Oliver Kahn, kaum ein deut­scher Profi pola­ri­siert so wie Sie. Wer sind für Sie die unan­ge­nehmsten Fans in der Bun­des­liga?

Kann ich nicht sagen, denn ich habe den Ein­druck, dass man mir inzwi­schen überall mit Respekt begegnet.

Obwohl immer noch ab und an Bananen in Ihren Sech­zehner fliegen?


Für mich sind auch diese Aktionen unter­schwel­lige Respekts­be­kun­dungen.

Die Fans von Bayern Mün­chen gelten als aus­neh­mend fried­lich. Inwie­weit bekommen Sie mit, wie in den Sta­dien unter­klas­siger Teams die Gewalt stetig zunimmt?

In der Tat: Mün­chen ist in dieser Hin­sicht eine Oase und wir bekommen hier nur wenig mit. Gewalt ent­steht nicht im Fuß­ball, son­dern sie ent­steht in der Gesell­schaft. Der Fuß­ball ist dann das Ventil. Des­halb ist es sehr pro­ble­ma­tisch, wenn Hass auf dem Spiel­feld seine Fort­set­zung findet. Es ist fatal, wenn beim Cham­pions-League-Spiel zwi­schen dem FC Valencia und Inter Mai­land, ein Spieler einem anderen das Nasen­bein bricht. Schließ­lich üben wir als Spieler eine Vor­bild­funk­tion aus.

Das sagen aus­ge­rechnet Sie, der auf dem Feld mit­unter auch sehr aggressiv auf­tritt?

Sicher­lich gehört eine gewisse posi­tive Aggres­si­vität zu meinem Spiel, aber ich habe noch nie einen Spieler vor­sätz­lich ver­letzt. Über meine Kinder bekomme ich ein gutes Gefühl dafür, welche Vor­bild­funk­tion ich als öffent­liche Person habe. Die machen alles nach, was sie im Fern­sehen sehen. Trotzdem bin ich nur ein Mensch und auch mir unter­laufen Fehler.

Haben Sie sich in der Schule geprü­gelt?


Im Gegen­teil, ich war eher der, der weg­ge­laufen ist, wenn es brenzlig wurde.

Wie setzen Sie Ihre Kör­per­sprache auf dem Platz kon­kret ein. Was sind beson­ders mäch­tige Gesten?

Das erfolgt intuitiv. Aber natür­lich ver­suche ich, abso­lute Prä­senz auf dem Platz aus­zu­strahlen. Ein Tor­wart muss eine Aura ent­wi­ckeln, die jedem auf dem Platz anzeigt, dass er zu 100 Pro­zent bei der Sache ist – auch wenn er 90 Minuten nur hinten drin steht.

Hilft Ihnen auf dem Platz auch Ihr Image als Über­mensch, als Titan, das auch durch viele Wer­be­spots trans­por­tiert wurde?


Natür­lich spüre ich den Respekt, mit dem mir Gegner gegen­über­treten. Das habe ich mir über die Jahre erar­beitet. Es ist wahr­schein­lich schon so, dass ein Stürmer, der auf Oliver Kahn zuläuft, eher ins Grü­beln kommt, als wenn er vor einem unbe­kannten Keeper steht.

Was emp­finden Sie, wenn Sie sich als Riese am Aus­gang zum Münchner Flug­hafen über die Auto­bahn hechten sehen?

Es war schön für mich, auf diese Art und Weise zu so etwas wie dem Wahr­zei­chen der WM zu werden.

Mögen Sie denn Ihr Image?


Ich schaue mir kaum noch eine TV-Sen­dung an, in der ich auf­trete. Im Übrigen ist mir Authen­ti­zität immer wich­tiger als Image.

Würden Sie gene­rell sagen, dass Ihnen die Fern­seh­me­dien liegen?

Ich habe medial meines Erach­tens noch nie große Pro­bleme gehabt. Aber natür­lich arbeitet man auch an der einen oder anderen Sache.

Was geht Ihnen mit fast 38 Jahren durch den Kopf, wenn Sie nach dem Spiel immer noch die Stan­dard­fragen der Feld-Repor­tern beant­worten müssen?

