Seite 4: „Das ist so geil, das Lied“

Wie lange haben Sie gebraucht, um sich von dem Schock zu erholen?
Der rich­tige Schlag in die Fresse kam erst ein paar Tage später im Urlaub. Da habe ich rea­li­siert, was da eigent­lich pas­siert ist. Ich war 26 Jahre alt, diese zwei Spiele waren meine Chance auf die Bun­des­liga. Viel­leicht eine ein­ma­lige, wahr­schein­lich sogar. Außerdem gab es Spieler wie Dominic Peitz, Daniel Gordon und Dirk Orlishausen. Männer, die die 30 über­schritten hatten und für die es defi­nitiv die letzte Chance war. Erst bei diesen Gedanken tat es richtig weh.

Drei Jahre später klappte es zumin­dest für Sie per­sön­lich doch noch mit der Bun­des­liga. Sogar mit ihrem Verein, dem 1. FC Nürn­berg, zu dem Sie 2017 zurück­ge­kehrt waren. Welche Szenen haben Sie im Kopf, wenn Sie an den ver­gan­genen Mai denken?
Wir gewannen in Sand­hausen und waren durch. Schon auf dem Weg nach Nürn­berg haben wir ordent­lich die Sau raus gelassen. Zwi­schen­durch war das Bier im Bus alle und wir mussten anhalten, um Nach­schub zu holen. Auf der Rast­stätte trafen wir auf Fans, also fei­erten wir zunächst dort noch eine Weile. Als wir weiter fuhren, waren gefühlt auf jeder Brücke jubelnde Men­schen oder Club-Banner. Als wir dann in der Stadt ankamen, zeigten wir uns den war­tenden Fans nicht sofort. Wir betraten die Kabine durch den Hin­ter­ein­gang, die Fans hatten keine Ahnung, wann wir her­aus­kommen würden. Und dieses Wissen, wir rennen da gleich raus und bal­lern los, die Vor­freude, dass wir uns gleich zeigen und sie dann ihre Ben­galos zünden würden, das Krib­beln, das war über­wäl­ti­gend.

Durchs Internet geis­terte eine Szene, in der die ganze Mann­schaft im Chor einen Juve-Song brüllt, in fast akzent­freiem Ita­lie­nisch. Sie müssen ein guter Lehrer sein.
Nein, nein, das ist über­haupt nicht mein Ver­dienst. Die Sache mit Storia di un grande amore“, das war die Idee von unserem Kapitän Hanno Beh­rens und von Tim Lei­bold.

Das müssen Sie uns näher erklären.
Am zweiten oder dritten Tag der Saison stand ich nach dem Trai­ning unter der Dusche. Plötz­lich hörte ich aus der Kabine das Lied über die Laut­spre­cher. Ich bin dann nackt in die Kabine gestürmt und habe nach­ge­schaut, wer dafür ver­ant­wort­lich ist. Hanno und Tim war­teten schon auf mich. Ich meinte nur: Hä?“ Hanno ant­wor­tete: Das ist so geil, das Lied.“ Ab diesem Moment hat dieser Song das Team durch die Saison begleitet.

In der Sie nur ein ein­ziges Spiel ver­passten – aller­dings aus­ge­rechnet das Derby zu Hause gegen Fürth. Wo haben Sie das Spiel gesehen?
Ich stand in der Kurve. Ich konnte zwar nicht richtig anfeuern, weil ich zu stark auf das Spiel geachtet habe. Aber ich fand es sehr inter­es­sant, mal mit­zu­er­leben, wie viel Arbeit die Ultras in die Stim­mung inves­tieren. Dass habe ich früher nie mit­be­kommen, weil ich zu weit oben stand, aber gegen Fürth stand ich ganz unten und sehr nah bei den Vor­sän­gern. Da merkte ich erst, wie anstren­gend das für sie ist. Im Prinzip ver­aus­gaben die sich im Block so sehr wie wir uns auf dem Platz. Da wird ange­sta­chelt, wenn es mal nicht so laut ist, da wird sich unter­ein­ander teil­weise richtig gefetzt.

Im Fuß­ball geht es schnell. Ein halbes Jahr nach der ganz großen Euphorie sind Sie mit Nürn­berg Tabel­len­letzter in der Bun­des­liga. Ist eine 0:7‑Klatsche in Dort­mund für Sie beson­ders ner­ven­auf­rei­bend, weil Sie so viele pri­vate Ver­bin­dungen zum Verein haben?
Die Leute, mit denen ich zu tun habe, sind quasi aus­nahmslos Fans oder zumin­dest große Club-Sym­pa­thi­santen. Dann kommt auto­ma­tisch die Frage: Was war los?“. Da kann ich dann auch nichts anderes ant­worten als: Was soll schon los gewesen sein? Wir haben eben 0:7 auf die Fresse bekommen.“ Das ist manchmal zer­mür­bend. Ande­rer­seits explo­diert mein Handy vor allem nach Siegen. Da bekomme ich viel mehr Reak­tionen.

Was macht Ihnen Mut, dass es noch klappen kann mit dem Klas­sen­er­halt?
Die Mann­schaft. Wir haben immer noch einen guten Zusam­men­halt. Außerdem steckt viel Qua­lität in unseren Reihen. Wir haben mann­schaft­lich das Zeug, diese Phase aus­zu­halten.