Seite 2: „Ich bin nicht mehr vermittelbar“

Irgend­wann waren die Eska­paden nicht mehr zu ver­bergen.
Nach Reh­ha­gels Wechsel zum FC Bayern 1995 platzte die schüt­zende Blase. Ich soff nun quasi in der Öffent­lich­keit, baute einen Ver­kehrs­un­fall und ver­brachte eine Nacht in der Aus­nüch­te­rungs­zelle. Einmal wachte ich sogar unter einer Brücke auf und hatte einen rie­sigen Cut im Schädel. Ich wusste nicht, wie das pas­siert war. War ich von der Brücke gefallen? Hatte mir jemand einen über­ge­zogen? Ich wusste nur: Ich stand mit andert­halb Beinen im Grab.

Sie haben erzählt, dass Ihre Freunde Hoch­stätter und Jacobs Sie schließ­lich in die Ent­zie­hungs­klinik ver­frach­teten. Was haben Sie dort erlebt?
Ich habe einen Men­schen getroffen, der nur noch ein halbes Jahr zu leben hatte. Ein anderer galt eigent­lich als geheilt, und am Tag nach seiner Ent­las­sung hat er sich mit Benzin über­schüttet und ange­zündet. Ich aber wollte über­leben. Unbe­dingt.

Nach vier Monaten wurden Sie ent­lassen und waren tro­cken. Wie ging es dann für Sie weiter?
Ich habe mich bei etli­chen Ver­einen als Trainer beworben, aber ich bekam von allen eine Absage, auf­grund deiner Alko­hol­krank­heit“, wie es hieß. Ich bin nicht mehr ver­mit­telbar, und das wird wohl auch so bleiben.

Haben Sie sich je einsam gefühlt?
Manchmal schon. Als ich mit meiner dama­ligen Frau ein Haus baute, wollte ich auch einen Kühl­raum haben, um dort Obst und Gemüse ein­zu­la­gern. Als sie mich dann mit den Kin­dern ver­lassen hatte, habe ich mich da rein­ge­setzt und einen Kasten Wei­zen­bier leer gemacht.

Als 1995 berichtet wurde, Sie seien im Alko­hol­rausch gewalt­tätig gegen­über Ihrer Frau geworden, soll KSC-Trainer Winnie Schäfer seinen Spie­lern ein­ge­bläut haben, Sie doch mal auf Ihre Ehe­pro­bleme anzu­spre­chen.
War er dabei, als das bei uns zu Hause pas­sierte? Waren Sie dabei? Winnie Schäfer ist ein schlechter Mensch. Mehr sage ich dazu nicht.

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Waren Sie auch auf dem Platz so einsam wie in Ihrem Kühl­raum?
Einsam nicht, aber allein. Allein gegen alle – das war meine Hal­tung. Ins Dort­munder West­fa­len­sta­dion bin ich zum Bei­spiel immer absicht­lich als Letzter ein­ge­laufen. Mein Gott, haben die mich aus­ge­pfiffen, haben die gebuht! Und ich habe es genossen, im Adre­nalin zu baden.

Da hätten Sie doch Ihre Droge gehabt. Wozu dann noch der Alkohol?
Um wieder run­ter­zu­kommen. Wenn du von Zehn­tau­senden aus­ge­buht wirst, bist du eine halbe Stunde nach dem Spiel nicht schon wieder auf Nor­mal­tem­pe­ratur. Dann brauchst du ein Bier­chen. Aber ich brauchte bald zwei, dann vier, sechs …

Wie war Ihr Ver­hältnis zu anderen Profis?
Den Umständen ent­spre­chend. Ich wurde von den Kol­legen regel­mäßig mit weitem Abstand zum unbe­lieb­testen Bun­des­li­ga­spieler gewählt. Wenn ich sie dann zur Rede stellte, Jürgen Klins­mann, Andreas Möller oder wie sie alle hießen, dann haben sie immer nur gesagt: Wer? Ich? Nie­mals!“ Darauf ich: Na gut, dann werde ich heute dafür sorgen, dass du mich beim nächsten Mal wählst.“

Olaf Thon begrüßten Sie mal mit den Worten: Heute breche ich dir die Beine.“
Zum Job eines Vor­stop­pers gehörte es damals, Angst zu ver­breiten. Sie hätten sehen müssen, wie die weg­ge­rannt sind vor mir! Herr­lich! Wenn ich gegen den Möller spielte, war der nach wenigen Minuten plötz­lich der zweite Libero, tief in der eigenen Hälfte, damit er mir ja nicht begeg­nete. Nur bei einem ist meine Stra­tegie nicht auf­ge­gangen.

Wer war der Furcht­lose?
Der Schwatte“ – Ulf Kirsten! Kaum war das Spiel ange­pfiffen, hatte ich auch schon seinen Stol­len­ab­druck auf der Wade. Ein geiler Stürmer!