Die Repor­tage stammt aus der 11FREUNDE-Aus­gabe #164, die Ende Juni 2015 erschien. Mitt­ler­weile hat Freddy Adu Finn­land wieder ver­lassen. Er steht beim US-ame­ri­ka­ni­schen Zweit­li­gisten Las Vegas Lights unter Ver­trag.

Eigent­lich sollte diese Geschichte an einem anderen Ort beginnen. Im Mara­canã mit der Hand am WM-Pokal, im Weißen Haus an der Seite von Barack Obama oder wenigs­tens in einem vor­bei­rau­schenden Lam­bor­ghini. Wenn die Experten recht behalten hätten, würde sie jeden­falls nicht auf einem Markt­platz in der fin­ni­schen Pro­vinz anfangen, genauer gesagt: in Kuopio, 400 Kilo­meter nörd­lich von Hel­sinki, vier Grad an einem Mitt­woch­vor­mittag Ende April. Hyvää Päivä. Guten Tag.

Hier sitzt also der Mann, der schon alles war: der neue Pelé, das Wun­der­kind, der fünfte Beatle und Superman. Hier hockt Freddy Adu, 1,73 Meter klein, Mütze, Nike Air Max, dicker Anorak, und macht erst mal das, was Fuß­ball­profis bei sol­chen Ter­minen so machen: Er schaut auf sein Smart­phone. Der Sponsor seines neuen Klubs Kuo­pion Pal­lo­seura, kurz KuPS Kuopio, prä­sen­tiert heute einen top­mo­dernen Fuß­ball­schuh und die Spieler sollen für Gla­mour sorgen. Der Erfolg ist über­schaubar. Etwas abseits ver­su­chen sich zwei Jungs mit der neu­esten Paul-Pogba-Frisur an einer Ball­ma­schine, und dahinter tip­pelt ein Mäd­chen, Typ DSDS-Kan­di­datin, von links nach rechts. Sonst: Lan­ge­weile. Sonst: wum­mernde Bässe aus den Boxen. Kanye West, Miley Cyrus, und dann singt die Band MKTO: Baby let’s live and die. What hap­pened to the Ame­rican Dream?“

Ich habe keine Zeit.“

Freddy Adu ist das alles ziem­lich egal. Die Sache mit dem Sponsor und dem Ame­rican Dream – und auch, dass hier zwei Jour­na­listen eines deut­schen Fuß­ball­ma­ga­zins stehen, denen Kuo­pios Pres­se­spre­cher einen Inter­view­termin ver­spro­chen hat. Er hockt weiter vor sich hin, und wie er so dasitzt, könnte man glauben, er gehe auf die 40 zu, so lange geis­tert sein Name durch die Fuß­ball­welt. Aber er ist erst 25, ein halbes Kind noch. Schließ­lich steht er auf und sagt: Ich habe keine Zeit.“ Dann schlurft er davon. Ach, Freddy.

Es war im Jahr 2003, als sein Name erst­mals in der inter­na­tio­nalen Presse auf­tauchte. Adu war damals das größte Ver­spre­chen, das dem US-Fuß­ball je gemacht wurde. Er hatte im Alter von zwölf Jahren ein sechs­stel­liges Angebot von Inter Mai­land abge­lehnt, weil seine Mutter wollte, dass er zuerst die Schule fer­tig­macht. Dafür unter­schrieb er ein Jahr später einen Eine-Mil­lion-Dollar-Deal mit Nike. Adu saß danach bei Talk­mas­tern wie Jay Leno oder David Let­terman neben Show­größen wie Alec Baldwin oder Britney Spears. Dort erklärte er den Ame­ri­ka­nern, was Fuß­ball ist, und zur Anschauung balan­cierte er den Ball in seinem Nacken, wäh­rend er sich das T‑Shirt aus- und wieder anzog. Die Vor­sit­zenden der Major League Soccer jubelten. Sie sagten, Adu sei größer als Fuß­ball: Pop­star, Pio­nier, Revo­lu­tionär, Bot­schafter, alles in einem.

