Seite 2: Vom Wunderkind zum Werbegag

Am Mitt­woch­nach­mittag ein neuer Kon­takt­ver­such. Noch einen Tag bis zum ersten Heim­spiel der Saison, und Kuopio ist ein biss­chen in Auf­ruhr. Früher, in den sech­ziger und sieb­ziger Jahren, spielte der Klub regel­mäßig im Euro­pa­pokal. 1980 lief hier sogar mal Michel Pla­tini auf, mit Saint-Éti­enne im UEFA-Cup. Aber einen Spieler, der einst von allen Top­teams Europas gejagt wurde, der bei Insta­gram seine neue Dia­man­tenuhr prä­sen­tiert und den Jay Z in einem Lied erwähnt, so einen hatten sie hier noch nie gesehen.

Das war Wahn­sinn!“

Freddy hat bei Twitter 400.000 Fol­lower, wir haben gerade mal 3000“, jubelt Geschäfts­führer Jarmo Heis­kanen. Und Pres­se­spre­cher Mikko Sep­pälä wackelt daneben hin und her und sagt: Bei seiner Vor­stel­lung waren 40 Jour­na­listen. Das war Wahn­sinn!“

In sol­chen Momenten erahnt man, wie die Hel­den­saga zu einer Tra­gödie werden konnte. Seit elf Jahren wird Adu von Klub zu Klub gereicht, anfangs nannten sie ihn Wun­der­kind, später war er das Ver­spre­chen, dann die letzte Hoff­nung, danach immerhin noch ein Wer­begag. Einer von vielen war er nie.

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Tuomas Uus­heimo

Zuletzt stand Adu bei dem ser­bi­schen Klub FK Jago­dina unter Ver­trag, doch er machte kein ein­ziges Spiel und erhielt kein Gehalt. Davor spielte er für Çaykur Rizespor in der zweiten tür­ki­schen Liga und bei Aris Salo­niki in Grie­chen­land. Und davor: Belenenses, Monaco, Aris Salo­niki. Nir­gendwo machte er mehr als zehn Spiele. Zwi­schen­zeit­lich war er sogar ver­einslos oder schei­terte in Pro­be­trai­nings beim FC Ingol­stadt, in Black­pool, beim AZ Alk­maar oder im nor­we­gi­schen Sta­baek. Überall, wo er auf­tauchte, standen die Reporter schon Spa­lier, bevor er über­haupt das erste Mal gegen einen Ball trat. Where did it all go wrong, Freddy?, fragten sie. Und auch, wenn er irgend­wann nicht mehr ant­wor­tete, gab es immer was zu erzählen. Kurz vor dem Wechsel nach Kuopio ver­kün­deten einige eng­li­sche Zei­tungen, dass er nun im Nacht­club­ge­werbe arbeite.

Alles Quatsch“, sagt Adu und schlurft von der Kabine auf den Platz. Zurück bleibt eine Sport­ta­sche an einem Klei­der­haken, an den jemand einen Sti­cker mit seinem Namen geklebt hat. Es riecht wie in einer Schul­sport­halle. Wird das Inter­view denn nach der Trai­nings­ein­heit statt­finden? Pres­se­mann Sep­pälä nickt. Natür­lich! Freddy hat alle Anfragen abge­lehnt, aber mit euch wird er spre­chen. Wirk­lich? Ganz sicher!

Freddy, go, go!“

Dann hört man den Trainer rufen: Freddy, go, go!“, und Freddy rennt, rennt, die Mütze ins Gesicht gezogen.

Er sieht dabei immer noch aus wie früher, der Junge aus Mary­land, der aus dem Fuß­ge­lenk Pässe über den halben Platz schießt und leicht gebückt steht, wenn er auf den Außen­bahnen Pässe erwartet. Wie jemand, der seit Jahren auf den Sprint seines Lebens wartet.