Der Tabel­len­zweite kämpft die Bayern im Spit­zen­spiel mit 1:0 nieder und zieht vorbei. Hinter dem neuen Tabel­len­führer: gleich vier Klubs mit maximal einem Zähler weniger auf dem Konto. Das muss sie wohl sein, diese Span­nung. Ach, was waren das nur für schöne Zeiten, als die Bayern die Schale noch nicht abon­niert hatten. Völ­liger Quatsch! Denn: Wir befinden uns inmitten dieser Zeiten. Der Blick muss sich nur einmal vom dau­er­prä­senten Her­ren­fuß­ball lösen. Direkt vor unserer Haustür, in der Frauen-Bun­des­liga, ist näm­lich genau das zu beob­achten, was Fans und Experten bei den Män­nern zuneh­mend fehlt: ein enger Titel­kampf.

Almuth Schult, Tor­hü­terin des neuen Tabel­len­füh­rers aus Wolfs­burg, hat den Sieg am ver­gan­genen Samstag fest­ge­halten und dabei ein über­ra­gendes Spiel gemacht. Die 30-Jäh­rige ist jedoch nicht nur Tor­hü­terin beim VfL, son­dern auch Natio­nal­spie­lerin und gene­rell eine der bekann­testen Per­sön­lich­keiten des deut­schen Frau­en­fuß­balls. Als ARD-Expertin bei der EM zeigte sie, dass es aller­höchste Zeit ist, mit den Kli­schees der Ver­gan­gen­heit ein für alle Mal auf­zu­räumen. Es war auch ein Ziel, das Vor­ur­teil zu wider­legen, dass Frauen vom Fuß­ball keine Ahnung haben. Ich hoffe, dass viele Frauen in diese Sparte drängen. Ich merke an den Medi­en­an­fragen, dass viele auf mich auf­merksam geworden sind“, sagte Schult selbst in der Sport­schau.

Frauen können Fuß­ball spielen, Frauen können im TV dar­über reden – eigent­lich keine welt­be­we­gende Erkenntnis. Leider spie­gelt sie sich bisher nur bedingt im all­ge­meinen Inter­esse an der Fly­eralarm Frauen-Bun­des­liga wieder. Obwohl der Frau­en­fuß­ball in der Spitze nach­weis­lich mehr Span­nung bietet, fristet er ein Dasein als Begleit­erschei­nung des Her­ren­fuß­balls. Warum ist das noch immer so?

Weniger Ein­nahmen? Nur ein Schein­ar­gu­ment

Ein oft her­vor­ge­brachtes Argu­ment besagt, dass der Frau­en­pro­fi­fuß­ball auf­grund bio­lo­gi­scher Vor­aus­set­zungen nicht so attraktiv sei wie jener aus dem Män­ner­be­reich. Kann man so sehen, ist aber Quatsch. Keine Frage, qua ana­to­mi­scher Aus­stat­tung bringen Männer im Schnitt mehr Kör­per­größe und Mus­kel­masse mit. Mit ansehn­li­cherem Fuß­ball­spiel ist das aber nicht gleich­zu­setzen. Zum einen offen­baren Bun­des­li­ga­par­tien zwi­schen spie­le­risch nicht allzu vir­tuosen Teams, sagen wir Bie­le­feld und Fürth, auch bei den Herren nicht gerade regel­mäßig Hoch­ge­schwin­dig­keits­fuß­ball. Zum anderen ist das, was in der Spitze des Her­ren­fuß­balls geboten wird, zum Groß­teil nur das Resultat einer Ent­wick­lung. So hatte etwa der Stand­fuß­ball der Sieb­ziger und Acht­ziger noch recht wenig mit dem Spiel der aktu­ellen Elite zu tun.

Ein anderer Aspekt, mit dem ver­sucht wird, die feh­lende Attrak­ti­vität des Frau­en­pro­fi­fuß­balls zu erklären, ist der finan­zi­elle. Selbst ein Spit­zen­team gene­riert nur einen Bruch­teil der Ein­nahmen eines durch­schnitt­li­chen Bun­des­li­gisten bei den Herren und kann sich in der Regel nicht selbst finan­zieren. Auch das ganz große, teure Spek­takel rund um die Spiele bleibe damit aus, heißt es. Tat­säch­lich trägt sich die Frauen-Bun­des­liga nicht selbst. Auch müssen Ver­eine wie Wolfs­burg und der FC Bayern ihre Frau­en­teams gerade auf inter­na­tio­naler Bühne erheb­lich bezu­schussen, einer Mil­lion an Ein­nahmen stehen zwei Mil­lionen an Aus­gaben gegen­über. Daran gibt es nichts zu rüt­teln. Ein wirk­li­ches Argu­ment für ein dau­er­haftes Schat­ten­da­sein des Frau­en­fuß­balls ist das aber nicht.

