Als Franky Hängesocke“ Mill an jenem Nach­mittag zum Jubeln abdrehte war das kei­nes­wegs einer dieser überschwänglichen Tor­jubel, die ihn im Laufe seiner langen Bun­des­li­gakar­riere zur Blau­pause des glückseligen Jürgen Klins­mann werden ließen. Viel­mehr war es ein ver­stoh­lener schüchtener Blick, den er da offen­barte – einer von der Sorte, die man auf den Gesich­tern von Kin­dern sieht, die wissen, dass sie soeben die Grenze des Ver­tret­baren überschritten haben. Die gerade dabei ertappt wurden, wie sie mit ihren kleinen Kinderhänden ein­deutig zu tief in Omas Bonbon-Glas grab­beln und mit mehr Cola­kra­cher davon­kommen als ihre Erzeuger es für ver­tretbar halten.

Jetzt aber, da Schieds­richter Ame­rell seine Pfeife aus dem Mund nimmt und Rich­tung Mit­tel­kreis zeigt, bricht es aus dem Vollblutstürmer heraus. Mill reißt die Arme in die Luft und setzt zu einem kleinen Freu­den­sprung an. Wohl wis­send, mit Han­no­vers Torhüter Ralf Raps ein Ding abge­zogen zu haben, das dieser mit Sicher­heit sein Leben nicht ver­gessen wird. Ein dreistes Stück, von dem kleine Kinder ent­lang der A40 höchstens in ihren kühnsten Träumen zu phan­ta­sieren wagen – ein Tor, das selbst die bie­dersten Fuß­ball­fach­leute der Repu­blik in den kom­menden Wochen in Wal­lungen bringen würde.

Raub­tier­artig hatte sich Franky Hängesocke“ erst an den ahnungs­losen Schluss­mann her­an­ge­schli­chen, ihn regel­recht aus­ge­guckt, nur um dann – just in dem Moment, in dem Ralf Raps den Ball aus der Hand abschlagen wollte – mit seinem Kopf dazwi­schen zu fahren. Um ihn schließ­lich mit der Kaltschnäuzigkeit eines Straßenköters auf­zu­nehmen und unter dem Gejohle der 21.100 fei­xenden Zuschauer im Gehäuse der Han­no­ve­raner unter­zu­bringen.

Was Mill und die anwe­senden Zuschauer an diesem Samstag im April 1988 noch nicht wissen konnten, war, dass das Schlitzohr wegen dieser Räuberpistole nicht nur zum Torschützen des Monats gekürt werden sollte. Dieses Tor sollte auch der Auslöser für eine gra­vie­rende Regeländerung in den Sta­tuten des DFB sein. Kein Stürmer sollte es fortan wagen dürfen, einen Torhüter anzu­gehen, wenn dieser den Ball in seinen Händen hielt oder gar aus seinen Händen abspielen möchte“. Ein denkwürdiger Moment also. Und Grund genug, um den fußballverrückten Stu­denten Thomas Böcker in die Spur zu schi­cken, den Torjäger a.D. für die Foto­aus­stel­lung Da war doch wat!“ im Essener Forum für Kunst & Archi­tektur zu porträtieren.

Einer Anfrage, der Mill auch mehr als 20 Jahre nach dem Tor sehr gerne nachkam. Viel­leicht auch in der Hoff­nung, dass das Foto­por­trait ihn end­lich rein­wa­sche von dem Stigma, das ihn seit seinem legendären Pfos­ten­schuss aus der Saison 1986/87 umweht.

Ein Leuchten in seinen Augen“

Und so will auch der Design- und Foto­gra­fie­stu­dent Böcker beim Shoo­ting im West­fa­len­sta­dion einen gewissen Stolz für das Erreichte gespürt haben: Auch wenn ich jetzt nicht sagen kann, ein Leuchten in seinen Augen wahr­ge­nommen zu haben, so wusste er den­noch ganz genau, wie das Tor ent­standen ist, dass er den Ball mit dem linken Fuß rein­ge­macht hat“, so der Foto­graf.

Womit der Stürmer aber bei­leibe nicht allein auf weiter Flur steht. Denn auch im Rahmen der Aus­stel­lung der Fach­hoch­schule Düsseldorf, die sich zum Ziel gesetzt hat, Geschichten aus dem Ruhr­ge­biets­alltag erneut ans Tages­licht zu fördern und neu zu ver­mit­teln, erfreuen sich die Besu­cher genauso an der Geschichte von Franky Hängesocke“ Mill wie an den Bil­dern von Dia­manten Paul“ und der Essener Licht­burg. Eine Anek­dote, die eben auch typisch Ruhr­ge­biet ist. Ein kleines Gaunerstück auf grünem Rasen, von dem die (Groß-)Eltern ent­lang der A40 auch heute noch gerne ihren Steppkes erzählen. In der Hoff­nung, ihr Filius würde eben nicht der nächste Bier­hoff werden, son­dern ein Voll­stre­cker der alten Schule. Ein räudiger Straßenköter mit der Schlitz­oh­rig­keit eines Frank Mill.

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Alle Infos zur Foto-Aus­stel­lung in Essen gibt’s hier: https://​www​.dawar​dochwat​.de