Seite 2: "Vielleicht spielt Arsenal bald nicht mehr in London"

Wie sehen das die jungen Arsenal-Fans?
Es gibt viele, die sich tat­säch­lich keine Spiele gegen Fulham mehr anschauen. Die wollen Fuß­ball-Block­buster am lau­fenden Band. Selbst wenn wir den FA Cup holen, ist ihnen das zu wenig Gla­mour. Es muss am besten immer die Cham­pions League sein.

Wer sind diese Leute?
Fans, deren Fuß­ball-Sozia­li­sa­tion über You­tube statt­ge­funden hat. Obwohl wir seit 2004 keine Meis­ter­schaft mehr gewonnen haben, ist bei dieser neuen Genera­tion das Anspruchs­denken sehr hoch. Dann sind viele Tou­risten im Emi­rates, Fans aus Asien, den USA oder auch Deutsch­land. Die zahlen hor­rende Preise auf dem Schwarz­markt und wollen Enter­tain­ment. Ich erin­nere mich an ein Heim­spiel gegen Lei­cester. Vor mir auf der Tri­büne standen drei Typen, die sich das Spiel auf dem Handy ange­schaut haben. Das muss man sich mal vor­stellen! In der Halb­zeit sind sie gegangen, weil ihnen zu kalt war. Denen ist es völlig egal, wo ihr Klub spielt, in Dubai oder auf dem Mond. Für solche Leute ist eine Super League.

Wäre eine Super League also das Ende des Fuß­ball­an­hän­gers, wie wir ihn kennen?
Die Super League wird Zuschauer haben, aber viel­leicht wird das Wort Fan dann nicht mehr passen. Viel­leicht sind es Inter­es­senten, die sich überall auf der Welt befinden. Es ist doch kein Zufall, dass die Ver­eine ihre Pres­se­mit­tei­lungen zur Super League gegen Mit­ter­nacht raus­ge­schickt haben. Eine klare Bot­schaft an die Arsenal-Inter­es­senten in Asien, die am Mon­tag­morgen auf­ge­standen sind und jubeln konnten. Super, bald noch mehr Arsenal, und bald viel­leicht nicht mehr in London.

Son­dern?
Viel­leicht in China. Viel­leicht in den USA. In Los Angeles lässt Stan Kro­enke (Arsenal-Besitzer aus den USA, d. Red.) gerade das teu­erste Sport­sta­dion der Welt bauen. Viel­leicht gäbe es in einer Super League nicht nur neue Arten von Fans, son­dern auch neue Klubs. Arsenal würde viel­leicht Arsenal Glo­be­trot­ters heißen. In der Welt von Leuten wie Kro­enke ist das ja total normal. Klubs werden hin und her­ge­schoben, bekommen neue Namen und neue Farben, erschließen neue Märkte – und absteigen muss in den Super­ligen auch nie­mand mehr. Man muss oft an Arsene Wenger denken, der schon früh von einer Super League gewarnt hat. Er sagte: Geht sorgsam mit den Werten des Klubs um.“ Und nun?

Die Fans hätten eine Kako­phonie ver­an­staltet!“

Wenger sprach von Tra­di­tion, die Klub­ei­gen­tümer spre­chen von Inter­na­tio­na­li­sie­rungs­stra­tegie.
Jeder große Klub schielt auf den glo­balen Markt. Man­chester United hat Cavani nicht wegen seiner sport­li­chen Qua­li­täten geholt, son­dern weil er inter­na­tional sehr bekannt ist. Auch Arsenal hat eine große Strahl­kraft, gerade in Asien und Afrika. Wenn die Mann­schaft in Bangkok gegen die thai­län­di­sche Natio­nal­mann­schaft spielt, kommen 50.000 Zuschauer. Wenn Inter dort spielt, ver­irren sich ein paar hun­dert im Sta­dion. Kaum ein Verein hat in Asien so viele Fans wie Arsenal. Viel­leicht noch Man­chester United und Liver­pool.

Woran liegt das?
Ende der neun­ziger Jahre, als das Internet aufkam, begannen die erfolg­rei­chen Jahre von Arsenal. Es war die Invin­ci­bles-Ära. Berg­kamp, Henry, Vieira, Wenger war Trainer. (Zwi­schen 1998 und 2005 wurde Arsenal viermal Pokal­sieger und dreimal Meister, d. Red.) Und in Asien und Afrika hockten die Leute vor den Fern­se­hern oder Streams und schauten die Pre­mier League, die ein paar Jahre zuvor gegründet wurde. Es war in jener Zeit nicht schwer, Men­schen für Arsenal zu begeis­tern. Einige Leute wun­dern sich ja, dass der Klub über­haupt Teil der Super League werden soll, aber ich glaube, es ist egal, wie gut oder schlecht die Mann­schaft in den ver­gan­genen Jahren gespielt hat – sie wäre sogar als Zweit­li­gist dabei, weil sie diese extreme inter­na­tio­nale Reich­weite hat.

Am Freitag spielt Arsenal gegen Everton. Was erwarten Sie?
Es wird, trotz Corona, Pro­teste vor dem Sta­dion geben. Super League ist dann nicht mehr das Thema. Aber die Leute werden gegen Kro­enke pro­tes­tieren. Kro­enke out! Dar­über kann es keine zwei Mei­nungen geben. Es ist ja auch kein Zufall, dass die Super League jetzt aus­ge­rufen wurde – in der Pan­demie, ohne Zuschauer. Am Mon­tag­abend hat Leeds gegen Liver­pool gespielt, ich bin mir sicher, das Sta­dion hätte gekocht, die Fans hätten eine Kako­phonie ver­an­staltet.

Wel­chen Wett­be­werb mögen Sie?
Den Uefa-Cup. Das war ein Sam­mel­be­cken für viele große Tra­di­ti­ons­klubs, aber auch Under­dogs. Die Cham­pions League fand ich immer scheiße. Teams, die in ihren Ligen nur Dritter oder Vierter geworden sind, stehen plötz­lich im Finale um den wich­tigsten Titel in Europa. Aber ich weiß natür­lich auch, du kannst das Rad nicht zurück­drehen. Schauen Sie mal nach Eng­land: Als Abra­mo­witsch bei Chelsea ein­stieg, haben so viele Leute gepö­belt, der kauft sich Titel, das ist unfair. Und nun schimpfen sie auf ihre eigenen Klubs, wenn ihr Eigen­tümer kein Mul­ti­mil­li­ardär, son­dern nur ein Mul­ti­mil­lionär ist, der ihnen nicht den 100-Mil­lionen-Euro-Star holen kann. Man gewöhnt sich an vieles, auch an Dinge, die man einst kri­ti­siert hat.

Auch an eine Super League?
Der Arsenal Sup­por­ters Trust schrieb am Montag: Dies bedeutet den Tod all dessen, um das es beim Fuß­ball gehen sollte.“ So sehe ich es auch, und so sehen es alle bei uns im Fan­klub: Wenn Arsenal das durch­ge­zogen hätte, wäre der Verein gestorben.