Seite 3: „100 Prozent van der Vaart, 100 Prozent van der Vaart!“

Wenn Sie heut­zu­tage als Profi und mit Ihrem Know-How im Sta­dion stehen, bewerten Sie viele Situa­tionen wahr­schein­lich anders als wir Schmal­spur-Experten. Kann das zu Pro­blemen führen?
Und ob. Wenn Leute um mich herum anfangen, Rich­tung Spiel­feld zu pöbeln, dann pöble ich stell­ver­tre­tend zurück. Am schlimmsten ist es immer auf der Haupt­tri­büne, weil die Erwar­tungs­hal­tung dort so groß ist. Da habe ich mich schon oft mit Leuten gestritten.

Zum Bei­spiel?
Einmal, damals spielte ich für Aalen und war zu Besuch in Nürn­berg, machte Marcos Antonio in einem Spiel gegen Stutt­gart meh­rere Fehler und ver­schul­dete dadurch ein Gegentor. Bis auf die Ultras pfiff ihn das gesamte Sta­dion aus. Irgend­wann wurde es unmensch­lich. Da bekam ich ein richtig beklem­mendes Gefühl. Ich über­legte sogar, nach Hause zu gehen, es tat mir richtig weh. Irgend­wann kam es zum Streit zwi­schen einem älteren Herren und mir. Ich habe die Sätze nicht mehr genau im Kopf, nur noch den letzten.

Und zwar?
Ich stellte fest, dass er nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.

Ver­krampft man als Spieler auf dem Platz, wenn man genau weiß, was ein eigener Fehler bei den Zuschauern für Reak­tionen aus­löst?
Nein, mir hilft das eher. Weil ich weiß, wie ober­fläch­lich die Reak­tionen teil­weise sind. Ich habe mich außerdem davon frei­ge­macht, Fehler wochen­lang mit mir herum zu schleppen. Ich bringe ja keine Men­schen um. Ein Fehler ist immer noch nur ein Fehler in einem Fuß­ball­spiel.

2010 ver­ließen Sie den Club, weil Sie bei den Profis keine Per­spek­tive für sich sahen. War es befreiend, in Aalen für einen Verein zu spielen, mit dem Sie per­sön­lich nicht so eng ver­bunden sind?
Einer­seits schon. Ande­rer­seits habe ich mich recht zügig mit dem Verein und der Stadt iden­ti­fi­ziert. Ver­eine wie Aalen, Sand­hausen oder Hei­den­heim werden ja stets belä­chelt. Des­wegen war es cool, aus­wärts zu spielen und dort zu gewinnen. Du wuss­test ganz genau: Nach einer Heim­nie­der­lage gegen Aalen steht der geg­ne­ri­sche Trainer zur Dis­kus­sion. Ich glaube, wir haben in meiner Aalen-Zeit alleine drei Trainer gefeuert. Nur, weil sie zu Hause gegen uns ver­loren haben.

In Aalen setzen Sie sich unter Ralph Hasen­hüttl im Pro­fi­be­reich fest. Danach ging es weiter zum KSC, wo Sie 2015 unter Markus Kauc­zinski bei­nahe den Sprung in die Bun­des­liga geschafft hätten. Im Rele­ga­tions-Rück­spiel gegen den HSV fehlten Ihnen nur noch ein paar Sekunden und Sie wären auf­ge­stiegen…
Als Mar­celo Diaz zum Frei­stoß antrat, stand ich in der Mauer.

Der HSV hatte nur diesen letzten Schuss, um dem Abstieg zu ent­kommen. Haben Sie etwas von dem Gespräch zwi­schen Diaz und Rafael van der Vaart mit­be­kommen? Die beiden sollen ja dis­ku­tiert haben, wer diesen letzten Schuss aus­führen darf.
Ja, sie quat­schen und standen beide am Ball. Ich war mir bom­ben­si­cher, dass van der Vaart schießen würde. Ich habe noch zu den Jungs in der Mauer gesagt: 100 Pro­zent van der Vaart, 100 Pro­zent van der Vaart.“ Ich wie­der­holte den Satz immerzu. Für mich stand fest, dass sich in diesem Moment der größte Spieler den Ball nehmen würde. Mit Diaz habe ich über­haupt nicht gerechnet. Wir hatten vor dem Spiel die Schützen ana­ly­siert, und Diaz hatte in der gesamten Saison nicht einen ein­zigen Frei­stoß geschossen.

Doch Diaz trat an – und setzte den Ball in den Winkel. Wie ging es Ihnen in den Stunden nach dem ver­passten Auf­stieg?
Direkt nach dem Abpfiff war ich enorm emo­tional und habe geweint. Dann standen wir vor der Kurve und die Fans sangen Ein Kom­pli­ment“ von Sport­freunde Stiller: Ich wollte dir – nur mal eben sagen – dass du das – Größte für mich bist!“ (singt). Für mich einer der schönsten Momente meiner Kar­riere. Danach haben wir unsere Runde beendet und ich sah meine Familie auf der Tri­büne, 20, 25 Valen­tinis. Die haben alle geweint. Alle. Mein Vater, meine Mutter, meine Frau, selbst mein bester Freund. Gefühlt waren sie trau­riger als ich. Das hat mich irgendwie glück­lich gemacht. Komisch, das zu beschreiben, aber gemeinsam tun solche Erleb­nisse weniger weh. Dass da Leute sind, die so mit dir mit­fie­bern, das spendet Trost.