Dirk Schuster, Sie haben heute einen kleinen Inter­view­ma­ra­thon hinter sich. Können Sie noch?
Klar, ich finde diese Auf­merk­sam­keit auch voll­kommen in Ord­nung. Es ist die Bestä­ti­gung dafür, dass wir diese Saison sehr gute Arbeit abge­lie­fert haben.
 
Im Winter 2014/15 sagten Sie in einem 11FREUNDE-Inter­view: Für uns geht’s ums Über­leben in der Liga“. Wie klingt der Satz heute für Sie?
Wie eine rea­lis­ti­sche Ein­schät­zung. Sie wissen ja auch, wo wir her­kommen. 2011 spielten wir noch in der Vierten Liga. Und zum Ende der Saison 2012/13 hielten wir die Dritte Liga nur, weil die Offen­ba­cher Kickers keine Lizenz erhielten. Sport­lich wären wir wieder abge­stiegen. Im Herbst 2014 wäre es ver­messen gewesen, über etwas anderes nach­zu­denken als über den Klas­sen­er­halt.
 
Sie sagten auch: Noch ein Jahr in der Zweiten Liga wäre toll.“ Sie wären also nicht ent­täuscht, wenn Darm­stadt nur Vierter wird?
Auf gar keinen Fall, wir haben unser Ziel schließ­lich längst erreicht. Aber jetzt haben wir das Spiel gegen Greu­ther Fürth, und da wollen wir gewinnen. Natür­lich war diese Saison nicht unbe­dingt zu erwarten, aller­dings haben wir recht früh gemerkt, dass wir eine kon­kur­renz­fä­hige Mann­schaft haben und mit anderen Zweit­li­gisten mit­halten können.
 
Wenn Sie das letzte Jahr Revue pas­sieren lassen: Was waren die wich­tigsten Momente?
Zunächst die Rele­ga­ti­ons­spiele gegen Arminia Bie­le­feld. Da haben wir erst­mals gespürt, was mög­lich sein kann, wenn alle an einem Strang ziehen. Wichtig waren auch die ersten beiden Sai­son­spiele: Das 1:0 gegen Sand­hausen, die sich gut ver­stärkt hatten. Und das Spiel in Ingol­stadt, wo wir bis zur 93. Minute mit 2:1 geführt haben. Schließ­lich auch der Moment Ende Februar, als wir durch einen Sieg gegen Braun­schweig die erhofften 41 Punkte auf dem Konto hatten.
 
Sie hatten Ihr Sai­son­ziel also recht früh erreicht. Mussten Sie Ihre Mann­schaft danach beson­ders moti­vieren, sich nicht zurück­zu­lehnen?
Über­haupt nicht. Wir haben uns die Tabelle jeden­falls nicht übers Bett gehängt, son­dern uns war klar, dass wir wei­terhin so viele Punkte wie mög­lich holen wollten. Man darf bei der ganzen Euphorie auch nicht ver­gessen, dass vieles bei uns optimal lief: Wir hatten zum Bei­spiel kaum gesperrte oder ver­letzte Spieler. Im Gegen­satz dazu haben einige andere Teams ihr Poten­zial nicht abrufen können. Ich denke da an St. Pauli, Nürn­berg, 1860 Mün­chen oder Braun­schweig. Mann­schaften, die eigent­lich in die Bun­des­liga gehören. 
 
Sie klingen wie ein Tra­di­tio­na­list.
Ein Stück weit bin ich das auch. Bei den genannten Ver­einen spüre ich jeden­falls, dass etwas über Jahr­zehnte gewachsen ist. Die Fans, die Sta­dien, die Liebe und Ver­bun­den­heit – das ist alles ganz anders…
 
…als in Leipzig?
Das will ich nicht beur­teilen. Zumal das ein rein emo­tio­nales Emp­finden ist. Von der Tra­di­tion her gehören die genannten Ver­eine in die Bun­des­liga. Aber ich bin kein Fan­tast, denn natür­lich spielen auch wirt­schaft­liche Fak­toren eine Rolle. Und wenn die Leip­ziger am Ende der Saison auf einem der ersten drei Plätze gestanden hätte, wäre ein Auf­stieg eben­falls ver­dient.
 
Darm­stadts Spie­leretat betrug im Sommer 2014 fünf Mil­lionen Euro. RB Leipzig hat nun Davie Selke für acht Mil­lionen Euro ver­pflichtet. Spüren Sie Genug­tuung?
Über­haupt nicht. Ich gucke eh nicht auf andere Ver­eine, zumal RB Leipzig in ganz anderen Gewäs­sern fischt als Darm­stadt 98. Uns macht es schlichtweg stolz, dass wir mit beschei­denen Mit­teln da stehen, wo wir jetzt stehen.
 
Gehört Darm­stadt denn in die Bun­des­liga?
Darm­stadt würde ich aus der Dis­kus­sion am liebsten raus­lassen. Dass ich für uns das Best­mög­liche wün­sche, ist ja klar. Rein emo­tional. Rein rea­lis­tisch haben wir in der Bun­des­liga gar nichts ver­loren.
 
Aber in der ersten DFB-Pokal­runde haben Sie doch gemerkt, dass Sie sogar mit Bun­des­li­gisten mit­halten können. Gegen den Pokal­fi­na­listen VfL Wolfs­burg verlor Darm­stadt erst im Elf­me­ter­schießen.
Das muss man rela­ti­vieren. Wir hatten bereits zwei Spiel­tage absol­viert, Wolfs­burg kam ganz frisch aus dem Trai­nings­lager. Zudem hatte Wolfs­burg einige WM-Fahrer im Kader, die erst spät zur Mann­schaft stießen. Wir haben jeden­falls nicht den Fehler gemacht, uns danach auf Augen­höhe mit Wolfs­burg zu sehen. Das sind unter­schied­liche Welten.