Seite 4: „Brudi, ich habe riesigen Respekt vor dir!“

Haben Sie sich schon an den Pro­fi­zirkus gewöhnt?
Es geht so, ich bin vom Typ her noch immer anders. Weil ich nie das Kon­kur­renz­denken ent­wi­ckelt habe, das viele meiner heu­tigen Kol­legen seit Jahren prägt. Viele der Jungs, die ihr Leben schon früh auf den Fuß­ball aus­ge­richtet haben, denken nur an sich. Das meine ich über­haupt nicht wer­tend, ich stelle es nur fest. Die wollten unbe­dingt Profi werden, von Hun­derten Kids das eine sein, das es am Ende schafft. Ich dagegen war lange Teil einer Kum­pel­truppe. Ich war ein ganz nor­maler Bauer. Dem­entspre­chend ist es auch heute noch so: Selbst wenn ich nicht spiele, freue ich mich über Siege. Klar bin ich nicht glück­lich, auf der Bank zu sitzen, aber ich umarme trotzdem jeden und denke: Geil, drei Punkte.“

Nicht nur des­halb dürften Sie unter Kol­legen als Son­der­ling gelten.
Sie meinen wegen meines Stu­diums?

Neben der Pro­fi­kar­riere stu­dieren Sie Psy­cho­logie.
An einer Fernuni, genau.

Wozu die Quä­lerei?
An einem nor­malen Tag gehe ich um neun Uhr zum Fuß­ball und bin um 15 Uhr wieder zu Hause. Dann habe ich noch einen halben Tag. Warum sollte ich mich vor die Xbox hocken und bis Mit­ter­nacht zocken? Da kann ich mich genauso gut noch zwei, drei Stunden bilden. Im besten Fall lebe ich ja nicht nur, bis ich 34 Jahre alt bin. Es gibt hof­fent­lich ein sehr langes Leben nach dem Fuß­ball.

Was denken die Kol­legen?
Der Ein­zige, der davon über­haupt etwas mit­be­kommt, ist mein Zim­mer­kol­lege. Wenn wir auf Aus­wärts­fahrt sind, hole ich ab und zu die Bücher raus.

Was sagt er?
Er sagt: Brudi, ich habe rie­sigen Respekt vor dir! Ich könnte mich dazu nicht moti­vieren.“ Doch bei mir ist es so: Natür­lich bin ich phy­sisch platt nach einer Ein­heit. Aber der Kopf funk­tio­niert ja noch. Ich habe mal ein Inter­view von Nils Petersen gelesen. Der meinte sinn­gemäß, dass er seit zehn Jahren ver­blöden würde. Ich finde, daran kann jeder, der es wirk­lich will, etwas ändern. Wenn er nicht ver­blöden möchte, soll er stu­dieren. Oder sich ander­weitig fort­bilden. Ich bin nicht schlauer als andere. Ich will nur die Energie, die ich in mir spüre, nicht ver­küm­mern lassen.

Warum Psy­cho­logie?
Ich inter­es­siere mich für Men­schen. Durch meinen Job bekomme ich ja unglaub­lich viel Input. Ich habe in meiner Kar­riere mit hin­ter­häl­tigen Men­schen zu tun gehabt. Ich erlebe in meinen Teams Men­schen aus den unter­schied­lichsten Län­dern und Kul­turen. Im Moment spiele ich zum Bei­spiel mit einigen Süd­ame­ri­ka­nern zusammen, etwa mit Papu Gomez oder Duvan Zapata. Die kommen aus einem kom­plett anderen Teil der Welt, die orga­ni­sieren ihr Leben ganz anders. Die sind nicht aus der Ruhe zu kriegen. Wir dagegen machen uns dau­ernd Stress. Zu sehen, wie Men­schen sich ver­halten, wie sie auf ähn­liche Situa­tionen kom­plett ver­schieden reagieren, das finde ich span­nend.

Wie würden Sie reagieren, wenn im Sommer ein Angebot aus der Bun­des­liga kommt? Angeb­lich soll aus­ge­rechnet Borussia Dort­mund an Ihnen inter­es­siert sein.
Ich habe noch nie in Deutsch­land auf hohem Niveau gespielt. Die Bun­des­liga bleibt also mein Traum. Aber aktuell bin ich in einer starken Liga, die wieder am Auf­blühen ist, und bei einem Verein, der immer mehr an Fahrt auf­nimmt. Ich strebe nicht auf Teufel komm raus nach der Bun­des­liga. Ich fühle mich in Ber­gamo zu Hause.