Eyjólfur Sver­risson, wissen Sie, wel­chen Rekord Tri­nidad und Tobago im Fuß­ball hält?
Ich nehme mal an, es ist das kleinste Land, das an einer WM teil­ge­nommen hat. Stimmt das?

Völlig richtig. 1,3 Mil­lionen Men­schen leben dort. Wie wahr­schein­lich ist es denn, dass sich Island mit seinen 320.000 Ein­woh­nern diesen Rekord am 19. November schnappt?
Ich würde sagen 50:50. Die Kroaten sind zwar der Favorit, aber in sol­chen Spielen weiß man ja nie. Da hängt viel von der Stim­mung ab. Und die Stim­mung ist gut bei Island, wir sind im Auf­wind. Es wird aller­dings schwierig sein, die Kroaten aus­zu­rechnen. Die haben außerdem mit Niko Kovač einen neuen Trainer.

Mit ihm haben Sie Mitte der neun­ziger Jahre zusammen für Hertha BSC gespielt.
Da weiß man nie, was kommt. Viel­leicht ist die Mann­schaft ver­un­si­chert durch den neuen Trainer. Viel­leicht ist sie durch ihn aber auch beson­ders moti­viert. Es ist eher ein Nach­teil für Island, dass Trainer Lars Lager­bäck nur schwer planen kann. Wie werden die Kroaten wohl spielen?

Mög­li­cher­weise unter­schätzen sie Island.
Ich kann mir jeden­falls vor­stellen, dass sie geju­belt haben, als sie uns gezogen haben. Für alle vier Mann­schaften aus dem ersten Topf wären wir der abso­lute Lot­to­ge­winn gewesen.

Kaum einer setzt auf Island. Spornt das die Spieler an oder ent­mu­tigt sie es?
Die wissen, was sie können. Die meisten von ihnen waren 2011 mit mir bei der U21-EM in Däne­mark. Die Jungs haben damals inter­na­tio­nales Flair geschnup­pert und waren am Ende die fünft­beste Junio­ren­na­tio­nal­mann­schaft in Europa. Und sie haben noch einige Jahre, in denen sie zusam­men­spielen und wachsen werden. Das sind junge Leute. Und trotzdem gute Leute.

Wo ist das Team beson­ders gut?
Wir sind offensiv sehr stark, es gibt viele Spieler, die gerade einen rich­tigen Lauf haben. Gylfi Sigurðsson spielt in Tot­tenham, Jóhann Guð­mundsson und Kol­beinn Sigþórsson ver­dienen ihr Geld in Hol­land, alle drei machen viele Tore. Wenn man noch Aron Jóhannsson mit­zählt, der sich leider für die US-Natio­nal­mann­schaft ent­schieden hat, haben drei der Tops­corer in Hol­land islän­di­sche Wur­zeln. Schon erstaun­lich.

Ist Eiður Guðjohnsen, der in Bar­ce­lona und für Chelsea gespielt hat, noch immer der Star des Teams?
Er ist der erfah­renste Spieler, ja. Aber Star? Das ist eher Sigurðsson. Er ist ein Juwel und kann Spiele allein ent­scheiden, etwa durch seine Frei­stöße. Ein abso­luter Aus­nah­me­spieler, er hat eine ein­ma­lige Ent­wick­lung gemacht. Und Kol­beinn Sigþórsson von Ajax wird total unter­schätzt. Er ist schnell, kopf­ball­stark, ein unheim­lich aggres­siver Stürmer, brand­ge­fähr­lich. Für mich ist er auch ein Welt­klas­se­spieler.
Noch vor Kurzem wurde Island in seinen Qua­li­fi­ka­ti­ons­gruppen ver­läss­lich Vor­letzter oder Letzter. Was hat sich geän­dert?
Das ist die all­ge­meine Ent­wick­lung von Fuß­ball in Island. Wir haben große Hallen gebaut, in denen man das ganze Jahr über 24 Stunden trai­nieren kann. Dadurch haben wir uns unheim­lich ver­bes­sert. Vor allem in der Breite. Die ath­le­ti­schen Leute haben wir immer schon gehabt. Dass so viele von uns erfolg­reich sind im Hand­ball und im Fuß­ball, ist eigent­lich phä­no­menal. Da muss was in den Genen liegen. Irgendwas ist da. Diese Durch­schlags­kraft. Das Wikin­ger­blut hat uns geprägt.

Sicher, dass es daran liegt?
Die Moti­va­tion ist in Island auch sehr hoch. Viel­leicht werden wir ein­fach vom Wetter beein­flusst. Das wech­selt ständig, man muss sich immerzu neu ori­en­tieren. Die Isländer geben nicht auf und arbeiten hart, um erfolg­reich zu sein. Egal, was sie machen.

Ihr Sohn Hólmar Eyjólfsson spielt beim VfL Bochum, ein A‑Länderspiel hat er schon absol­viert. Wahr­schein­lich wäre er im nächsten Jahr bei der WM dabei, wenn Island sich qua­li­fi­ziert. Würde Sie das wurmen? Sie waren nie bei einem großen Tur­nier dabei.
Nein, ich würde mich freuen. Für alle Spieler. Die meisten habe ich ja trai­niert, ich kenne die gut. Ich hätte so etwas auch gerne geschafft, als ich noch aktiv war, aber wir waren nicht gut genug, vor allem in der Breite. Wenn heute einer aus­fällt, rückt der nächste nach, der ist nicht viel schlechter.

Ver­folgen Sie eigent­lich noch die Bun­des­liga?
Ja, jedes Wochen­ende. Ich gucke alle Spiele, die ich live kriegen kann, vor allem natür­lich meine Mann­schaften: Stutt­gart und Hertha. Ich halte die Bun­des­liga für die attrak­tivste Liga der Welt. Da wird sen­sa­tio­neller Fuß­ball gespielt. Und es ist witzig, dass viele meiner ehe­ma­ligen Mit­spieler jetzt Trainer und Manager sind, Michael Preetz, Marc Arnold, Michael Front­zeck. Es macht Spaß zu gucken, wie sich diese Typen ent­wi­ckelt haben.

Auch Kroa­tiens Trainer Niko Kovač ist einer Ihrer ehe­ma­ligen Mit­spieler. Werden Sie vor den Play­offs mit ihm tele­fo­nieren?
Wir kennen uns gut, haben aber keinen regel­mä­ßigen Kon­takt. Ich glaube nicht, dass er mich anrufen wird. Da würde er eh nicht viel raus­kriegen.

Was ist Ihr Tipp für die beiden Spiele?
Da bin ich natür­lich gefärbt. Ich glaube, wir kommen weiter. 0:0 in Island und 1:1 aus­wärts. Dann sind wir das kleinste Land, das je an einer WM teil­ge­nommen hat. Und es wird lange dauern, bis uns jemand diesen Rekord wieder abnehmen kann.

Würden Sie nach Bra­si­lien fliegen?
Na sicher, auf jeden Fall!