Achten Sie mal drauf, wenn Sie mich das nächste Mal sehen: Ich fasse mir ans rechte Ohr, schaue am Reporter vorbei und rede irgendein Zeug, das ich inzwi­schen selbst nicht mehr hören kann. Daran erkennen Sie, dass ich diese Frage schon 100-mal in meiner Kar­riere beant­wortet habe.

Ist Ihnen bewusst, was Sie in diesen Situa­tionen sagen oder spulen Sie da nur Plat­ti­tüden ab?


Manchmal gebe ich Inter­views, wäh­rend ich noch ganz woan­ders bin. Unmit­telbar nach Spielen bin ich oft noch zu sehr mit der Begeg­nung beschäf­tigt, um ver­nünf­tige Aus­sagen zu treffen. Des­wegen halte ich diese Gespräche auch schlicht für unsinnig. Aber es gehört eben dazu.


Sie beenden Ihre aktive Lauf­bahn im Sommer 2008. Wie unter­scheiden sich die Typen Ihrer Genera­tion von den Spie­lern, die jetzt nach­kommen?


Mir fällt nur auf, dass viele junge Spieler – 20, 21 Jahre alt – bereit sind, viel zu arbeiten, aber bei allem auch der Spaß eine große Rolle spielen muss.

Der Spaß am Fuß­ball oder der Spaß am Leben?

Spaß in jeder Hin­sicht. Ich bin anders erzogen worden, auch was die Theorie anbe­trifft. Meine Trainer haben mir bei­gebracht, dass Dis­zi­plin und harte Arbeit immer die Grund­lage für Erfolg ist.

Ist es denn schlecht, wenn ein Mensch ver­sucht, Spaß an seinem Beruf zu haben?


Im Gegen­teil. Ich sage nicht, dass mein Weg der aus­schließ­lich rich­tige war. Aber ich sollte mich nicht zu schnell zufrieden geben. Mich befrie­digt es nicht, wenn alle ihren Spaß gehabt haben und am Ende ein dritter Platz dabei her­aus­kommt. Für mich zählte immer nur eins: der erste Platz.

Mit anderen Worten, ohne Erfolg haben Sie keinen Spaß am Fuß­ball.


Es ist eine ein­fache Glei­chung: Aus dis­zi­pli­nierter Arbeit ent­steht Erfolg und Erfolg macht Spaß. Miss­erfolg macht mir keinen Spaß. Die junge Spieler-Genera­tion muss erst einmal zeigen, ob ihr Weg über Locker­heit und Spaß auch zum Erfolg führt.

Aber mit Manuel Neuer bei Schalke 04 oder René Adler bei Bayer Lever­kusen zeigen gerade zwei junge Tor­hüter, wie Ehr­geiz und Anspruchs­denken schon früh zu Erfolg führt.

Adler und Neuer sind junge talen­tierte Spieler, die einige Male gut gespielt haben. Ob sie das Zeug dazu haben, ganz Große zu werden, wird sich zeigen.

Aber die Fuß­ball­szene ist doch so über­schaubar, dass Sie als Spit­zen­tor­hüter wissen, was Männer wie Adler und Neuer drauf haben?

Es sind schon viele Spieler ähn­lich eupho­risch gestartet, in die erste Krise gekommen, und plötz­lich wieder in der Ver­sen­kung ver­schwunden. Trotzdem können die beiden ja nichts für den Hype, der um ihre Person gemacht wird.

War Ihnen auch schon mit 20 bewusst, wie steinig und ent­beh­rungs­reich der Weg zum Welt­tor­hüter wird?


Damals war auch ich extrem unge­duldig und wollte so schnell wie mög­lich die Nummer Eins werden.

Was Ihnen bei Ihrem Stamm­verein Karls­ruher SC auch etwas leichter fiel als Michael Ren­sing als Nummer Zwei hinter Oliver Kahn beim FC Bayern.

Ich habe großes Glück gehabt, dass ich bei einem Verein anfangen konnte, der nicht so extrem im Fokus der Öffent­lich­keit stand. Dort konnte ich mich in Ruhe ent­wi­ckeln und die Sub­stanz auf­bauen, die mir später bei Bayern zugute kam.

