Das Inter­view erschien erst­mals in 11FREUNDE #212 (das Heft gibt es bei uns im Shop), im Sommer 2019. Damals war Younes noch für Neapel aktiv. Am Sonntag ist er zu Ein­tracht Frank­furt gewech­selt.

Amin Younes, Sie gelten als Stra­ßen­fuß­baller, trafen zu Beginn Ihrer Kar­riere aber gleich auf einen beses­senen Tüftler wie Lucien Favre. Ein kom­pli­zierter Start?
Lucien Favre ist ein toller Trainer. Er will jeden Spieler jeden Tag besser machen und bei den meisten bekommt er das auch hin. Weil er im Trai­ning auf Klei­nig­keiten ein­geht, weil er dich zur Seite nimmt und dir genau erklärt, was du richtig oder falsch gemacht hast. Aber für mich als 17-jäh­rigen Spieler war es in Glad­bach eine große Her­aus­for­de­rung, all dem im Detail zu folgen.

Wieso?
Weil er wirk­lich immer auf jede Klei­nig­keit ein­ge­gangen ist. Ich gebe Ihnen ein Bei­spiel.

Gerne.
Einmal holte er mich bei einem Trai­nings­spiel zu sich an den Rand, irgend­etwas an meinem tak­ti­schen Ver­halten hatte ihm nicht gefallen. Er erklärte mir sehr detail­liert, was ich in Zukunft anders machen sollte. Zwei Stunden später klin­gelte mein Handy, Favre rief an. Ich fürch­tete schon, dass ich eine Ein­heit ver­pennt hätte und er sauer wäre, aber statt­dessen ging es um die Szene aus dem Vor­mit­tags­trai­ning. Er sagte: Ich bin gerade auf einer Tak­tik­tafel noch mal die Situa­tion von vorhin durch­ge­gangen und wollte Ihnen nur mit­teilen, dass ich Ihnen die Zusam­men­hänge falsch erklärt habe. Darauf komme ich morgen noch mal in Ruhe zurück. Ich wollte nur, dass Sie Bescheid wissen.“ Es lag ihm wirk­lich am Herzen, dass ich mir keine fal­schen Anwei­sungen ein­präge. Das Tele­fonat sagt viel über Favre und seine Akribie aus.

Gab es in ihrem Leben noch andere Men­schen, die sich ähn­lich intensiv mit Ihrem Spiel aus­ein­an­der­ge­setzt haben?
Mein Vater! Das läuft zwar auf einer eher emo­tio­nalen Ebene ab, aber er ist extrem fuß­ball­ver­rückt. Er schaut zum Bei­spiel jedes Spiel von mir noch mal im Re-Live an. Dann ruft er mich an und gibt mir detail­liertes Feed­back. Er sagt dann: Junge, in der Situa­tion musst du schießen, nicht noch einen Haken machen.“

Sie sind 25 Jahre alt. Geht Ihnen das nicht auf den Geist?
Nein. Ich weiß, dass mein Vater diese Unter­hal­tungen liebt. Er war Jugend­na­tio­nal­spieler im Libanon, musste aber auf­grund des Bür­ger­kriegs schon früh seine Kar­riere beenden. Das hat ihn sehr traurig gemacht. Mit der Zeit habe ich ver­standen, dass er durch mich ein Stück weit seinen eigenen Traum leben kann. Es macht ihn glück­lich, wenn er mir von Vater zu Sohn Tipps geben kann. Und ich kann diese Tipps ganz gut ein­ordnen. (Lacht.)

Wie war es früher?
Als ich jünger war, hat mich mein Vater nach Spielen oft zu sich gerufen und wir sind noch mal auf den Platz gegangen. Er stellte Hüt­chen auf, dann übten wir die Dinge, die im Spiel nicht gut geklappt hatten.

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Daniel Geb­hard de Koek­koek

Man­chen Trai­nern dürfte das nicht unbe­dingt gefallen haben.
Klar, da kam es oft zu Dis­kus­sionen. Mein Vater meinte dann, ich müsse im Zen­trum spielen, auf der Zehn. Aber ich habe früh meinen Kopf ein­ge­schaltet und kapiert, dass er als mein Vater zwar immer das Beste für mich will, es für mich aber darum gehen muss, dass wir als Mann­schaft gut spielen.

In was für Ver­hält­nissen sind Sie auf­ge­wachsen?
In beschei­denen Ver­hält­nissen. Als ich klein war, lebten meine Eltern, mein älterer Bruder und ich zu viert in einer kleinen Ein-Zimmer-Woh­nung in einem Düs­sel­dorfer Plat­tenbau. In den Som­mer­fe­rien, wenn wir die Familie meines Vaters im Libanon besu­chen wollten, don­nerten wir in unserem alten Mitsu­bishi 40 Stunden quer durch Europa, weil Flug­ti­ckets viel zu teuer gewesen wären. Gleich­zeitig fehlte es mir an nichts und ich bin dankbar für die Chancen, die mir Deutsch­land geboten hat.