Helmut Spahn, momentan kur­siert eine Debatte über die zuneh­mende Gewalt im deut­schen Fuß­ball. Was halten Sie davon?
Dazu muss man sich die Daten und Fakten anschauen und Emo­tionen außen vor lassen. Wenn man das tut, kommt man zu einem ein­deu­tigen Ergebnis: Es gibt eine Viel­zahl von Vor­fällen, die ver­hin­dert werden sollten. Aber die Situa­tion ist bei weitem nicht so dra­ma­tisch, wie sie wahr­ge­nommen wird. Man muss es mal so deut­lich sagen: Es unter­halten sich teil­weise Per­sonen über Themen wie Pyro­technik, Gewalt, Sta­di­on­ver­bote oder Sicher­heits­richt­li­nien, die von der Materie null­kom­ma­null Ahnung haben. Das Pro­blem ist, dass die Medi­en­ma­schine so immer wieder mit dem Thema ange­heizt wird und damit eine gewisse Stim­mung erzeugt wird.

Woran liegt das?
Wir erleben eine unglaub­liche mediale Auf­merk­sam­keit für den Fuß­ball. Dadurch wird das Pro­dukt“, ich benutze mal den Begriff der DFL, in extremster Weise pro­motet. Es gibt Unmengen von Fern­seh­sen­dungen und Zei­tungen, die mit Fuß­ball gefüllt werden. Die Kehr­seite ist, dass über die nega­tiven Seiten des Pro­dukts“ genauso expansiv berichtet wird. In der Saison 2010/11 gab es 846 Ver­letzte in Erster und Zweiter Bun­des­liga, im Übrigen bei weitem nicht alle ver­ur­sacht auf­grund gewalt­tä­tiger Aus­ein­an­der­set­zungen. Jeder Ver­letzte ist einer zu viel, aber diese Anzahl weist das Okto­ber­fest an einem ein­zigen Tag auf. Doch im Fuß­ball wird gleich von bür­ger­kriegs­ähn­li­chen Zuständen gespro­chen. Und man hat in der Bericht­erstat­tung den Ein­druck, als wenn durch den Fuß­ball unsere Repu­blik aus den Angeln gehoben wird.

Was dazu führt, dass immer här­tere Strafen gefor­dert werden.
Mein Vater ist 82, wenn der die Zei­tung auf­schlägt und von Chaoten und Irren beim Fuss­ball“ liest, dann sagt er auch: Die muss man weg­sperren. Es müssen här­tere Strafen her.“ Nur hat er sich mit der Materie noch nicht ein­ge­hend beschäf­tigt. Durch die auf­ge­bauschte Stim­mung kommt es dazu, dass man das Pro­blem nicht mehr seriös loka­li­sieren kann. Wenn ich einen Schnupfen habe und der Arzt ampu­tiert mir dar­aufhin den rechten Unter­schenkel, dann bringt das auch nichts.

Bei der dies­jäh­rigen Sicher­heits­kon­fe­renz stellten die Ver­bände als mög­liche Maß­nahme eine Ver­län­ge­rung der Sta­di­on­ver­bots­lauf­zeiten auf bis zu zehn Jahre vor. Ist das auch ein Behand­lungs­fehler?
Diese Maß­nahme richtet sich gegen eine kleine Gruppe von Per­sonen, die immer wieder auf­fällig werden. Wenn ich bei denen sehe, dass sie teil­weise fünfmal durch gewalt­tä­tige Aktionen auf­ge­fallen sind, dann muss ich kon­sta­tieren: Da greift der erzie­he­ri­sche Effekt nicht mehr, da sollte es in diesen Aus­nah­me­fällen zu einem län­geren Aus­schluss kommen. Grund­sätz­lich bin ich der Mei­nung, dass man mit mehr Polizei, mehr Restrik­tionen, mehr Über­wa­chung das Pro­blem nicht löst. Momentan müssen die Ver­bände aber in der Außen­dar­stel­lung etwas trans­por­tieren, weil der poli­ti­sche Druck wächst, und greifen dabei auf alt­be­kannte Instru­mente wie die Ver­län­ge­rung der Sta­di­on­ver­bots­lauf­zeiten zurück.