Adu war sechs Jahre zuvor mit seiner Familie aus Tema, einer gha­nai­schen Hafen­stadt in der Nähe von Accra, in die USA nach Potomac/​Maryland emi­griert. Seine Mutter hatte in einer Lot­terie eine Green­card gewonnen. Den ame­ri­ka­ni­schen Traum fand die Familie zunächst nicht, der Vater suchte nach wenigen Monaten das Weite, und die Mutter hielt sich und die Kinder mit zwei Mini­jobs über Wasser.

Ja, es ist ein Wunder

Ein Freund erzählte später von seinem ersten Treffen mit Adu. Das Wun­der­kind in spe besuchte damals die vierte Klasse, und eines Sonn­tags durfte er zu einem Spiel zweier Schü­ler­mann­schaften mit­kommen. Adu erschien in einem oran­ge­far­benen T‑Shirt und einer Mickey-Mouse-Mütze. Die Gegner lachten, aber als er das erste Mal an den Ball kam, lief er durch sie alle hin­durch und schoss ihn ins Tor. Danach lachte nie­mand mehr, und der Trainer des Geg­ners fragte ihn, ob er noch für das U16-Team spielen könne. Adu sagte, ja klar, er sei schließ­lich erst neun Jahre alt.

So ging das später oft. Zum Bei­spiel als Adu im Alter von 14 der jüngste Debü­tant im US-ame­ri­ka­ni­schen Pro­fi­sport seit über 100 Jahren wurde (1887 debü­tierte der Base­ball­spieler Fred Chapman eben­falls mit 14 Jahren). Der ame­ri­ka­ni­sche Fuß­ball­ver­band über­legte, eine Kno­chen­mar­kana­lyse durch­zu­führen, weil nie­mand glaubte, dass Adu so jung sei. Später schickte die Zeit­schrift Sports Illus­trated“ zwei Detek­tive in das Ben­gali-Kran­ken­haus nach Tema, um dort seine Geburts­ur­kunde zu über­prüfen. Nach ein paar Tagen kamen sie mit der frohen Kunde zurück: Ja, er ist erst 14. Ja, es ist ein Wunder.

Spä­tes­tens jetzt waren sich die Fuß­ball­ex­perten sicher: Freddy Adu würde die USA zum Welt­meister machen, 2010 in Johan­nes­burg oder 2014 in Rio de Janeiro. Der­weil tin­gelte Adu weiter durch Talk­shows, und die Times“ oder der New Yorker“ schrieben hym­ni­sche Repor­tagen auf den Wun­der­knaben. In einer sagte Adu: Viele Jungen wurden schon in den Himmel gelobt und sind dann von der Bild­fläche ver­schwunden. Ich habe mir geschworen, keiner von denen zu werden.“

Am Mitt­woch­nach­mittag ein neuer Kon­takt­ver­such. Noch einen Tag bis zum ersten Heim­spiel der Saison, und Kuopio ist ein biss­chen in Auf­ruhr. Früher, in den sech­ziger und sieb­ziger Jahren, spielte der Klub regel­mäßig im Euro­pa­pokal. 1980 lief hier sogar mal Michel Pla­tini auf, mit Saint-Éti­enne im UEFA-Cup. Aber einen Spieler, der einst von allen Top­teams Europas gejagt wurde, der bei Insta­gram seine neue Dia­man­tenuhr prä­sen­tiert und den Jay Z in einem Lied erwähnt, so einen hatten sie hier noch nie gesehen.

Das war Wahn­sinn!“

Freddy hat bei Twitter 400.000 Fol­lower, wir haben gerade mal 3000“, jubelt Geschäfts­führer Jarmo Heis­kanen. Und Pres­se­spre­cher Mikko Sep­pälä wackelt daneben hin und her und sagt: Bei seiner Vor­stel­lung waren 40 Jour­na­listen. Das war Wahn­sinn!“

In sol­chen Momenten erahnt man, wie die Hel­den­saga zu einer Tra­gödie werden konnte. Seit elf Jahren wird Adu von Klub zu Klub gereicht, anfangs nannten sie ihn Wun­der­kind, später war er das Ver­spre­chen, dann die letzte Hoff­nung, danach immerhin noch ein Wer­begag. Einer von vielen war er nie.

