Freitag 13. August 2010, das Allianz Schlauch­boot färbt sich langsam rot, die Masse strömt in Rich­tung Sta­dion und der Münchner Himmel ver­drückt die ersten Abschieds­tränen. Der Kaiser wird ver­ab­schiedet.



Wie es sich für einen Kaiser eben gehört, schnürt er nicht selbst die Fuß­ball­schuhe, son­dern lässt spielen. Und nicht irgendwer kickt zum Abschied der Legende: Der FC Bayern Mün­chen hat Real Madrid zum Fest ein­ge­laden. Auf dem Papier ein Cham­pions-League-Finale, aber heute eher ein Freund­schafts­spiel. Das Sta­dion ist restlos aus­ver­kauft, die Ränge voll von baye­ri­schen Vor­zei­ge­fa­mi­lien, und auf dem Rasen ver­sucht Sta­di­on­spre­cher Ste­phan Leh­mann den Glanz dieses Spiels künst­lich her­auf­zu­be­schwören. Zur Seite steht ihm ein über­di­men­sio­nierter Segelohr-Pokal, der dem Pokal der Cham­pions-League erschre­ckend ähn­lich sieht. Um dieses Schmuck­stück geht es heute: Den Franz-Becken­bauer-Cup!“, grölt Leh­mann ins Mikro.

Zwei Worte: Danke, Franz Becken­bauer!“ 

Aber erstmal soll auf das Leben des Kai­sers zurück­ge­blickt werden. Rum­me­nigge schlen­dert auf den Platz und schmiert Franz den gewohnten Honig um den Mund. Es fallen Worte wie ein­zig­artig“, Per­sön­lich­keit“, wichtig“ und unglaub­lich“. Unglaub­liche Gedichte behält er dieses Mal aller­dings für sich. Es folgt ein Video, das seine Kar­riere zusam­men­fassen soll. Nachdem er noch kurz mit dem ewig gut­ge­launten Leh­mann am Mit­tel­kreis plau­dert, soll das junge Publikum erfahren, was dieser Herr da unten auf dem Rasen alles geleistet hat. Becken­bauer schleicht wäh­rend­dessen vom Platz. Kennt er alles schon. Er war dabei. Bevor es mit Fuß­ball wei­ter­geht, ver­zählt sich Leh­mann noch im Buch­sta­ben­ein­mal­eins. WIe einst Horst Hru­besch („Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!“) ruft er dem Kaiser hin­terher: Zwei Worte können diesen Abend zusam­men­fassen: Danke, Franz Becken­bauer!“ 

End­lich soll Fuß­ball gespielt werden. Die Mann­schaften laufen in Star­be­set­zung (Mün­chen mit u.a. Jül­lich, Con­tento, Pranjic und Sosa, Madrid mit Ramos, Xabi Alonso, Ronaldo und Khe­dira) auf. Becken­bauer darf den Anstoß aus­führen. Lässig steht er da mitten im Sta­dion, eine Hand in der Tasche. Er schiebt die Kugel zu Cris­tiano Ronaldo. Dieser hat nichts bes­seres zu tun, als den Ball kunst­voll anzu­nehmen, kurze Kör­per­dre­hung und der Ball klemmt zwi­schen der neo­no­ran­ge­far­benen Hacke und seinem Aller­wer­testen. Respekt sieht anders aus. Aber jetzt darf gespielt werden. Man erwartet jetzt Sprech­chöre für den schei­denden Kaiser, laute Cho­reo­gra­phien zum Dank der Licht­ge­stalt, doch das Ein­zige was folgt ist – Stille. Fünf Minuten pure Stille, wie auf einer Beer­di­gung. Man kann es fast Glück nennen, dass Ribery nach sieben Minuten im Straf­raum umge­mäht wird und das Sta­dion nun end­lich auf­wacht und BUTT­BUTT­BUTT“ for­dert. Doch die joh­lende Masse bekommt statt Butt Bad­stuber, der Cas­illas freund­li­cher­weise die Pille vom Elf­me­ter­punkt in die Arme schiebt. Also immer noch 0:0. Alles andere wäre auch über­trieben. 

