Seite 3: „Scheiße, das hätte auch dich treffen können“

Wie wirkten sich die Vor­komm­nisse auf das Team aus?
Merk­wür­di­ger­weise erstmal gar nicht. Am nächsten Morgen habe ich die Whatsapp-Gruppe unseres Teams geöffnet, gelesen, dass wir vor­mit­tags trai­nieren und bin dann im Schlän­gel­kurs an den Pan­zern vor­bei­ge­fahren. Völlig sur­real. Das Team traf sich in der Kabine. Und obwohl es in unserer Mann­schaft viele Türken gab, sprach kaum jemand über das Thema. 

Der Putsch­ver­such der tür­ki­schen Armee wurde nicht the­ma­ti­siert?

Damals waren die Ereig­nisse noch völlig unüber­sicht­lich und wir haben uns gefreut, schnell wieder Fuß­ball zu spielen. Im Nach­hinein mag das absurd wirken, aber damals erzeugte es ein außer­ge­wöhn­li­ches Bild: Egal, was da draußen pas­siert – unser Team rückt zusammen und bleibt geschlossen. Das gab mir ein Gefühl der Sicher­heit. 

In dieser Spiel­zeit wurde Beşiktaş tür­ki­scher Meister. Die Meis­ter­feier…

… kann ich kaum in Worte fassen. Ich weiß, dass die tür­ki­schen Fans welt­weit für ihre Emo­tio­na­lität bekannt sind. Was unsere Meis­ter­schaft mit Beşiktaş aus­löste, sprengt aber trotzdem jede Vor­stel­lungs­kraft. 

Also mehr als der übliche Korso mit dem Mann­schaftsbus? 

Nachdem der Titel­ge­winn fest­stand, hatten wir noch ein Heim­spiel. Wir reisten mit dem Schiff über den Bos­porus zum Sta­dion und wurden in hun­derten Booten von unseren Fans begleitet. Von allen Seiten explo­dierten Feu­er­werke. Es fühlte sich an, als ob ganz Istanbul wegen uns jubelte. 

Sie fei­erten schon vor dem Spiel?

Ja, rech­ne­risch war die Partie schließ­lich egal. Als wir nach ein paar Stunden am Sta­dion ankamen, schwenkte die Stim­mung aber sofort um. Die Beşiktaş-Anhänger gehen jedes, aber auch wirk­lich jedes ein­zelne Spiel wie ein abso­lutes Finale an. Und das meine ich nicht als Floskel. Vorher fei­erten sie uns fre­ne­tisch von allen Seiten des Bos­porus’, jetzt ent­fal­teten sie wieder den schier unglaub­li­chen Druck ihrer Heim­par­tien. Egal ob Trainings‑, Meis­ter­schafts- oder Pokal­spiel: Läufst du im Beşiktaş-Sta­dion auf, musst du gewinnen.

Das klappte in ihrer Zeit meis­tens. 

Genau, dort habe ich zwei Meis­ter­titel gewonnen und sowohl in der Cham­pions League, als auch der Europa League gespielt. Eine her­aus­ra­gende Zeit meines Lebens – auch wenn die Fei­er­lich­keiten unseres Titel­ge­winns im Nach­hinein auf schlimmste Weise über­schattet wurden. 

Sie fei­erten damals im Reina“. Einem Club, in dem ein paar Monate später am Sil­ves­ter­abend 39 Men­schen erschossen wurden. 

Genau. Ich weiß noch, wie der Ver­eins­prä­si­dent bei unserer Party mit ein paar Pyro­fa­ckeln in der Hand tanzte. Alle im Team fei­erten damals so aus­ge­lassen. Ein halbes Jahr später pas­sierte dann der Anschlag.

Ein Ter­ro­rist des Isla­mi­schen Staats“ drang in den Nacht­club ein und feu­erte mit seiner Waffe in die Menge. Wie haben Sie von dem Attentat erfahren? 

Ich habe an Neu­jahr mein Handy ange­stellt und sofort die ersten Mel­dungen gelesen. Im ersten Moment ging mir nur durch den Kopf: Scheiße, das hätte auch dich treffen können“. Wäre ich ein paar Jahre jünger gewesen, hätte ich viel­leicht selbst Sil­vester in diesem Club ver­bracht. Jetzt sind dort so viele junge Men­schen gestorben, die ein­fach nur das neue Jahr feiern wollten. Genau so, wie wir als Team kurze Zeit zuvor dort getanzt haben. Ein schreck­li­cher und immer noch unbe­greif­li­cher Gedanke. 

Wie ver­än­dert so ein Anschlag die Sicht auf die eigene Kar­riere? 

Wie gesagt, sport­lich war die Zeit dort sehr erfolg­reich. Zudem lebten meine Frau und ich zwei Jahre in einer tollen Stadt mit tollen Men­schen. Das prägt – ebenso aber wie die anderen, schweren Momente.

Gingen Sie danach noch vor die Tür?

Nach Anschlägen wird immer und überall pro­pa­giert, alles müsse jetzt erst Recht“ genau so wei­ter­gehen. Das ver­sucht man, aber das stimmt so nicht. Natür­lich hatte ich immer mal wieder Angst, natür­lich war mir danach manchmal mulmig, wenn ich raus­ging. Vor allem direkt nach so einem Ereignis. Und doch muss ich sagen: Diese mutige Hal­tung der Istan­buler, sich wirk­lich nicht unter­kriegen zu lassen und nach jedem Rück­schlag wei­ter­zu­ma­chen, färbt ab. Ich bin zwar etwas bedachter vor die Tür getreten, wollte mir aber auch selbst beweisen, dass ich mir durch Terror nicht das Leben dik­tieren lasse.