Als Abdón Porte in dieser milden März­nacht das Spiel­feld des Estadio Parque Cen­tral betrat, hörte er in der Ferne die Kir­chen­glo­cken läuten. Langsam näherte er sich dem Mit­tel­kreis. Betrach­tete die im Dun­keln lie­genden Zuschau­er­ränge. Den weißen Quer­balken über den eckigen Holz­pfosten. Das Wappen auf der Anzei­gen­tafel. Die Ersatz­bank vor der Aschen­bahn.

Dann, um Mit­ter­nacht, nahm er die Pis­tole. Spürte ein letztes Mal das Herz schlagen. Und drückte ab. Sein Gesicht ver­sank im Rasen. In der rechten Hand noch immer das qual­mende Schieß­eisen, in der linken zwei Abschieds­briefe.

Diese Geschichte ereig­nete sich am 5. März 1918 in der uru­gu­ay­ischen Haupt­stadt Mon­te­video. Und nachdem sich am nächsten Morgen die Kunde vom Selbst­mord des Kapi­täns des orts­an­säs­sigen Club Nacional de Foot­ball her­um­ge­spro­chen hatte, standen die Men­schen am Rio de la Plata voll­ends unter Schock. Ver­stehen konnte nie­mand das Gesche­hene. Ob am Kiosk, in der Kneipe oder im Fri­sör­salon. Überall stellte man sich die gleiche Frage: Warum gerade der von Erfolg ver­wöhnte und wohl­ha­bende Fuß­baller Abdón Porte?

Erst ein Sieg, dann die Ver­lo­bung, dann der Freitod. Unfassbar.

Noch am Vortag hatte der Außen­läufer mit seinem Team 3:1 gegen Charley F.C. gewonnen, wenige Stunden später mit Mann­schafts­ka­me­raden seine Ver­lo­bung begossen, um danach im Alter von 37 Jahren mit einem Schuss ins Herz den Freitod zu suchen. Unfassbar. Das Rät­seln nahm kein Ende.

Bis die letzten Gedanken des Toten Auf­klä­rung über das Motiv der uner­klär­li­chen Tat ver­spra­chen. Fest­ge­halten auf zwei Briefen in Form von Papier­fetzen. Einer davon an den Prä­si­denten seines Klubs, José Maria Del­gado:

Lieber Prä­si­dent, bitte küm­mern Sie sich um meine liebe Mutter und meine Ver­lobte. Sie wissen am besten, lieber Prä­si­dent, warum ich das hier mache. Es lebe der Club Nacional!“

Was den Zei­tungs­le­sern und Nacional-Anhän­gern, die Porte ob seines über­ra­genden Kopf­ball­spiels sowie geschickter Bal­ler­obe­rung auch den Mann mit drei Beinen“ nannten, zunächst wie ein maka­brer Scherz erschien, ließ Prä­si­dent Del­gado auf Anhieb erblassen. Denn der Ver­eins­obere wusste tat­säch­lich am besten, warum sich Abdón Porte das Leben genommen hatte.

Vor der Partie gegen Charley F.C. hatte Prä­si­dent Del­gado den dienst­äl­testen Spieler des Klubs für ein Gespräch in sein Büro geor­dert. Grund für das Treffen: Nach sieben Jahren, 207 Par­tien und 19 gemeinsam gefei­erten Titeln sollte dem form­schwa­chen Porte nahe­ge­legt werden, sich zukünftig neu zu ori­en­tieren. Sein Nach­folger im defen­siven Mit­tel­feld stand mit Alfredo Zibechi schon bereit. Die Dienste des Publi­kums­lieb­lings mit der Nummer 5, Spitz­name der Indianer“, waren für die kom­mende Spiel­zeit nicht mehr erwünscht.

Als ihn der Klub nicht mehr wollte, brach seine Welt zusammen

Für den treuen und gekränkten Porte brach in diesem Augen­blick eine Welt zusammen. Eine Welt, in der er auf ewig das Trikot von Nacional über­streifte. Eine Welt, in der sein Verein über allem thronte. Eine Welt, die der Ver­sto­ßene in seinem zweiten Abschieds­brief so beschrieb:

Auf dass er immer an der Spitze stehe,
dieser Klub meiner Träume.
Für meine Mit­spieler gebe ich mein Leben.
Jetzt und für immer der größte Verein:
Es lebe der Club Nacional!“

Noch heute hul­digen die Nacional-Fans ihr Idol bei Heim­spielen mit einem Plakat: Für das Blut von Abdón“, lautet der Leit­satz. Eine Tri­büne im Estadio Parque Cen­tral trägt seinen Namen. Die Schrift­stel­lern Hor­acio Qui­roga und Edu­ardo Galeano schufen dem Volks­helden mit einer Kurz­ge­schichte und einem Buch­ka­pitel lite­ra­ri­sche Denk­mäler.

Als junger auf­stre­bender Spieler wurde der Uru­gu­ayer einmal von einem Reporter gefragt, was er denn mache, wenn ihn im fort­ge­schrit­tenen Alter seine fuß­bal­le­ri­schen Aus­nah­me­fä­hig­keiten einmal ver­lassen werden. Und Porte ant­wor­tete: An dem Tag, an dem mich meine Form ver­lässt, geb ich mir halt die Kugel.“