Wäh­rend Ihrer Zeit als Sicher­heits­be­auf­tragter wurde die Höchst­dauer der Sta­di­on­ver­bote von fünf auf drei Jahre gesenkt. Einige Per­sonen inner­halb des Ver­bandes taten das als popu­lis­ti­sche Maß­nahme ab.
Wir haben uns auf dem Fan-Kon­gress 2007 mit den Fans, der Polizei und den Ver­einen zusam­men­ge­setzt und offen dis­ku­tiert. Das war eine absolut ernst­ge­meinte und sinn­volle Ver­an­stal­tung und kein Werbe-Gag. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Ver­kür­zung von fünf auf drei Jahre sinn­voll sein kann. Auch um einen Schritt auf die Fans zuzu­gehen und einen guten Willen zu zeigen. Zum dama­ligen Zeit­punkt tobten auch einige Innen­mi­nister, doch als wir ihnen unser Kon­zept vor­ge­stellt haben, sagten sie: Das können wir nach­voll­ziehen, lass es uns pro­bieren.“ Mit dem Ergebnis, dass es keine Zunahme der Gewalt gab, son­dern mehr Kom­mu­ni­ka­tion und Ver­stän­di­gung. Des­wegen wurden auch die Richt­li­nien in der Folge nicht geän­dert – 2008, 2009, 2010 und 2011 nicht. Und mal ehr­lich: Es ist an den Haaren her­bei­ge­zogen, dass jemand das Risiko eines Sta­di­on­ver­bots eher ein­geht, weil es nicht mehr um fünf, son­dern um drei Jahre geht.

Einige Innen­mi­nister for­dern Alko­hol­ver­bote oder den Aus­schluss von Gäs­te­fans. Wir spra­chen gerade über die über­zo­gene Gewalt-Debatte. Warum treten Ver­bands­ver­treter den Dro­hungen der Politik nicht ener­gi­scher ent­gegen?
Eins mal nebenbei: Es besteht kein Zusam­men­hang zwi­schen dem Alko­hol­aus­schank im Sta­dion und gewalt­tä­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen. Das belegen unzäh­lige wis­sen­schaft­liche Erhe­bungen zu diesem Thema. Ich glaube, dass es auf­grund des Drucks und des Hypes sport­po­li­tisch sehr schwer für einen Funk­tionär von DFB und DFL ist, sich hin­zu­stellen und zu sagen: Diese Dynamik ist über­zogen.“ Grund­sätz­lich ist es teil­weise auch so, dass Poli­tiker über den Fuß­ball die Öffent­lich­keit suchen. Andere Themen wie Daten­schutz oder Kri­mi­nal­sta­tis­tiken sind medial nicht so trans­por­tabel. Wenn sich aber ein Poli­tiker hin­stellt und sagt: Die Gewalt im Fuß­ball nimmt über­hand“, dann wird sein Name in der Zei­tung gedruckt.

Damit wäre der Fuß­ball nur ein Instru­ment.
Auch Poli­zei­ge­werk­schaften ver­su­chen, über den Fuß­ball ihre Inter­essen zu ver­treten. Wenn da von 1,5 Mil­lionen Arbeits­stunden der Polizei rund um den Fuß­ball die Rede ist, dann schreckt der Außen­ste­hende auf. Wenn man aber auf­führt, dass dabei auch weit über 20 Mil­lionen Zuschauer geschützt werden, das Zustan­de­kommen der Zahl the­ma­ti­siert und dis­ku­tiert, dann inter­es­siert das keinen. Damit sind wir beim Aus­gangs­punkt: Die der­zei­tige Debatte wird bestimmt von per­sön­li­chen Mei­nungen, Inter­essen und Emo­tionen. Und zwar auf allen Seiten, eben auch bei Medien, Poli­ti­kern, Funk­tio­nären und Fans.

Viele Fan­grup­pie­rungen ver­missen den Dialog. Warum funk­tio­niert dieser bisher nicht?
Die orga­ni­sierten Fan­gruppen können ins­be­son­dere über die Neuen Medien ihre Mei­nungen trans­por­tieren, der Fami­li­en­vater im Sta­dion eher nicht. Wir haben der­zeit sieben oder acht unter­schied­liche Inter­es­sen­gruppen im Sta­dion, da ist es schwierig, die Mei­nung der Fans und den rich­tige Ansprech­partner her­aus­zu­fil­tern. Trotzdem darf das nicht dazu führen, dass man den Kopf in den Sand steckt. Es ist besser, alle an einen Tisch zu bringen. Der Dialog ist immens wichtig.


Das Gespräch mit Helmut Spahn wurde im Rahmen der Repor­tage Der tiefe Graben“ für die Aus­gabe 11FREUNDE#132 geführt, die ab Don­nerstag im Handel erhält­lich ist. Lest morgen im zweiten Teil auf www​.11freunde​.de: Helmut Spahn über die Pyro­technik-Gespräche. Außerdem: Inter­views mit Fan­ver­tre­tern und Unions Prä­si­dent Dirk Zingler.