Auch bei den Män­nern brauchte es Zeit

Im Prinzip zeigt sich nur, welche Hebel in Bewe­gung zu setzen sind – so wie einst bei den Män­nern. Denn auch der Her­ren­fuß­ball war nicht immer der Mil­li­ar­den­ap­parat, der er heute ist. Er brauchte eine ganze Weile – und vor allem eine kon­se­quente Ver­mark­tung –, ehe der Rubel richtig rollte. Noch in den Acht­zi­gern waren halb­leere Sta­dien an der Tages­ord­nung, durch­schnitt­lich wollten keine 18.000 Zuschauer die Bun­des­li­ga­spiele vor Ort sehen. Zum Ver­gleich: In der Rekord­saison 2011/12 pil­gerten im Schnitt mehr als 45.000 Men­schen in die Sta­dien. Im Frau­en­fuß­ball reden wir von ganz anderen Dimen­sionen, schon vor Corona kamen kaum einmal 3.000 Zuschauer in eines der Sta­dien.

Umso wich­tiger, nicht nur in die Bedin­gungen auf den Trai­nings­plätzen zu inves­tieren. Viel­mehr muss es darum gehen, auch das Umfeld des Frau­en­fuß­balls weiter zu pro­fes­sio­na­li­sieren. Oder wie es Almuth Schult aus­drückt: Wenn man ein Startup-Unter­nehmen für eine breite Masse inter­es­sant machen und eine grö­ßere Spon­so­ren­viel­falt errei­chen will, muss man Geld inves­tieren, um später mehr her­aus­zu­holen.“

In den Kin­der­schuhen steckt der Frau­en­fuß­ball des­wegen jedoch nicht mehr. Gerade in den letzten Jahren hat sich einiges getan, seit Sommer wird jede Partie der Frauen-Bun­des­liga fern­seh­taug­lich begleitet. Gerade für das finan­zi­elle Seg­ment, zu dem nicht zuletzt die Ver­dienst­mög­lich­keiten der Spie­le­rinnen zählen, ist das unab­dingbar. Schult erkannte gar einen ersten Mei­len­stein“, dem nun wei­tere folgen müssten.

Wir müssen uns über Equal Play unter­halten“

Damit liegt sie auf einer Linie mit ihrer Bun­des­trai­nerin. Wir müssen uns sicher­lich nicht nur über Equal Pay, son­dern über Equal Play unter­halten. Das heißt: gleiche Chancen. Vor allen Dingen für unsere Nach­wuchs­spie­le­rinnen“, sagte Mar­tina Voss-Teck­len­burg dem ZDF. Ein Punkt, in dem die USA deut­lich weiter sind. Auch die eng­li­sche Women’s Super League ent­wi­ckelte sich zuletzt rasant, ein mil­lio­nen­schwerer TV-Ver­trag schob das Wachstum an. Die Super League ist per Defi­ni­tion die ein­zige Pro­fi­liga im euro­päi­schen Frau­en­fuß­ball. Auf der Ebene inter­na­tio­naler Wett­be­werbe, in der Cham­pions League, tat sich zur lau­fenden Saison eben­falls Ent­schei­dendes: Der Modus wurde refor­miert, zudem sind alle Spiele frei über You­Tube emp­fangbar. Die Frauen-Bun­des­liga steht also nicht nur im großen Schatten der Herren, son­dern fällt auch im inter­na­tio­nalen Ver­gleich zuneh­mend ab. Bezeich­nend: Immer noch muss ein Groß­teil der Spie­le­rinnen neben dem Fuß­ball arbeiten gehen, um über die Runden zu kommen.

Doch weg vom Geld, weg von vor­han­denen oder nicht vor­han­denen Struk­turen. Es ist ja nicht einmal gesagt, dass der Her­ren­fuß­ball mit all seinen Aus­wüchsen als Vor­bild dienen kann. Nicht zuletzt die Fans wehren sich immer vehe­menter gegen das Tamtam rund um die Herren-Bun­des­liga und sehnen sich zurück zu dem Ursprüng­li­chen. Sie wollen ehr­li­chen, anspruchs­vollen Fuß­ball, dazu eine Prise Span­nung. Dabei gibt es all das noch – und zwar im Frau­en­fuß­ball. Also, ab zu den Frauen.