Manche Abende sind egal. Und andere nicht. Man­chester United gegen Real Madrid, das Old Traf­ford applau­diert Ronaldo, dem jetzt dicken und damals echten. Nicht egal. Liver­pool liegt 0:3 hinten gegen Milan, dreht das Spiel, Jerzy Dudek zap­pelt auf der Linie, das Wunder von Istanbul ist geboren. Nicht egal.

Bar­ce­lona braucht drei Tore in fünf Minuten gegen Paris, Bar­ce­lona schießt drei Tore in fünf Minuten gegen Paris. Nicht egal. Vor ein paar Stunden, als Manolas, den wir vorher gar nicht so richtig kannten, an ter Stegen vorbei zum 3:0 für Rom traf, hat sich ein wei­terer Abend in unsere Gedächtnis gemei­ßelt, der nicht egal ist.

Fuß­ball kann doch noch geil sein

Weil uns Spiele wie das zwi­schen Rom und Bar­ce­lona an Abenden wie ges­tern bei der Stange halten. In einer Zeit, in der man the­roetisch vier Spiele am Tag gucken könnte, wenn man denn nur die nötigen Strea­ming-Dienste abon­niert hat, wirken sie wie Oasen in der Wüste. Weil Fuß­ball eben doch noch geil sein kann. Weil da auf dem Feld nicht nur 22 Roboter spielen, die, wenn sie es denn genauso gut könnten, für das nötige Geld auch gegen­ein­ander in Mühle antreten würden. Son­dern Men­schen aus Fleisch und Blut.

Die sich wie die elf Römer an einem eksta­ti­schen Sta­dion auf­put­schen können. Oder sich, wie die Männer aus Bar­ce­lona, dieser eigen­wil­ligen Dynamik, die ein Fuß­ball­spiel an Abenden wie heute ent­wi­ckeln kann, beugen müssen. 

Natür­lich behielt de Rossi die Nerven

An Abenden wie ges­tern wurden aus ein paar Kin­dern, die von ihren Vätern oder Müt­tern oder Onkeln mit ins Sta­dion geschleift wurden, Fuß­ball­fans auf Lebens­zeit. Sie haben live mit­er­lebt, dass Fuß­ball das groß­ar­tigste Spiel der Welt sein kann. Denn manchmal, alle paar Jahre, wenn alles passt, wird dieser furcht­bare Spruch – träume nicht dein Leben son­dern lebe deinen Traum – ihgitt!, plötz­lich Wirk­lich­keit.

Dann kann sich ein Mann wie Manolas, der im Hin­spiel noch mit Eigentor das sichere Aus seiner Mann­schaft ein­ge­leitet hatte, zum Held köpfen. Dann bekommt Daniele de Rossi, diese fast schon über­zeich­nete Sehn­suchts­figur aller Roman­tiker, plötz­lich sein erstes Cham­pions-League-Halb­fi­nale. Weil er die Nerven vom Punkt behielt. Weil er natür­lich die Nerven behielt, schließ­lich hatte er ja, logisch, auch ein Hin­spiel-Eigentor wieder gut­zu­ma­chen.

Danke für diesen Abend

Und viel­leicht könn­test du selber ja irgend­wann dieser Held sein. Viel­leicht nicht in der Cham­pions League, aber viel­leicht in deiner Betriebs­sport­mann­schaft, die du nächstes Jahr doch noch zum Fir­mencup-Sieg in Donau­esch­ningen schießt. Oder zumin­dest könnte die Mann­schaft, die du so liebst, so einen Helden, wie ihn die Römer jetzt in Manolas haben, her­vor­bringen. Dann wirst du vor Freude schreien oder weinen, durch dein Wohn­zimmer rennen, irgend­einen fremden Mann in der Kneipe auf den Mund küssen, der dich jede andere Sekunde in deinem Leben anwie­dern würde, weil er nach Aschen­be­cher riecht. 

Und damit diese Hoff­nung nicht stirbt, brau­chen wir ab und zu ein Spiel wie das zwi­schen Rom und Bar­ce­lona. Wir brau­chen die Laut­stärke, die aus der Kurve durch den Fern­seher direkt in unsere Brust dringt und uns einen Vor­ge­schmack darauf bietet, wie laut wir einst selber sein werden. Wir brau­chen den gefal­lenen Riesen mit den wei­nenden Jungs in der Kurve, weil wir plötz­lich sehen, dass auch Bar­ce­lona-Fans ab und zu leiden müssen. Was sie wieder ein biss­chen näher an uns Loser-Fans her­an­rückt. Und wir brau­chen das Gefühl, dass auch im Jahr 2018 noch alles mög­lich ist. Zumin­dest ab und zu. Heute haben uns Rom und Bar­ce­lona die nächste Ration Hoff­nung gelie­fert, mit der wir uns zur Not durch die nächsten drei ereig­nis­armen und vor­her­seh­baren Sai­sons retten können. Dafür sollten wir uns alle bedanken.