Ein Gerücht besagt, dass Alex­ander Famulla, damals die Nummer Eins beim KSC, mit Ihnen nicht das Dop­pel­zimmer teilen wollte, weil er Angst hatte, Sie würden ihm aus Ehr­geiz nachts das Kissen ins Gesicht drü­cken.

(lächelt) Damit hat irgendein Jour­na­list einmal ver­sucht, meinen dama­ligen Ehr­geiz zu beschreiben. Damals ver­fügte ich natür­lich noch nicht über meine heu­tige Erfah­rung, also habe ich einen unbän­digen Trai­nings­willen an den Tag gelegt. Auf einige wirkte das offen­sicht­lich etwas fana­tisch.

Haben Sie mit Famulla je das Zimmer geteilt?


Ja. Und, ehr­lich, es lief absolut okay zwi­schen uns beiden.

Sind Sie für Freunde mit Ihrem Ehr­geiz nicht manchmal eine bru­tale Spaß­bremse?

Sie unter­liegen einem Denk­fehler. Im Fuß­ball bin ich der Wett­kämpfer, im Pri­vaten bin ich der Mensch. Auf dem Platz will ich immer gewinnen, das ist meine Auf­gabe als Profi. Im Pri­vaten aber kann ich ein ganz anderer Mensch mit allen Stärken und Schwä­chen sein. Die Medien ver­su­chen diese beiden Ichs gerne zu ver­mi­schen. Einige glauben tat­säch­lich, wenn ich auf dem Platz hart zur Sache gehe, dass ich dann auch zuhause so bin.

Trotzdem, in Fuß­ball­kreisen heißt es, Tor­hüter und Links­außen haben eine Macke. Sie haben eine, oder?

(lacht) Kommt drauf an, was man als Macke bezeichnet. Ich würde natür­lich behaupten, dass ich keine habe. Aber wer Tor­wart wird, muss zwei­fellos ein biss­chen anders sein.

Mit knapp 25 kamen Sie zum FC Bayern Mün­chen. Fiel Ihnen die Abna­be­lung von Karls­ruhe schwer?


Wir spielten mit dem KSC damals auch inter­na­tional, was die Situa­tion etwas erleich­terte. Aber so erfahren, um bei Bayern sofort zu Hause zu sein, war ich noch nicht. Da musste ich einiges lernen.

Was machte Ihnen denn zu schaffen? Die Ver­lo­ckungen Schwa­bings?


Nein, dafür war ich zu sehr fokus­siert auf meine Ziele. In den ersten Jahren habe nichts anderes gemacht als trai­niert, trai­niert und trai­niert.

Trai­niert haben Sie auch beim KSC wie ein Beses­sener. Was also machte die Umstel­lung so schwer?


Das mediale Inter­esse ist viel größer, und der Anspruch bei diesem Verein ist gewaltig. Mit dem KSC sind wir manchmal noch eini­ger­maßen gut gelaunt von Aus­wärts­spielen zurück­ge­kehrt, wenn wir nur knapp ver­loren hatten. Bei Bayern musste ich lernen, dass hier nur der erste Platz zählt. Keiner ist hier zufrieden, wenn wir mit Müh und Not in die Cham­pions-League-Qua­li­fi­ka­tion rut­schen. Mit diesen Ansprü­chen muss ein Spieler erst mal zurecht­kommen. Am Anfang ist das schwierig.

Wie hat sich der Druck bei Ihnen geäu­ßert?

Beim KSC war das Spiel vorbei und der Druck fiel von mir ab, beim FC Bayern pfiff der Schieds­richter ab und der Druck ging weiter. Das nächste Spiel war­tete schon. Per­ma­nent gewinnen zu müssen, ist eine harte Ange­le­gen­heit. Was das für einen Men­schen bedeutet, muss ich wohl nicht näher beschreiben.

