Seite 3: „Daran ist nur eine Person schuld: Willi Lemke“

Gibt es Fouls, die Ihnen heute leidtun?
Ja, an eines erin­nere ich mich noch genau. 1990 spielten wir im Halb­fi­nale des UEFA-Cups mit Werder gegen den AC Flo­renz. Schon nach wenigen Minuten fing ich einen Ball ab und sprin­tete über die Mit­tel­linie. Aber ich legte ihn mir zu weit vor, der Flo­renz-Spieler Celeste Pin sprin­tete direkt auf mich zu. Der Ball lag zwi­schen uns, und wir sind beide mit gestreckten Beinen aus drei Metern auf­ein­ander zuge­flogen. Es krachte fürch­ter­lich, und ich wusste im ersten Moment nicht, wen von uns beiden es erwischt hatte. Ich stand auf, Pin nicht. Unter­halb seines rechten Knies war alles zer­trüm­mert. Andert­halb Jahre blieb er ver­letzt. Ich schickte ihm Blumen, aber die Ent­schul­di­gung hat er nie ange­nommen. Natür­lich tut mir das leid, ich bin ja keine Maschine.

Hatten auch Sie mal Angst vor einem Gegen­spieler?
Angst nie, aber Respekt. Im Euro­pa­po­kal­fi­nale 1992 in Lis­sabon spielte ich mit Werder gegen den AS Monaco. Mein Kon­tra­hent war George Weah. Auf den habe ich ein­ge­treten, bis mir die Stollen abge­bro­chen sind, und trotzdem hat er sich nicht ein ein­ziges Mal beschwert.

Ende der Acht­ziger trafen Sie auch auf Diego Mara­dona.
Das erste Mal spielten wir im Zuge des Vier-Länder-Tur­niers im April 1988 in Berlin gegen­ein­ander. Franz Becken­bauer schickte mich auf die linke Seite, um Claudio Caniggia kalt­zu­stellen. Aber nach zwei Minuten wech­selte der mit Mara­dona die Seiten. Da stand ich nun bei meinem Natio­nal­mann­schafts­debüt dem besten Fuß­baller der Welt gegen­über. Ein abso­lutes High­light! Dass ich damals nicht vor lauter Auf­re­gung zusam­men­ge­bro­chen bin, ver­stehe ich bis heute nicht.

Aber Sie haben ihn aus­ge­schaltet.
85 Minuten lang trat ich auf ihn ein, dann war das Spiel vorbei, wir gewannen 1:0, und ich fragte ihn nach seinem Trikot. Wie der geguckt hat! Das Pro­blem war nur: Klins­mann, Mat­thäus, Völler – alle wollten dieses Trikot. Sofort zerrte ich Mara­dona in den Spie­ler­tunnel, zog ihm das Ding ein­fach aus und gab ihm meins. Ich musste es sogar mit unter die Dusche nehmen, sonst hätte der Lothar es mir aus der Tasche geklaut.

Ihr größter sport­li­cher Erfolg war der Gewinn des Euro­pa­po­kals der Pokal­sieger 1992. Beim Ban­kett ließen Sie sich von Dieter Eilts eine Glatze scheren, lange bevor es Mode wurde. Warum?
Schon nach dem Sieg in der ersten Runde gegen den FC Bacau hatte ich in lockerer Runde ange­kün­digt: Jungs, wenn wir den Pokal holen, lassen wir uns alle die Haare abra­sieren!“ Alle waren begeis­tert und wollten mit­ma­chen. Aber als wir das Finale gegen Monaco tat­säch­lich gewonnen hatten, ließen die sich alle nur so einen albernen Igel­schnitt ver­passen. Ich war der Ein­zige mit Voll­glatze. Typisch Borowka! Aus dem nächsten Bun­des­li­ga­spiel gibt es ein tolles Bild: Anthony Yeboah und ich steigen hoch, zwi­schen uns schwebt der Ball – wie drei Bow­ling­ku­geln.

In dieser Partie hätte Ein­tracht Frank­furt durch einen Sieg den ent­schei­denden Schritt zur Meis­ter­schaft machen können.
Es wäre ein Leichtes gewesen, uns zu besiegen, weil wir immer noch total blau waren. Aber schon im Spie­ler­tunnel sah ich, wie nervös die Frank­furter waren. Macht euch mal keine Sorgen“, sagte ich. Das wird schon. Unsere Saison ist gelaufen. Außerdem wollen wir hin­terher mit euch anstoßen!“ Und was machen die? Treten von der ersten Minute an wie die Irren! Binz! Gründel! Selbst der Möller! Och, nöööööö!“, habe ich gedacht – und dann haben wir dagegen gehalten. Am Ende stand es 2:2, Frank­furt verlor das letzte Spiel in Ros­tock, und Stutt­gart wurde Meister. Blöd gelaufen.

1996 ging Ihre Zeit in Bremen zu Ende. Eigent­lich wollten Sie zu Leeds United wech­seln. Woran schei­terte der Transfer eigent­lich?
Daran ist nur eine Person schuld: Willi Lemke, der Manager.

Ich habe ihn wüst beschimpft!“

Das müssen Sie uns erklären.
Im Januar 1996 wollte ich weg, weil ich unter Reh­ha­gels Nach­folger Aad de Mos ich nicht mehr zum Zuge kam. Dazu kamen die immer schlim­meren Sau­fe­reien, der Ärger mit der Polizei – ich musste ein­fach raus. Leeds United wollte mich haben und lud mich zum Pro­be­trai­ning ein. Also bin ich zu Lemke ins Büro gelaufen und habe ihn gefragt: Willi, kann ich das machen, lasst ihr mich gehen?“ Er sagte: Uli, du hast neun Jahre alles für diesen Verein gegeben. Wenn dich ein anderer Verein haben will, kannst du ablö­se­frei wech­seln.“

Wie ging es weiter?
Ich blieb zwei Wochen zum Pro­be­trai­ning in Leeds, am Ende war klar: Sie wollten mich unbe­dingt ver­pflichten. An einem Sonntag kehrte ich nach Bremen zurück, am Montag bat ich Lemke um den ver­spro­chenen Auf­he­bungs­ver­trag. Doch er wollte davon nichts mehr wissen und for­derte eine hohe Ablöse aus Eng­land. Zwei Wochen habe ich alles ver­sucht, dann hatte Leeds genug und ver­pflich­tete einen anderen Spieler. Kurz darauf bat mich Lemke in sein Büro: Uli, jetzt bist du ablö­se­frei.“

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe ihn wüst beschimpft! So wüst, dass ich dafür fünf Monats­ge­hälter Strafe zahlen musste. Von da an war Willi Lemke für mich gestorben.

Ihre Kar­riere als erfolg­rei­cher Profi-Fuß­baller eben­falls.
Für kurze Zeit turnte ich noch für Han­nover 96 über den Platz, bis man mich dort wegen wei­terer Alko­hol­eska­paden raus­schmiss. Immerhin bin ich dann noch 1997 mit Widzew Lodz als erster deut­scher Fuß­baller pol­ni­scher Meister geworden!