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Tuomas Uus­heimo

Zuletzt stand Adu bei dem ser­bi­schen Klub FK Jago­dina unter Ver­trag, doch er machte kein ein­ziges Spiel und erhielt kein Gehalt. Davor spielte er für Çaykur Rizespor in der zweiten tür­ki­schen Liga und bei Aris Salo­niki in Grie­chen­land. Und davor: Belenenses, Monaco, Aris Salo­niki. Nir­gendwo machte er mehr als zehn Spiele. Zwi­schen­zeit­lich war er sogar ver­einslos oder schei­terte in Pro­be­trai­nings beim FC Ingol­stadt, in Black­pool, beim AZ Alk­maar oder im nor­we­gi­schen Sta­baek. Überall, wo er auf­tauchte, standen die Reporter schon Spa­lier, bevor er über­haupt das erste Mal gegen einen Ball trat. Where did it all go wrong, Freddy?, fragten sie. Und auch, wenn er irgend­wann nicht mehr ant­wor­tete, gab es immer was zu erzählen. Kurz vor dem Wechsel nach Kuopio ver­kün­deten einige eng­li­sche Zei­tungen, dass er nun im Nacht­club­ge­werbe arbeite.

Alles Quatsch“, sagt Adu und schlurft von der Kabine auf den Platz. Zurück bleibt eine Sport­ta­sche an einem Klei­der­haken, an den jemand einen Sti­cker mit seinem Namen geklebt hat. Es riecht wie in einer Schul­sport­halle. Wird das Inter­view denn nach der Trai­nings­ein­heit statt­finden? Pres­se­mann Sep­pälä nickt. Natür­lich! Freddy hat alle Anfragen abge­lehnt, aber mit euch wird er spre­chen. Wirk­lich? Ganz sicher!

Freddy, go, go!“

Dann hört man den Trainer rufen: Freddy, go, go!“, und Freddy rennt, rennt, die Mütze ins Gesicht gezogen.

Er sieht dabei immer noch aus wie früher, der Junge aus Mary­land, der aus dem Fuß­ge­lenk Pässe über den halben Platz schießt und leicht gebückt steht, wenn er auf den Außen­bahnen Pässe erwartet. Wie jemand, der seit Jahren auf den Sprint seines Lebens wartet.

Freddy Adu ist nicht mehr das 14-jäh­rige Wun­der­kind, son­dern ein 25-jäh­riger Fuß­ball­profi“, sagt sein Trainer Marko Raja­mäki. Für Adu soll KuPS ein Sprung­brett sein. Er möge es hier, die Leute seien sehr freund­lich. Ihr sprecht ja noch mit ihm, oder?“ Ja, natür­lich.

Die zwei beschis­sensten Jahre

Schließ­lich schlappt Adu zurück in die Kabine. Ich habe die zwei beschis­sensten Jahre meines Lebens hinter mir“, bellt er. Ich habe der ›Times‹ abge­sagt. Ich habe keine Lust mehr.“ Aber man hat uns doch ange­kün­digt. Nie­mand hat mit mir gespro­chen. Klärt das mit Mikko!“ Die Sache ist nur: Mikko Sep­pälä, der Pres­se­chef, ist nicht mehr auf­findbar. Er hat sein Handy aus­ge­schaltet.

Also stehen der Reporter und der Foto­graf vor der Geschäfts­stelle, null Grad, Nie­sel­regen, Ziga­retten, es ist später Abend geworden. Adu fährt mit einem Peu­geot-Kombi davon, ein Leih­wagen des Klubs, auf der Außentür prangt sein Name in gol­denen Buch­staben. Er winkt. Hat er sogar gelä­chelt?

Schließ­lich schauen sich der Reporter und der Foto­graf auf You­tube noch die erwähnte Pres­se­kon­fe­renz an. Dort sitzt Freddy Adu neben dem Trainer. Im Raum befinden sich keine 40 Jour­na­listen, son­dern fünf. Einer fragt Adu, was er für eine Bezie­hung zu Finn­land habe. Der Spieler ant­wortet, dass Finn­land schon immer sehr beson­ders war, schließ­lich habe hier alles begonnen.