In Ihrem Buch Nummer Eins“ beschreiben Sie, dass Sie sich per­ma­nent wie eine gespannte Gei­gen­saite“ fühlen. Aus der Per­spek­tive des Durch­schnitts­bür­gers klingt das, als sei Ihr Leben ein Horror-Trip.

Wer sich ent­scheidet, Pro­fitor­hüter zu werden, muss sich eine unge­heure psy­chi­sche Robust­heit aneignen. Der Tor­wart-Job ist kein Beruf, der viel Laune macht. Es ist oft ein undank­barer und in den sel­tensten Fällen gerechter Job.

Wann haben Sie Ihren Beruf als beson­ders undankbar emp­funden?

Wie würden Sie es finden, wenn Sie eine fast makel­lose Welt­meis­ter­schaft, wie ich im Jahre 2002, spielen und dann im Finale einen kleinen Fehler machen, der so kom­pro­misslos bestraft wird?

Ronaldo ver­wan­delte zum 1:0, nachdem Sie einen Schuss von Rivaldo in der 67. Minute nicht fest­halten konnten.


Allein das zeigt doch, welch wun­der­bare Über­ra­schungen der Tor­wartjob immer wieder für einen Men­schen bereit hält. Aber diese stän­dige Her­aus­for­de­rung, dieser Kitzel, ist eben auch das Fas­zi­nie­rende.

Haben Sie dem­nach in Ihrer Pro­fi­zeit jemals Lebens­freude ver­spürt?

In den letzten Jahren kann ich große Spiele auch genießen. Am Anfang war das schwie­riger. Erst nachdem ich eine Deut­sche Meis­ter­schaft nach der anderen geholt hatte und schließ­lich auch die Cham­pions League gewann – um dann fest­zu­stellen, dass auch all diese Erfolge mich in letzter Kon­se­quenz nicht viel glück­li­cher machten – reifte in mir die Erkenntnis, dass ich die Dinge mehr schätzen und auch mal mehr genießen sollte.

Was war der schwär­zeste Moment in Ihrer Kar­riere?

Das Cham­pions-League-Finale 1999, als wir den Sieg gegen ManU erst in der Nach­spiel­zeit ver­spielt haben. Das war für mich die End­sta­tion eines Sys­tems, das nur auf Erfolg und Dis­zi­plin beruhte.

Sie meinen Ihre bedin­gungs­lose Sucht nach Erfolg.

Wer zu besessen an seinen Zielen arbeitet, landet irgend­wann in einem Tunnel in dem er rechts und links nichts mehr wahr­nimmt. Irgend­wann reagiert die Seele darauf, denn der Mensch ist nicht auf die Welt gekommen, um nur für Dis­zi­plin und Erfolg zu leben.

Wie ist es, wenn der Titan Oliver Kahn zusam­men­bricht? Haben Sie nach dem Finale am 26. Mai 1999 in Bar­ce­lona geheult wie ein Schloss­hund?


Ich wünschte, ich hätte heulen können. Es war viel schlimmer. Durch Weinen wäre es ja mög­lich gewesen, die Ent­täu­schung über die Nie­der­lage gegen Man­chester zu ver­ar­beiten. Statt­dessen war ich wie gelähmt. Es war ein kör­per­li­cher und geis­tiger Ein­bruch. Die Zeit danach war schwierig.

Wie lange waren Sie in diesem Läh­mungs­zu­stand?

Ein Jahr, fast andert­halb.

Sven Han­na­wald hat seine Kar­riere wegen eines Burn-Out-Syn­droms an den Nagel gehängt. Sie haben aber immer weiter gespielt.

Jeder macht es auf seine Weise. Ich habe mich Tag für Tag mit meiner Situa­tion aus­ein­an­der­ge­setzt. Bis ich die Fähig­keit ent­wi­ckelt hatte, damit zurecht­zu­kommen.

Haben Sie psy­cho­lo­gi­sche Hilfe in Anspruch genommen?


Mir haben viele Men­schen aus meinem Umfeld, die auch über ent­spre­chenden Intel­lekt ver­fügen, Wege aus dieser Situa­tion auf­ge­zeigt.

Wer, zum Bei­spiel?


