Oliver Kahn fand das alles ganz schön albern, und des­wegen ergriff der deut­sche Keeper kurz nach Abpfiff das Wort: Das“, sagte er, war eines Tor­hü­ters unwürdig!“ Er meinte damit den Tanz, den Liver­pools Keeper Jerzy Dudek vor jedem Mai­länder Elf­meter auf­ge­führt hatte.
 
Dudek wird Kahns Kritik nicht gestört haben, schließ­lich hatte er an diesem Abend des 25. Mai 2005 die Cham­pions League gewonnen. Seine Mann­schaft hatte 0:3 zurück­ge­legen, Dudek hatte in den 120 Minuten zuvor zig Hoch­ka­räter ent­schärft, im Elf­me­ter­schießen hielt er zwei Mal. Die Fans schrieben ihm später sogar den Ver­dienst am dritten Fehl­schuss der Mai­länder zu. Dudek habe Milans Spieler schließ­lich durch seine Paraden in der Ver­län­ge­rung mürbe gemacht, er habe sie durch sein unkon­ven­tio­nelles Ver­halten auf der Linie so sehr irri­tiert, dass Serginho seinen Elf­meter in den Himmel von Istanbul häm­mern musste.
 
Das alles hatte Kahn in Rage gebracht. Dieses Her­um­ge­hüpfe, dieses Kas­per­le­theater. Er, Oliver Kahn, war von der Presse mal Titan“ getauft worden. Er las Gedichte von Rainer Maria Rilke, eines, sein Lieb­lings­ge­dicht, heißt Der Pan­ther“. Oliver Kahn alberte Elf­meter nicht zur Seite, er tötete sie. Des­wegen wollte er Dudeks Auf­tritt ganz schnell ver­gessen.

Der Hype um Dudek
 
Im Gegen­satz zu den Fans. Denn Dudek, dieser Mann aus dem schle­si­schen Rybnik, der wenige Jahre vor dem Cham­pions-League-Tri­umph noch die Tore von Klubs wie Sokól Tychy Con­cordia Knurów gehütet hatte, erlebte danach einen unge­ahnten Hype.
 
Am 29. Mai 2005, also vier Tage nach dem Tri­umph von Istanbul, berich­tete die pol­ni­sche Zei­tung Super Express“ erst­mals dar­über, dass Dudeks Bewe­gungen in pol­ni­schen Dis­ko­theken Nach­ahmer gefunden habe. Damit auch andere Dis­ko­gänger am kom­menden Wochen­ende wüssten, was dort auf dem Dance­floor vor sich geht, ver­öf­fent­lichte die Zei­tung zudem eine Bil­der­serie, in der die Schritte und Arm­be­we­gungen des Tanzes nach­ge­stellt wurde. Zugleich erklärten die Cheer­leader der Bas­ket­baller von Polonia War­schau: Wenn du in sein willst, tanz den Dudek!“

Dude, do the Dudek with me!
 
Zahl­reiche euro­päi­sche Nach­rich­ten­agen­turen nahmen die Mel­dung auf, und wenige Wochen später war der Dudek-Tanz in aller Munde. Beson­ders populär sei der Tanz in ita­lie­ni­schen Diskos, vor­nehm­lich dort, wo Inter-Fans ver­kehrten, schrieb etwa die Gaz­zetta dello Sport“. Die ita­lie­ni­sche Zei­tung Gente“ glaubte, dass der Tanz der Hit des Som­mers werden würde („Egal, wo du deinen Urlaub ver­bringst, ob du mit der Familie im Zelt­lager bist, mit deiner Geliebten in einem Desi­gner-Hotel an der See oder alleine in der Stadt bleibst, eines ist sicher: Der Tanz der Saison wird der ›Dudek-Dance‹ sein!“), und schließ­lich erklärte auch der eng­li­sche Guar­dian“, wie diese Sache namens Dudek-Dance“ funk­tio­nierte:
 
Öffne deine Arme weit, dann bring deine Fäuste nah an dein Gesicht, ganz so, als wür­dest du in einer Folge von Scooby Doo mit­spielen. Dann öff­nest du deine Arme, gehst in die Knie, springst und wirfst deine Hände in die Luft. Schließ­lich sprichst du einen poten­zi­ellen Tanz­partner an und sagst: ›Dude, do the Dudek with me.‹“

Und plötz­lich fühlte sich das alles ein biss­chen an wie 1982, als sich die Men­schen nur noch per Moon­walk durch die Straßen bewegten. Oder wie 1996, als Macarena“ die Charts eroberte und man in euro­päi­schen Tanz­klubs junge Leute dabei zusehen musste, wie sie ihre Arme seltsam ver­kno­teten.
 
Auch, weil kam, was kommen musste: die Musik-Single. Im Juli 2005, also gerade mal andert­halb Monate nach dem Finale, schossen die Trophy Boyz“ mit Du the Dudek“ in die Charts. Der Song erreichte Platz 7 der bri­ti­schen Indie-Hit­liste und Platz 37 der UK-Charts. Adrian Zagg, Co-Autor des Songs und lebens­langer Liver­pool-Fan, sagte später einmal, dass er den Song noch in der Nacht nach dem Spiel geschrieben habe. Ich wollte etwas schaffen, das uns ewig an diese Nacht erin­nert“, sagte er. Damit die Fans wissen, wie wir fühlten. Ich wollte diese Mann­schaft unsterb­lich machen.“
 
Dafür benutzte er die sterb­lichste Musik über­haupt: Kir­mes­techno. Der Refrain erin­nerte an schlimme Momente der Neun­ziger-Euro­dance-Trash-Phase, und man musste ein wenig Sorge tragen, dass Oliver Kahn, der Retter der Hoch­kultur auf und abseits des Fuß­ball­platzes, eines Tages auf diesen Song auf­merksam wird. Oder hätte Rilke eben­falls mit Feu­er­wehr­män­nern und leicht­be­klei­deten Mäd­chen getanzt? Hätte er Zeilen wie diese auf­ge­schrieben?
 
Come on and do the Dudek! Do the Jerzy Dudek! Shake it, shake it, move it! Jump up and wave your gloves!“

Der Hype ver­flachte bald, die Trophy Boyz“ ver­wer­teten 2006 den Hit zwar erneut und nahmen noch einen Com­men­tary Mix“ auf, doch es inter­es­sierte nie­manden mehr. Schließ­lich lösten sie sich auf.
 
Doch der Song und der Tanz leben im Internet weiter, seit einigen Jahren hat Du the Dudek“ einen eigenen Wiki­pedia-Ein­trag (https://​en​.wiki​pedia​.org/​w​i​k​i​/​D​u​_​t​h​e​_​Dudek). Die ange­ge­bene Refe­renz­seite duthe​dudek​.net führt aller­dings auf eine Home­page voller asia­ti­scher Schrift­zei­chen. Es geht dort nicht mehr um den Tanz, es geht, den Bil­dern nach zu urteilen, um Bein- und Achsel-Epi­la­tion. Die Seite müsste drin­gend mal aktua­li­siert werden. Es wäre ein schönes Geschenk für Jerzy Dudek. Der Mann wird heute 40.