In Finn­land ging alles los

Es war im August 2003, als Adus Stern bei der U17-WM in Finn­land zu leuchten begann. Bester Spieler des Tur­niers wurde zwar Cesc Fàb­regas, heim­li­cher Star war aber Freddy Adu. Er schoss vier Tore und kam mit den USA ins Vier­tel­fi­nale. Auch Bayer Lever­ku­sens Nach­wuchs­trainer Michael Reschke war damals bei den Grup­pen­spielen und urteilte: Ein­fach der Wahn­sinn.“ Reschkes Kon­kur­renz war aller­dings rie­sen­groß, denn neben ihm nes­telten Scouts von Arsenal, Bar­ce­lona, Mai­land, Man­chester United und Real Madrid nervös an ihren Handys herum. Für wen würde sich der Junge wohl ent­scheiden?

Adu drehte in jener Zeit auch einen Wer­be­spot mit Pelé, in dem er den Ball mit der Hacke jon­gliert und am Ende den erschöpften Alt­meister zurück­lässt. Pelé sagte: Gott hat dir die Gabe Fuß­ball geschenkt.“ Adu drehte wei­tere Spots, für Suppen oder Video­spiele, und es hätten noch mehr sein können, aber die nei­di­schen Mit­spieler sollen Berater Richard Motzkin dazu gebracht haben, alle wei­teren Ange­bote abzu­lehnen.

Wir brau­chen Stars wie ihn“, sagte sein För­derer John Hack­worth damals im Spiegel“. Und natür­lich bereiten wir Schüler wie Freddy auf den Markt vor. Sport ist ein Pro­dukt, das muss ver­kauft werden.“ Er übersah, dass Adu längst selbst zu einem Pro­dukt geworden war. Er wirkte wie das Expe­ri­ment von For­schern, die einen unbe­sieg­baren Super­fuß­baller erfinden wollten, bei dem sie Fähig­keiten und Eigen­schaften ein­fach per Knopf­druck pro­gram­mierten.

Freddy Adu

Als Adu elf Jahre alt war, hatten ihn seine För­derer nach Flo­rida auf die Bra­denton Aca­demy geschickt, dort, wo auch Nick Bol­let­tieri sein Camp hatte und Ten­nis­spieler wie Andre Agassi oder Anna Kur­ni­kowa gezüchtet wurden. Auch auf den bevor­ste­henden Hype berei­teten sie ihn vor und setzten ihn regel­mäßig an die Seite von ehe­ma­ligen Teenie-Stars, die ihm erklären sollten, wie man mit dem Rummel umgeht. Einer seiner Lehrer war Jaleel White, der in den Neun­zi­gern als Steve Urkel in der Serie Alle unter einem Dach“ bekannt wurde. Jaleel gab ihm den Rat­schlag, immer ein Buch bei sich zu tragen.

Adu arbei­tete außerdem mit dem Sport­psy­cho­logen Trevor Moawad zusammen, der ihm Videos vor­spielte, in denen etwa Lance Arm­strong auf einer wich­tigen Berg­etappe seinen Kon­tra­henten über­holte oder Mike Tyson einen K.o.-Schlag lan­dete. In den Momenten des Tri­um­phes hielt Moawad das Band an und sagte: Schau in diese Gesichter, Junge!“ Adu hatte zu dem Zeit­punkt noch kein ein­ziges Pro­fi­spiel gemacht. Im Früh­jahr 2004, als Adu im Super­draft nach Washington wech­selte, sagte DC-United-Trainer Ray Hudson: Selbst ein Blinder auf einem galop­pie­renden Pferd erkennt sein Talent.“

Er ist der beste Jugend­spieler der Welt“

Und auf einer Pres­se­kon­fe­renz im Madison Square Garden, die ins ganze Land über­tragen wurde, sagte Ivan Gazidis, der Vize-Vor­sit­zende der MLS: Er ist der beste Jugend­spieler der Welt – nicht nur in den USA!“ In den fol­genden Wochen stieg der Zuschau­er­schnitt bei Aus­wärts­spielen von United um 4,4 Pro­zent. Die Men­schen wollten das Wun­der sehen. Sie wollten sagen, dass sie dabei waren, als die USA den Fuß­ball neu erfanden.