Schrift­steller Paulo Coelho zum Bei­spiel, der meine Kar­riere schon lange ver­folgt, hat mir gesagt, ich müsse lernen, die Dinge mehr auf mich zukommen zu lassen und darauf zu ver­trauen, dass sich alles ent­wi­ckeln wird – so lange ich das Ziel dabei nicht aus den Augen ver­liere. Vorher bin ich stets pla­ne­risch vor­ge­gangen, in dem Glauben, nur der direkte Weg führe ans Ziel.

Wie hat sich Ihre Ein­stel­lung seit 1999 geän­dert?

Einer­seits will ich immer noch Jahr für Jahr Deut­scher Meister werden, ande­rer­seits lebe ich jeden Tag bewusster und ver­suche so oft es geht, mit meinen Kin­dern zusammen zu sein. Auch bin ich heute viel dank­barer für alles was ich erlebt habe und noch erleben darf. Kurz: Mein Leben fühlt sich heute viel leichter an.

Können Sie heute über eine bit­tere Nie­der­lage weinen?


Es gibt nichts mehr im Sport, was mich noch einmal derart run­ter­bringen könnte. Durch Bar­ce­lona habe ich gelernt, Nie­der­lagen ein­zu­ordnen. Vorher fehlte mir die Rela­tion. Andere Men­schen, die viel schlim­mere Dinge in ihrem Leben durch­ge­macht haben, würden über so eine Nie­der­lage schnell hin­weg­kommen. Aber ich kannte bis dato keine Situa­tion, die ähn­lich hart war. Mein Leben als Kind und junger Tor­wart muss sehr ange­nehm ver­laufen sein. Erst durch die Nie­der­lage, diese Mutter aller Nie­der­lagen“, konnte ich jede Ent­täu­schung, die danach in mein Leben trat, fast mit einem Lächeln ertragen. Selbst das 1:0 im WM-Finale 2002 war nichts im Ver­gleich mit Bar­ce­lona 1999.

Aber lernt ein Fuß­baller nicht zwangs­läufig von Anfang an den Umgang mit Sieg und Nie­der­lage? Jedes Kind weiß schließ­lich, dass nach dem Spiel vor dem Spiel ist.


Natür­lich, aber ich kannte Nie­der­lagen von dieser Qua­lität nicht. Und ich bezweifle, dass sie im Fuß­ball sehr häufig sind. Mario Basler hat in der Nacht von Bar­ce­lona noch mit einem Weiß­bier auf dem Tisch getanzt. So einen Ver­ar­bei­tungs­me­cha­nismus hatte ich damals noch nicht.

Wie kamen Sie unter dieser Vor­aus­set­zung mit Ihrer Degra­die­rung vor der WM 2006 zurecht?

Ohne Frage war es ein schweres Los, als Nummer Zwei zur WM zu fahren. Aber auch diese Ent­schei­dung konnte mich nicht mehr so sehr treffen, dass ich dar­unter noch nach­haltig leide. Das hat mir meine Mutter schon bei­gebracht: Es gibt nichts im Leben, dem man aus dem Weg gehen sollte. Nur die Kon­fron­ta­tion mit den Dingen bringt einen weiter.

Haben Sie den Film Deutsch­land – Ein Som­mer­mär­chen“ gesehen?

Nur in Aus­schnitten. Mir diesen Weg noch einmal aus der Per­spek­tive des Zuschauers anzu­sehen, brauche ich momentan nicht.

Würden Sie im Nach­hinein noch einmal als Nummer Zwei mit zur WM fahren?

Auf jeden Fall. Jemand, der so viele Län­der­spiele für Deutsch­land gemacht hat, ver­schwindet nicht ein­fach durch die Hin­tertür. Es gibt bei einem Tur­nier immer eine sport­liche Chance. Nicht, dass ich meinem Kon­kur­renten etwas Schlechtes gewünscht hätte. Aber, wenn er sich im ersten Trai­ning ver­letzt hätte, wäre ich auto­ma­tisch Nummer Eins gewesen. Außerdem lasse ich mich ungern von anderen Men­schen – zumal es sich seit 2004 ange­deutet hat – ein­fach so aus dem Weg räumen.

