Seite 2: „Na Mensch, watt machs du denn hier?“

Warum gibt es im Revier an jeder Ecke einen großen Verein, wäh­rend im Süden alles von zwei, drei Klubs absor­biert wird? 
Vor allem natür­lich, weil dort überall so viele Men­schen leben, die früher keine andere Frei­zeit­be­schäf­ti­gung hatten als Fuß­ball. Heute hat man die finan­zi­ellen Mög­lich­keiten, Tennis zu spielen, Golf zu spielen, Schlitt­schuh zu laufen oder sogar Segel­fliegen zu gehen. Früher sind die Jungs aus der Zeche gekommen und wollten Fuß­ball spielen. Fuß­ball war das Größte für die. Daraus sind meines Erach­tens die Ver­eine ent­standen.

Ist der Fuß­ball gene­rell prä­senter im Alltag? 
Ich glaube schon, aber ich kann das nur schwer beur­teilen, weil ich überall sehr viel über Fuß­ball rede. Auf jeden Fall laufen die Begeg­nungen im Pott anders ab. Das habe ich erst bei meinem letzten Besuch in Bochum wieder bemerkt.

Erzählen Sie! 
Ich hatte kaum das Auto abge­stellt, da kam schon der Erste auf mich zu: Na Mensch, watt machs du denn hier?“ Und gleich danach kamen zwei ältere Damen: Ach, guck mal, da iss ja unser Her­mann, ach, watt war datt schön, als du noch bei uns gespielt has.“ Und schon ist man mitten im Gespräch.

Werden Sie in Mün­chen nicht ange­spro­chen? 
Doch, aber das ist anders. Zunächst mal duzt mich in Bochum jeder, hier sagen sie Herr Ger­land.

Was ist Ihnen lieber?
Duzen natür­lich. Jeder kann Her­mann zu mir sagen.

Her­mann, hat es dich nie gereizt, deine Erfah­rungen beim FC Bayern für den VfL Bochum zu nutzen? 
Tja, ich bin seit 25 Jahren weg, und erst jetzt hat mich mit Martin Kree zum ersten Mal ein Offi­zi­eller von Bochum ange­spro­chen. Von Ottokar Wüst, als der noch mit­ge­mischt hat, wurde das zwar auch gewünscht, das weiß ich, aber es ist nie jemand vom VfL Bochum auf mich zuge­kommen.

Wür­dest du den FC Bayern für den VfL Bochum auf­geben? 
Heute auf gar keinen Fall mehr. Es gab eine Zeit, da hätte ich es mir vor­stellen können. Je nachdem, wie alt ich werden kann, könnte ich mir auch vor­stellen, im Ren­ten­alter mal eine Mann­schaft zu über­nehmen oder die Jugend­ab­tei­lung, wenn man mich anspre­chen würde. Dann aller­dings ohne Geld.

Du willst wieder zurück nach Bochum. 
Ja, wobei es jetzt auch so ist, dass meine Frau in diesem Jahr noch zweimal Omma wird. Und den kleinen Paul haben wir schon. Der ist jetzt drei, und als ich zu Jah­res­be­ginn einen Fan­klub in der Ucker­mark besucht habe, habe ich in Berlin Sta­tion gemacht, wo meine Töchter wohnen, und ihn mit­ge­nommen. Er hat dann für mich auf die Tor­wand geschossen und von drei Ver­su­chen zwei getroffen. Ein ver­rückter Linksfuß. Mit drei! 

Und jetzt über­legst du, ob du nach Berlin musst, ihn aus­bilden? 
Naja. Ich mag meine Töchter schon auch leiden, keine Frage, aber vor allem hat meine Frau das Gefühl, sie würde dort gebraucht. Ich würde schon gerne zurück ins Revier, wir haben da einen Bau­ernhof mit Pfer­de­zucht. Und für die Kinder ist das doch auch wun­derbar, wenn sie kommen können und mit dem Oppa Tre­cker fahren. Aber das ist alles noch nicht ent­schieden.

Werner Olk hat mal gesagt: Mün­chen ist die schönste Stadt der Welt, hier will doch keiner weg.“ Warum willst du doch? 
Sagen wir mal, der FC Bayern lässt mich noch fünf oder sechs Jahre hier arbeiten. Dann habe ich 30 Jahre in der schönsten Stadt der Welt gewohnt. Dann kann ich doch zurück in meine Heimat. Wobei, von meinen Kum­pels sind schon einige gestorben: Ottokar Wüst, Eia Kremer, Werner Balte. Wenn ich in ein paar Jahren gar keinen mehr kenne, dann weiß ich auch nicht, was ich in Bochum noch zu tun habe. Wie gesagt: Es geht nicht um die Königs­allee oder das Sta­dion, das habe ich meinem Enkel schon gezeigt. Es geht um die Men­schen, um Weg­ge­fährten.