Am 3. April 2004 gab Adu sein Pro­fi­debüt gegen die San Jose Ear­th­quakes. 240 Jour­na­listen aus aller Welt waren nur wegen des 14-jäh­rigen Jungen in die Haupt­stadt gekommen. Er spielte die letzten 30 Minuten, und als er auf den Rasen lief, kreischten Gruppen von jungen Mäd­chen auf, als würde sich Justin Tim­ber­lake gerade in den Schritt greifen. Fred­dy­mania in der MLS. Ein Fuß­ball­wunder blieb aller­dings aus. Adu spielte unauf­fällig, er hatte neun Ball­be­rüh­rungen, und als er einmal ein Dribb­ling ver­suchte, wurde er vom 35-jäh­rigen San-Jose-Koloss Jeff Agoos ein­fach weg­ge­blockt.

Adu stand bis November 2004 14 Mal in der Startelf von DC, er schoss fünf Tore und berei­tete drei Treffer vor. Ein sehr pas­sa­bler Wert für einen Teen­ager. Doch war das dieses Wunder, von dem man ihnen, den Fans und Jour­na­listen, erzählt hatte? Die Fragen wurden nun kri­ti­scher, und bald sah man, dass die Sache nicht nur größer als Fuß­ball war, sie war so bom­bas­tisch geworden, dass sie zu explo­dieren drohte. Am Sai­son­ende platzte es aus dem Jungen heraus: Es ist mir egal, was die anderen sagen, ich will nur Fuß­ball spielen.“ Und Natio­nal­coach Bruce Arenas pol­terte: Freddy ist kein fer­tiges Pro­dukt.“

Auch ein gutes halbes Jahr später änderte sich die Situa­tion nicht. Und immer häu­figer fragten die Jour­na­listen und Fans, ob denn was nicht stimme mit der Pro­gram­mie­rung des Super­helden. Adu, nun fast grei­sen­hafte 16 Jahre alt, bekam nur noch wenige Ein­sätze. Auch er zürnte. John Ellinger, der ehe­ma­lige U17-Coach, sagte nun: Ich glaube, er hat nicht ver­standen, worum es in der MLS geht.“ Ein Jahr später, 2007, wech­selte Adu nach Salt Lake City und dann für 1,5 Mil­lionen Euro zu Ben­fica Lis­sabon. Es war der Anfang vom Ende.

Er war jetzt 18 Jahre alt, und wäh­rend die meisten Fuß­bal­ler­kar­rieren in diesem Alter noch nicht mal richtig begonnen haben, schien es bei Adu, als sei seine Zeit schon fast vorbei. Selbst seine Inter­views erin­nerten nicht mehr an den enthu­si­as­ti­schen Jungen von einst, sie klangen wie Durch­hal­te­pa­rolen: Ich will den Men­schen in Erin­ne­rung bleiben als jemand, der immer alles gegeben hat.“ In Lis­sabon kam er auf elf Ein­sätze. Danach irrte er als Leih­spieler quer durch Europa, kon­zeptlos, schlecht beraten, wäh­rend man in den USA längst einen anderen Spieler zum neuen Fuß­ball-Wun­der­kind erkoren hatte: den 18-jäh­rigen Brek Shea, der eben­falls in der Fuß­ball­schule in Flo­rida trai­nierte.

2011 ging Adu zurück in die USA. Bei Phil­adel­phia Union spielte er gut, aber sollte es das gewesen sein? Der Junge, der auf­brach, um den Welt­fuß­ball zu revo­lu­tio­nieren, war wieder zu Hause, gestrandet, geschei­tert. Also ging es 2012 erneut los. Es war der nächste Fehler, sagte Adu später. Denn weder in Bra­si­lien bei EC Bahia noch bei FK Jago­dina in Ser­bien fand er sein Glück. Anfang 2015 musste er fest­stellen, dass er in den letzten zwei­ein­halb Jahren gerade mal 59 Minuten gespielt hatte.

Habt ihr gesehen, wie ich den Tor­wart beim 1:0 gestört habe?“

Don­ners­tag­nach­mittag. Mikko Sep­pälä, der Pres­se­spre­cher, schickt eine SMS. Das Inter­view finde nun ganz sicher nach dem Spiel statt. Geschäfts­führer Jarmo Heis­kanen sagt: Freddy wird spielen, es ist das erste Heim­spiel der Saison, und wir haben es mit ihm beworben.“

2200 Zuschauer ver­teilen sich im Sta­dion. Unter dem Dach stehen die jungen Fans, die laut­stark und mit Trom­meln die Mann­schaft nach vorne peit­schen. Wenn Freddy am Ball ist, rufen sie Freddy, come on!“ Das Spiel gegen VPS Vaasa plät­schert dahin, viele Fehl­pässe, kaum Tor­raum­szenen, KuPS gewinnt 1:0, aber das eigent­liche High­light ist eine Möwe, die in der 80. Minute unter dem Gejohle der Fans aufs Feld scheißt. Adu ist da schon draußen. Er hat ordent­lich gespielt, ein paar Flanken geschlagen, ein paar Dribb­lings ver­sucht.