Sie haben schon früher mit Ihrer Degra­die­rung gerechnet?


Es hat sich ange­deutet.

Wäre ein Urlaub mit Freundin und Kin­dern nicht wesent­lich ent­spannter gewesen als der Trubel bei der WM?


Aber was wäre dann pas­siert: Irgend­eine Zei­tung hätte Bilder von mir ver­öf­fent­licht, auf denen ich in der Sonne liege und dar­über hätte gestanden: Kahn sonnt sich, wäh­rend wir uns den Hin­tern auf­reißen.“ So wollte ich mich nicht ver­ab­schieden. Ich spürte auch die Ver­ant­wor­tung, meine reich­hal­tigen Erfah­rungen wei­ter­zu­geben.

In der Kabine der deut­schen Mann­schaft lief vor den WM-Spielen der Song von Xavier Naidoo Dieser Weg wird kein leichter sein“. Für Sie muss das Lied eine ganz andere Bedeu­tung gehabt haben als für den Rest des Kaders.


Aus meiner Per­spek­tive klang es fast wie Hohn, dass aus­ge­rechnet dieser Song zum Lieb­lings­lied des Teams wurde. Des­wegen kann ich das Lied inzwi­schen auch nicht mehr hören.

Sind Sie im Zuge der WM 2006 gelas­sener geworden?

Die Vor­gänge haben mir noch einmal ein­drucks­voll vor Augen geführt, dass man auch auf einer anderen Ebene erfolg­reich sein kann und es nicht immer darum geht, nur auf dem Platz Siege ein­zu­fahren.

Was meinen Sie damit?

Es war für mich eine wich­tige Erfah­rung, damit zurecht­zu­kommen, nicht zu spielen. Denn das Gefühl, Nummer Eins zu sein, kannte ich. Mich aber damit abzu­finden, es nicht zu sein, kannte ich noch nicht.

Oliver Kahn, nach 13 Jahren beim FC Bayern – welche Ära war die schönste Zeit?

Bei Bayern Mün­chen über so was zu spre­chen, ist sehr schwierig. Denn ein Bayern-Team ist immer eine Inter­es­sen­ge­mein­schaft von Leuten, die gemeinsam erfolg­reich sein sollen. Hier kommen immer die besten Spieler der Liga zusammen. Aus so starken Per­sön­lich­keiten eine ver­schwo­rene Gemein­schaft zu formen, die sich auch abseits des Feldes ver­steht, ist schwer.

Können Sie als Mann­schafts­ka­pitän daran nichts ändern?


Ab und an ver­an­stalten wir mal einen Mann­schafts­abend. Früher sind wir aber nach Spielen öfter mal los­ge­zogen, haben einen drauf gemacht und sind dann am Sonn­tag­morgen direkt zum Trai­ning gekommen. Da hatten wir den Kopf frei. Heute ist das Leis­tungs­ni­veau so hoch, dass es sich keiner mehr erlauben kann, zwei Tage daran zu arbeiten, seinen Körper wieder in den Griff zu kriegen.

Wer gehörte denn früher zu Ihrer Knei­pen­clique?

Sag’ ich Ihnen nicht.

Wer im Leis­tungs­ver­band FC Bayern hat einen ähn­li­chen Ehr­geiz an den Tag gelegt wie Sie?


Jeder Profi hat ein eigenes Rezept, zum Erfolg zu finden – und das ist auch gut so. Aber einer, der ähn­lich positiv besessen war, wie ich? (über­legt) Ich kann mich spontan an keinen erin­nern.

Einer, der ähn­lich lange und erfolg­reich beim FC Bayern gespielt hat, war Lothar Mat­thäus. Hatte er etwas von Ihrer Beses­sen­heit?


(lächelt) Lothar war eine der vielen Per­sön­lich­keiten, die ich in 13 Jahren bei diesem Verein erlebt habe und er war einer der begna­detsten Spieler, die in meiner Zeit hier waren.

Es ist bekannt, dass Sie den Golfer Tiger Woods bewun­dern. Was hat er, was Ihnen noch fehlt?

