Prolog

Es ist Sams­tag­morgen, am gest­rigen Abend hatten Sie sich noch auf ein Bier“ ver­ab­redet und nun erkennen Sie, wie viel Spiel­raum das Wort ein“ lässt. Ein Vor­schlag­hammer pocht gegen Ihre innere Schä­del­decke, Sie wollen nichts sehn­li­cher, als den ganzen Samstag auf der Couch liegen. Für Ihren Job als TV-Kom­men­tator ist das eine denkbar ungüns­tige Aus­gangs­lage. Wir erklären Ihnen, wie Sie den­noch durch 90 Minuten Fuß­ball­re­por­tage kommen und nie­mand einen Unter­schied bemerken wird.

Last-Minute-Vor­be­rei­tung

Wählen Sie auf der Taxi­fahrt zum Ein­satzort irgend­einen Spieler der Gast­mann­schaft aus (ein­fach­heits­halber den, der den sim­pelsten Namen hat) und notieren Sie sich die Anzahl seiner Zweit­li­ga­spiele, suchen Sie zudem noch geo­gra­fi­sche Syn­onyme für die beiden Teams. Zur wei­teren Vor­be­rei­tung reicht ein Stimm­ver­tiefer (fil­ter­lose Ziga­retten) und ein kleines Mittel zur Erhö­hung des Blut­zu­cker­spie­gels (zur Not: Radler).

Anfangs­phase

Bevor Sie sich in die 90 Minuten stürzen, rufen Sie sich Ihre Kern­kom­pe­tenzen ins Gedächtnis: Sie haben eine schöne Stimme, den Drang, alles zu kom­men­tieren und finden sich selbst sehr, sehr geil. Mehr braucht es auch nicht, um galant durch die Sen­dung zu führen. Lassen Sie auch die Zuschauer an Ihrer Begeis­te­rung teil­haben und läuten Sie die Partie mit uni­ver­sell gül­tigen Phrasen ein. Es stehen 90 heiße Minuten vor uns“, Wir sind gespannt was kommt“, Alle Vor­aus­set­zungen für einen herr­li­chen Fuß­ball­nach­mittag“. Reißen Sie sich zusammen und pressen Sie den letzten Funken Euphorie aus sich heraus. Nutzen Sie dabei ruhig die Ana­logie zum eigenen Zustand. Solange sie die Anfangs­phase gut über­stehen, muss das hier kein Desaster werden.“

Ihr Freund in der Regie

Ihr bester Freund sitzt in der Regie. Er blendet Sta­tis­tiken ein, Sie können sich zurück­lehnen und sel­bige mit Ihrem Stan­dard-Reper­toire abwie­geln. Auf dem Bild­schirm erscheint die Real-Auf­stel­lung: Alle Spieler auf einem Haufen. Sagen sie, Oh ja, inter­es­sant. Vielen Dank an die Regie, daraus lässt sich natür­lich einiges ableiten“. Lassen Sie hier eine kleine Kunst­pause. Sie sug­ge­riert, dass Sie darin tat­säch­lich etwas erkennen, weil Sie eben ein echter Experte sind. Dass Sie in Wirk­lich­keit einzig daraus ableiten können, wie schwach­sinnig diese Grafik ist, behalten Sie für sich.

Nutzen Sie Ihr Wissen, dass Sie sich wenige Minuten vor Anpfiff ange­eignet haben. Wie­der­holen sie per­ma­nent XY macht heute erst sein siebtes Zweit­li­ga­spiel“.
Um wie ein echter Profi zu wirken, vari­ieren Sie: Es fällt kaum auf, dass er heute erst sein siebtes Zweit­li­ga­spiel macht.“ Falls Ihr Trumpf nach 35 Minuten aus­ge­wech­selt wird, lassen Sie sich nicht beirren und bringen Sie nun die selbe Infor­ma­tion auch beim Ein­ge­wech­selten unter: Da merkt man natür­lich schon, dass nun einer spielt, der nicht erst sieben Zweit­li­ga­spiele gemacht hat.“ Even­tu­elle Tore, Fouls und Chancen decken Sie mit dem A,B,C für TV-Repor­tagen („Aus­ge­rechnet“, Bären­stark“, Chan­cen­ver­wer­tung aus­bau­fähig“ ) ab. Wei­tere Plus­punkte bei Ihrem Arbeit­geber sam­meln Sie, wenn Sie jede Gele­gen­heit für haar­sträu­bende Quer­ver­weise auf das rest­liche Pro­gramm des Sen­ders nutzen. Apropos Aus­ge­rechnet!”, aus­ge­rechnet heute startet unsere neue Serie…” Scheuen sie auch beson­ders platte Ver­weise nicht, die gehören zur Fir­men­phi­lo­so­phie.

Sicher in die Halb­zeit

Das Ende der ersten Halb­zeit for­dert Sie nochmal. Die größte Her­aus­for­de­rung Ihres Jobs besteht schließ­lich darin, die Dreis­tig­keit auf­zu­bringen, den 13-minü­tigen Wer­be­block als Halb­zeit­ana­lyse zu bezeichnen. Die Inhaber des viel­be­wor­benen Pay-TV-Abos haben es sich schließ­lich etwas kosten lassen, um jetzt mehr­fach von einem Lai­en­schau­spieler darauf hin­ge­wiesen zu werden, in einer Online-Gold­stube auch frei­lich 3:1 zu tippen. Ihrem Arbeit­geber ist es dabei beson­ders wichtig, dass sie den Spon­soren der Halb­zeit­ana­lyse kor­rekt aus­spre­chen. Ist auch das unfall­frei geschafft, können Sie die Pause nutzen, um den Prak­ti­kanten zum Zusam­men­tragen von Infor­ma­tionen der letzten 123 Spiele der beiden Mann­schaften zu ver­don­nern. Aus seinen Erkennt­nissen leiten Sie bizarre Pro­gnosen ab, um zu Beginn der zweiten Halb­zeit Span­nung her­auf­zu­be­schwören. Ja, es steht 3:0, aber das letzte Mal als A gegen B eine 3:0‑Pausenführung an einem Samstag ohne Son­nen­schein über die volle Distanz brachte, liegt schon 35 Jahre zurück, das ist hier noch lange nicht durch.“ – Wie oft die beiden Mann­schaften seitdem an einem Samstag gegen­ein­ander gespielt haben, ver­schweigen Sie. Genauso wie Ihren Geis­tes­zu­stand.