Die älteren Herren beschweren sich, wenn man bei Straf­raum­szenen auf­springt und ihnen die Sicht ver­deckt. Kommt ja zum Glück nicht so oft vor. Hin und wieder zau­bert Ronaldo auf der Außen­bahn, kämpft sich Ribéry in den Straf­raum und wird von Ramos weg­ge­bü­gelt. Hei­teres Rauf und Runter. Nicht nur auf den grauen Sitz­schalen. Doch das Sta­dion bleibt schweigsam und klatscht höchs­tens mal in die Hände und for­dert ein Tor der Bayern. Ein ein­samer Fan, das Bier in der Hand ist nicht sein erstes und wohl nicht das letzte, gröhlt Viva España!“ Leichtes Schmun­zeln um ihn herum. Dann ein Pfiff! Ah, Halb­zeit. Zwei Bier, neun Euro in bar, die scheinbar direkt in die Tasche des Bier­manns wan­dern und weiter geht’s.

Die La Ola“ wird ver­tagt

Das Spiel plät­schert weiter vor sich hin und in wenigen Momenten blitzt diese höch­ka­rä­tige Klasse auf, die dort unten spielt. Müller schießt aus allen Lagen, Ronaldo drib­belt gewohnt über­heb­lich und Cas­illas scheint mal wieder unbe­zwingbar. Der Mit­tel­rang startet eine La Ola“, die aber etwa zwanzig Meter weiter ver­hun­gert. Dann eben in die andere Rich­tung, läuft auch besser, aber die Welle prallt gegen eine Mauer von Jour­na­listen. Pro­jekt ver­tagt.

Plötz­li­cher Still­stand auf dem Spiel­feld. Nie­mand bewegt sich mehr und der Ball ruht auch. Man merkt förm­lich, wie Sta­di­on­spre­cher Leh­mann aus dem VIP-Block nach unten sprintet, um den Mas­sen­wechsel auf beiden Seiten zu ver­künden. Leicht aus der Puste und mit fünf­mi­nü­tiger Ver­spä­tung dik­tiert er ins Mikro, dass nun Diarra, Van der Vaart, Ben­zema, Ottl, Alt­intop und Schwein­s­teiger mit­spielen dürfen. Schwein­s­tei­gers Ein­wechs­lung sorgt für den ersten Höhe­punkt auf den Rängen. Aner­ken­nender Bei­fall für den WM-Rück­kehrer. Danach folgt das Stim­mungs­high­light des Abends. Ein Sta­di­on­dialog zwi­schen Nord- und Süd­kurve mit dem kreativ lang gezo­genen Text BAYERN, BAYERN, BAYERN!“

Da es sich ja um ein rich­tiges Tur­nier han­delt, wird kurz vor Schluss durch­ge­sagt, dass es bei einem 0:0 nach 90 Minuten direkt zum Elf­me­ter­schießen kommt. Nochmal Glück gehabt, keine Ver­län­ge­rung. Nach dem Abpfiff muss alles ganz schnell gehen, da Real Madrid noch heute abend den Flieger bekommen muss“. Klingt sehr nach Aus­rede und als ob Ramos, Higuain und Co. per Ryanair zurück­fliegen müssen. Am Mit­tel­kreis stellen sich die Mann­schaften zum Elf­me­ter­schießen auf. Schwein­s­teiger plau­dert gemüt­lich mit Khe­dira wäh­rend Alt­intop und Braaf­heid an Cas­illas schei­tern. End­ergebnis: 2:4. Madrid gewinnt den Franz-Becken­bauer-Cup. Schnell wird eine Tri­büne gezim­mert, die Lamettaka­nonen gezündet und der Pokal vom Kaiser über­reicht. Noch bevor das letzte Lametta den Boden erreicht, sind alle Spieler ver­schwunden und das Sta­dion halb leer geräumt. Der Kaiser schlen­dert nicht mehr über den Rasen. Er hat die Bühne noch vor den Spie­lern in Rich­tung Kata­komben ver­lassen.