Es gibt momentan wohl keinen Sportler, der mental stärker ist als er.

Was ist das Geheimnis seines Erfolges?


Er hat die Fähig­keit, in ent­schei­denden Momenten immer das Rich­tige zu tun. Trotz des Niveaus auf dem er spielt, hat Woods noch nie einen Vor­sprung wäh­rend eines Spiels ein­ge­büßt. Wenn ich ihn am Freitag vor unseren Spielen im Fern­sehen sehe, inspi­riert mich das oft zu eigenen Höchst­leis­tungen.

Sie schauen Golf zur Ein­stim­mung auf Ihre Spiele?

Bei Golf kann ich per­fekt ent­spannen, danach schlafe ich bes­tens und komme herr­lich ent­spannt zum Spiel.

Gibt es Par­tien, vor denen es Ihnen noch schwer fällt, zeitig ein­zu­schlafen?

Es ist nichts Nega­tives, wenn ich nicht schlafen kann. Denn es zeigt mir, wie groß meine Kon­zen­tra­tion dann bereits ist. Viel Schlaf ist keine Garantie für außer­ge­wöhn­liche Leis­tungen. Vor dem Spiel gegen Werder Bremen Anfang März habe ich 10 Stunden geschlafen – und ein unglück­li­ches Tor bekommen. Und vor dem Rück­spiel gegen Real Madrid habe ich nur sechs Stunden geschlafen und trotzdem gut gehalten.

Wer ist der beste Trainer, unter dem Sie gear­beitet haben?

Der kom­plet­teste war und ist sicher­lich Ottmar Hitz­feld.

Warum ist er für den FC Bayern nach zwei Jahren Pause wieder erste Wahl?

Weil er als Trainer die gesamte psy­cho­lo­gi­sche, kom­mu­ni­ka­tive, päd­ago­gi­sche und metho­di­sche Kla­viatur beherrscht. Er ver­mit­telt uns Spie­lern totale Über­zeu­gung, Inte­grität und ist eine abso­lute Auto­rität.

Auf wel­cher Ebene kom­mu­ni­zieren Sie als Füh­rungs­spieler mit ihm?

Er ver­mit­telt mir, dass er stets ein offenes Ohr hat und ich mich ihm anver­trauen kann. Trotzdem ver­fügt er über diese natür­liche Auto­rität und Distanz, die man als Trainer braucht.

Stefan Effen­berg wünschte sich kurz vor seinem Kar­rie­re­ende nichts als Ruhe und Ent­span­nung vom stres­sigen Pro­fi­leben. Sehnen auch Sie sich nach zwei Jahr­zehnten im Zustand einer ange­spannten Gei­gen­saite danach, sich end­lich zu ent­spannen?


Im Anschluss an die Jahre im Dau­er­stress zwi­schen Bun­des­liga, Cham­pions League Natio­nal­mann­schaft sehne ich mich natür­lich nach etwas Ruhe. Aber ich freue mich auch auf neue Her­aus­for­de­rungen.

Fürchten Sie sich davor, dass Ihnen das Adre­nalin des Pro­fi­da­seins abgeht?


Fürchten ist über­trieben, aber ich mache mir schon Gedanken. Ein Mensch, der wie ich zwi­schen den Extremen gelebt und im Adre­nalin quasi gebadet hat, muss sich natür­lich geistig darauf vor­be­reiten, dass dieser Schalter dem­nächst umge­legt wird. Aber ich beab­sich­tige ja nicht, ein Rent­ner­da­sein zu fristen.

Viele Spieler drängen nach der Kar­riere in den Trai­nerjob. Wäre das eine Option für Sie?
Davon lasse ich meine Finger.

Warum, Dino Zoff hat den Trai­nerjob eben­falls mit Erfolg bewäl­tigt?

Zoff hat aber die Natio­nal­mann­schaft trai­niert, was wieder was ganz anderes ist.

Aber Fuß­ball­kom­men­tator werden Sie nicht, oder?


Man soll nie­mals nie sagen. Momentan kann ich nicht absehen, was genau kommen wird. Dafür bin ich noch viel zu sehr Spieler.