Nun steht er wieder in den Kata­komben, Bade­lat­schen, Hand­tuch um die Schul­tern. Freddy, die ner­vigen Deut­schen sind zurück. Freddy zieht die Mund­winkel hoch. Ja, diesmal lächelt er wirk­lich. Also, wie sieht’s aus? Nur 30 Minuten, kurz auf einen Kaffee oder ein Wasser? Viel­leicht morgen“, sagt er. Ich spreche mal mit meinem Berater.“ Dann legt er sich auf die Mas­sa­ge­bank. Habt ihr gesehen, wie ich den Tor­wart beim 1:0 gestört habe?“ Klar, Freddy. Super, Freddy.

In seinem Buch The Gold Mine Effect“ hat der Unter­neh­mens­coach Rasmus Ankersen die Geheim­nisse sport­li­cher Top­leis­tungen erforscht. Er ana­ly­siert darin auch den Auf­stieg und Fall des Freddy Adu und nimmt Bezug auf eine Studie der Psy­cho­login Carol Dweck. In einem Expe­ri­ment an der Uni­ver­sität von Hong­kong bemerkte sie eine inter­es­sante Ent­wick­lung: Die Stu­denten, die anfangs für ihre Intel­li­genz gelobt wurden, schnitten später schlechter ab als die Stu­denten, die durch ihren Fleiß auf­ge­fallen waren. Diese ver­suchten, sich stetig zu ver­bes­sern. Ankersen zieht nun eine Par­al­lele zu Adus Wer­de­gang. Er fragt, warum sich ein 14-Jäh­riger noch anstrengen sollte, wenn Pelé, der König des Fuß­balls, ihm erklärt, dass Gott ihm gol­dene Füße geschenkt habe? Adu ist bis heute Geisel einer Talent-Zuschrei­bung, die man ihm über­stülpt, seit er zehn Jahre alt ist“, resü­miert Ankersen.

Adu möchte dar­über nicht spre­chen. Habt ihr gesehen? Ich habe ihn gestört“, sagt er noch einmal, aber nur so, dass der Schieds­richter es nicht abpfeift!“ Dann wieder Mas­sage, dann wieder Handy. Also, bis morgen!“

Am Abend lesen der Reporter und der Foto­graf Freddy Adus Twitter-Time­­line von Anfang bis Ende. Ende März 2015 zitierte er Win­ston Chur­chill: Erfolg ist die Fähig­keit, von einem Miss­erfolg zum anderen zu gehen, ohne seine Begeis­te­rung zu ver­lieren.“ Wo ist Freddy wohl gerade? Wenige Sekunden später erscheint ein neuer Tweet in seiner Time­line: Habe gerade eben den Aven­gers-Film im Kino gesehen. Der war sehr gut. Aber ich bin auch sehr gespannt auf den Batman-vs.-Superman-Film.“

Ich muss erst mal wieder fit werden!“

Am Frei­tag­morgen hängen die Wol­ken noch tiefer über Kuopio als am Vortag. Freddy Adu kommt von der Mann­schafts­be­spre­chung und geht über den Park­platz zum Auto. Pres­se­mann Mikko Sep­pälä ist wieder unter­ge­taucht. Handy aus, keine SMS. Adu lacht: Der ver­steckt sich vor euch!“ Was hat der Berater gesagt? Keine Inter­views. Ich muss erst mal wieder fit werden!“ Warum Finn­land? Weil ich hier Ruhe habe!“ Und wel­ches Buch hast du gerade bei dir? Hey, wird das nun doch ein Inter­view?“

Adu startet den Motor. Der Repor­ter klopft noch mal an die Scheibe, eine letzte Frage. Wer soll gewinnen: Batman oder Superman? Freddy Adu zieht die Schul­tern hoch. Sind die nicht beide unbe­siegbar?“