Seite 2: „Die Kampfjets flogen direkt vor unserem Fenster her“

Spielten die kata­stro­phalen Lebens­be­din­gungen für Gast­ar­beiter in Katar bei der Ent­schei­dung für den Klub eine Rolle? 

Natür­lich nehme ich das wahr und mache mir dar­über Gedanken. Letzt­end­lich hat mich die Aus­sicht über­zeugt, in einem jungen und talen­tierten Team als Füh­rungs­spieler gebraucht zu werden – und noch einmal in einem neuen Land meinen Hori­zont zu erwei­tern.

Der FC Liver­pool stor­nierte kürz­lich eine von der FIFA getä­tigte Hotel­bu­chung, nachdem Kritik an den unzu­mut­baren Arbeits­be­din­gungen der Hotel­an­ge­stellten aufkam. 
Ich sehe, worauf sie hin­aus­wollen. Viel­leicht bin ich dafür ein­fach zu sehr Fuß­baller und zu wenig Poli­tiker. 

In der Vor­be­rei­tung geht es also nach Katar?

Nach Doha. Mein erster Ein­druck ist übri­gens, dass der Verein extrem pro­fes­sio­nell, seriös und leis­tungs­ori­en­tiert geführt wird. Für die jungen Spieler soll ich außerdem ein Fix­punkt sein. Sie sollen sich an mir ori­en­tieren, so wie ich damals beim VfB an Zvonimir Soldo oder Fer­nando Meira.

Was heißt das kon­kret? 

Die Spieler schauen, wie ich auf Rück­schläge oder Erfolgs­er­leb­nisse reagiere. Wie ver­halte ich mich vor dem Spiel, wie danach? Mit meiner Erfah­rung kann ich da helfen. 

Diese jungen Spieler kommen durch Aspires Scou­ting aus aller Welt in die bel­gi­sche Pro­vinz. Viele wollen sich dort für höhere Auf­gaben emp­fehlen. Pole­misch gefragt: Wie ist es, für einen Verein zu spielen, von dem eigent­lich alle weg wollen? 

Das würde ich anders for­mu­lieren. Zuerst einmal haben die Jungs hier die Chance, in einer guten Liga Fuß­ball zu spielen. Außerdem geht es, wenn wir ehr­lich sind, im Fuß­ball immer einen Schritt höher. Jeder würde gerne in die Pre­mier League oder Cham­pions League – egal, ob er für Hof­fen­heim oder Eupen auf­läuft. Die Jungs hier in Bel­gien ver­su­chen sich auch für einen grö­ßeren Verein zu emp­fehlen. Und das klappt übri­gens ganz gut.

Inwie­fern? 

Schauen Sie mal, wie viele Talente aus Bel­gien kommen. Die Cham­pions League ist gespickt mit Spie­lern, die in bel­gi­schen Ver­einen aus­ge­bildet wurden. Jetzt spielen wir hier Woche für Woche gegen poten­zi­elle zukünf­tige Top­stars – das finde ich auf­re­gend. 

In der Cham­pions League liefen Sie selbst für Beşiktaş Istanbul auf. Rück­bli­ckend die beste Zeit ihrer Kar­riere? 

Sport­lich auf jeden Fall. Auch das Leben in Istanbul und die Offen­heit der Men­schen haben mich geprägt. Aber es gibt auch Dinge, auf die ich mit gemischten Gefühlen zurück­blicke.

Welche?

Es gab zwei prä­gende Erleb­nisse: Der Putsch­ver­such der tür­ki­schen Armee im Sommer 2016, sowie der Anschlag auf den Istan­buler Nacht­club Reina“.

Wie haben Sie den Tag des Putsch­ver­suchs in Erin­ne­rung? 

Den Putsch habe ich quasi direkt mit­er­lebt. Der 15. Juli 2016 war ein Som­mertag. Wir hatten nach­mit­tags eine Ein­heit mit dem Team. Als ich vom Trai­nings­ge­lände, das auf der asia­ti­schen Seite Istan­buls liegt, zu meiner Woh­nung im euro­päi­schen Teil fahren wollte, spürte ich eine merk­wür­dige Atmo­sphäre. Irgend­etwas lag in der Luft, die Men­schen wirkten so ange­spannt. Schließ­lich kam ich mit meinem Auto an der Bos­porus-Brücke an – und dann sah ich die Panzer.

Was löste dieser Anblick in Ihnen aus? 

Durch das Leben in Istanbul war ich einiges gewohnt, rie­sige Panzer auf einer Brücke aber nicht. So etwas löst immer ein beklem­mendes Gefühl aus, ruft Angst hervor. Ich konnte auch nicht ein­schätzen, was das Militär auf den Straßen zu bedeuten hatte. Zudem war meine Frau zu dieser Zeit hoch­schwanger.

Wie ging es weiter?

Glück­li­cher­weise war die Brücke nicht kom­plett gesperrt, nach dem Trai­ning war ich gerade noch recht­zeitig unter­wegs. Also fuhr ich so schnell wie mög­lich zu meiner Frau und blieb mit ihr den gesamten Abend in der Woh­nung. Wir haben den Fern­seher ange­stellt und ver­sucht zu ver­stehen, was draußen vor sich ging. Auch wenn mein Tür­kisch noch nicht gut war, habe ich irgend­wann rea­li­siert, dass wir gerade mitten in einem Putsch­ver­such in Istanbul ste­cken.

Spielten sich die Ereig­nisse unmit­telbar in ihrer Umge­bung ab? 

Das wäre noch zurück­hal­tend for­mu­liert. Unsere schöne Hoch­haus­woh­nung befand sich mitten in der Stadt. Nor­ma­ler­weise müssen Flug­zeuge dort eine gewisse Höhe ein­halten, dem Militär war das an diesem Tag jedoch egal. Die Kampf­jets flogen direkt vor unserem Fenster her. Alles war laut, bedrü­ckend, beängs­ti­gend. Wir haben von oben beob­achtet, wie die Men­schen zur Bos­porus-Brücke rannten, um dem Militär Wider­stand zu leisten. Das waren teil­weise bür­ger­kriegs­ähn­liche Zustände. Als wir schlafen gingen, hat immer noch die gesamte Woh­nung auf­grund der Mili­tär­flieger vibriert. Die Wände, die Fenster: alles ruckelte. Dieser Abend hat sich in mein Gehirn gebrannt.