Ist es noch aktuell, dass Sie Uli Hoeneß auf dem Mana­ger­posten beim FC Bayern nach­folgen?

Das ist sicher inter­es­sant, aber, wie gesagt, noch bin ich Tor­hüter.

Sie wären doch prä­de­sti­niert. Schließ­lich haben Sie einen Abschluss in Wirt­schafts­wis­sen­schaften.

Leider nein. Auch eine Folge des Trans­fers vom KSC zum FC Bayern: Als ich nach Mün­chen kam, hatte ich keine Zeit mehr, Semi­nare zu besu­chen und nebenbei noch zu lernen. Trotzdem hat mir das Stu­dium eine gute Basis in wirt­schaft­li­chen Dingen ver­mit­telt.

Toni Schu­ma­cher hat sich in seiner aktiven Lauf­bahn fast jeden Kno­chen seines Kör­pers einmal gebro­chen. Wie übel hat Ihnen das Schicksal mit­ge­spielt?

Toi, toi, toi. Bis auf einen Kreuz­band­riss und einige Klei­nig­keiten ist mir eigent­lich nichts Schlim­meres pas­siert.

Spüren Sie trotzdem, wie Ihr Körper mit dem Älter­werden anfäl­liger für Ver­let­zungen wird?


Mein Körper ist nicht anfäl­liger, ich benö­tige ledig­lich eine län­gere Rege­ne­ra­ti­ons­zeit. Ich kann immer noch so trai­nieren wie früher. Mache ich aber nicht, denn das wäre nicht klug.

Wieso?

Es bringt nichts mehr, das­selbe Quantum hin­zu­legen wie ein 20-Jäh­riger. In meinem Alter trai­niert man kürzer und schneller. Früher habe ich bis zum Umfallen trai­niert, manchmal bis zu zwei Stunden pro Ein­heit. Heute trai­niere ich maximal 70 Minuten, damit ich nach dem Trai­ning immer das Gefühl habe, ich hätte noch mehr machen können. Ein Tor­wart muss frisch bleiben – im Kopf und auch phy­sisch.

Oliver Kahn, wel­chen Moment würden Sie als den Zenit Ihrer Kar­riere bezeichnen? Gegen­frage: Wann erreicht ein Spieler, der kon­stant Höchst­lei­tungen zu bringen ver­sucht, seinen Zenit? Ich traue mir immer noch zu, ins Cham­pions-League-Finale vor­zu­stoßen und dort Top-Leis­tungen abzu­lie­fern. Über meinen Zenit denke ich nicht nach.

In einem Inter­view mit der FAZ“ erwähnten Sie, Ihre größten Momente als Tor­hüter ver­bänden Sie nicht mit Erfolgen, son­dern mit bestimmten Reflexen, etwa einer Parade im Cham­pions-League-Spiel gegen Celtic Glasgow 2003. Wie kommt es, dass Sie sich aus­ge­rechnet solche Augen­blicke ein­prägen?


Weil sie so spek­ta­kulär sind, dass ich sie nicht ver­gessen kann. Vor kurzem hatte ich im Spiel gegen den VfL Wolfs­burg einen ähn­li­chen Reflex. Da köpft einer aus fünf Metern Ent­fer­nung nach einer Ecke mit unge­heurer Wucht aufs Tor und ich kriege irgendwie die Hände zwi­schen Ball und Tor. In sol­chen Momenten zahlt sich die ganze harte Arbeit aus.

Wenn Sie so etwas sagen, wirken Sie immer noch wie ein Junge, der mit großen Augen und dem Ball unterm Arm auf dem Bolz­platz steht.

Das ist die Lei­den­schaft für meinen Beruf. Wenn der Ball aufs Tor zuschießt, die Zuschauer schon auf­ge­sprungen sind, zum Jubeln ansetzen und im letzten Augen­blick pas­siert etwas völlig Unvor­her­ge­se­henes. Das ist die Fas­zi­na­tion, die ein Tor­wart erzeugen kann. Solange es diese Momente gibt, habe ich meinen Zenit nicht über­schritten.