans, ob denn was nicht stimme mit der Pro­gram­mie­rung des Super­helden. Adu, nun fast grei­sen­hafte 16 Jahre alt, bekam nur noch wenige Ein­sätze. Auch er zürnte. John Ellinger, der ehe­ma­lige U17-Coach, sagte nun: Ich glaube, er hat nicht ver­standen, worum es in der MLS geht.“ Ein Jahr später, 2007, wech­selte Adu nach Salt Lake City und dann für 1,5 Mil­lionen Euro zu Ben­fica Lis­sabon. Es war der Anfang vom Ende.