An einem son­nigen, aber bit­ter­kalten Mitt­woch im Februar 1997 wurde ich das, was ich heute bin – so eine Art Fuß­ball-Jour­na­list. Das war näm­lich der Tag, an dem ich zum ersten Mal einen Spieler inter­viewen sollte. Ich hatte zwar vorher schon viel geschrieben, meis­tens über Musik und auch ein biss­chen über Fuß­ball, und ich hatte auch schon sehr viele Leute befragt. Aber das waren alles Musiker gewesen, von denen die meisten Men­schen noch nie gehört haben. Nun jedoch würde ich einen richtig bekannten Star treffen – den Por­tu­giesen Paolo Sousa.

Sousa war im Sommer zuvor von Juventus zu Borussia Dort­mund gewech­selt, hatte aber bis zu diesem Tag im Februar so gut wie gar nicht gespielt, weil ihn eine Knie­ver­let­zung plagte. Trotzdem setzte man in Dort­mund noch große Hoff­nungen in ihn. Fünf Tage vorher war er beim Rück­run­den­auf­takt gegen Lever­kusen für die letzten fünf Minuten auf den Platz gekommen – und vom Publikum fre­ne­tisch gefeiert worden.

Ich war also ein wenig nervös, als ich am Trai­nings­ge­lände stand und frie­rend auf Sousa war­tete, der mal wieder einen Arzt­termin hatte. (Damals trai­nierte die Mann­schaft noch in Sicht­weite des West­fa­len­sta­dions, auf einem als Im Rabenloh“ bekannten kleinen Platz, der nicht einmal Wett­kampf­maße hatte.) Zwar durfte ich mich durchaus als Autor für pro­fes­sio­nelle Zeit­schriften betrachten – etwa für die deut­sche Aus­gabe des Rol­ling Stone“ und das Hat­trick “, ein recht neues Fuß­ball­ma­gazin aus Frei­burg –, aber an jenem Vor­mittag war ich für ein Fan­zine unter­wegs.

Ein älterer Herr, der am Geländer lehnte

Es hieß Bude“. Über viele Monate hin hatte sich der Chef und Her­aus­geber Volker Reh­danz mit der Borussia gestritten, über Dinge wie den Abdruck des Ver­eins­logos oder den Ver­kauf der Hefte vor dem Sta­dion. Doch plötz­lich – nach all dem Gezanke – bot der Verein der Bude“ einen Inter­view­termin an. Ich kann heute nicht mehr genau sagen, wie und warum das zustande kam. Was ich aber noch weiß, ist, dass nie­mand von der Pres­se­stelle bei unserem auf Eng­lisch geführten Gespräch dabei war und dass nie­mand mich darum bat, Sousas Zitate zur Abnahme vor­zu­legen.

Außerdem weiß ich noch, dass neben mir ein älterer Herr stand, als ich am Geländer lehnte, dem Rest der Mann­schaft beim Trai­ning zusah und auf Sousa war­tete. Nun, er war nicht wirk­lich ein älterer Herr“, son­dern erst Anfang 60. Aber er war eben dop­pelt so alt wie ich und hatte schon ange­graute Haare, daher nahm ich an, dass er einer jener Früh­rentner oder Senioren war, die oft als Zaun­gäste das Trai­ning ver­folgten.

Nachdem wir uns das Treiben ein paar Minuten ange­sehen hatten, blickte er zu mir hin­über und trat dann auf mich zu.
Ent­schul­digen Sie“, sagte er. Sind Sie Jour­na­list?“
Ja, eigent­lich schon“, erwi­derte ich vor­sichtig. Mit einem Mal hatte ich Angst, dass der Mann ein Ordner war, der mich vom Gelände schi­cken würde, weil ich keinen Pres­se­aus­weis besaß. Des­wegen fügte ich an: Aber heute bin ich für ein Fan­zine hier. Ich habe einen Inter­view­termin.“
Er legte die Stirn in Falten. Ein Fan­zine? Was ist das denn, wenn ich fragen darf?“
Das ist eine nicht-kom­mer­zi­elle Zeit­schrift, die von Fans für Fans gemacht wird“, sagte ich.
Mit einem Mal leuch­teten seine Augen auf. Das ist ja sehr inter­es­sant“!, rief er aus. Das müssen Sie mir genauer erklären.“ Er streckte die Hand aus. Was für ein Zufall“, sagte er. Mein Name ist Alfred Schmidt und ich bin seit heute der haupt­amt­liche Fan­be­auf­tragte von Borussia Dort­mund!“
Am liebsten wäre ich im Boden ver­sunken. Oh, Sie sind Aki Schmidt“, stam­melte ich. Tut mir leid, ich habe Sie nicht erkannt. Oh Gott, ist das pein­lich!“
Ach, Unsinn,“ ent­geg­nete er. Als ich gespielt habe, waren Sie doch noch gar nicht geboren.“
Und ob das pein­lich ist!“, wie­der­holte ich. Da habe ich Ihnen gerade gesagt, dass ich von einem Heft für Fans komme, und dann erkenne ich einen der größten Spieler der Ver­eins­ge­schichte nicht“.