Michael Ehren­fort, Sie haben mit Ihrem Kol­legen Murat Yilmaz einen offenen Brief ver­fasst, in dem Sie auf die Zustände im Ham­burger Ama­teur­fuß­ball auf­merksam machen. Ist es wirk­lich so schlimm?
Absolut. Alleine an den ver­gan­genen drei Wochen­enden kam es zu schweren Vor­fällen, die auch in unserem Brief erwähnt werden. Zuletzt beim Lan­des­li­ga­spiel zwi­schen dem Bram­felder SV und Der­sim­spor Ham­burg am 4. Sep­tember 2015, als Offi­zi­elle, Spieler oder Zuschauer den Angriff eines Zuschauers auf den Schieds­richter nicht ver­hin­derten – selbst als dieser noch am Boden lie­gend auf bru­talste Art weiter atta­ckiert wurde. Die Situa­tion ist so ernst, dass wir uns genö­tigt sahen, aktiv zu werden.
 
Wo liegt das Pro­blem: bei den Fans oder bei den Spie­lern?
Das kommt immer auch auf die Spiel­klassen die Mann­schaften an. Natür­lich gibt es Teams mit sehr hit­zigen Spieler, aber oft wird die aggres­sive Stim­mung auch von den Zuschauern rein­ge­tragen. Wir hatten schon den Fall, dass ein Schieds­richter von einem Fan nach einem inten­siven, aber fairen Spiel ins Kran­ken­haus geprü­gelt wurde. Damit hatten die Mann­schaften gar nichts zu tun. Zudem darf man die Eltern bei Jugend­spielen nicht ver­gessen. Dass der DFB die Abstands­regel von Eltern zum Spiel­feld­rand wieder ver­schärft hat, sagt eigent­lich alles.

Ist die Hemm­schwelle nied­riger geworden?
Im Ama­teur­be­reich gibt es jähr­lich etwa 600 Spiel­ab­brüche wegen Atta­cken auf Schieds­richter. Das sind erschre­ckende Zahlen, aber letzt­lich ein Spie­gel­bild der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung. Ein Pro­blem ist sicher­lich man­gelnder Respekt gegen­über öffent­li­chen Ämtern.
 
In Braun­schweig wurde vor einiger Zeit ein Schieds­richter fast tot­ge­schlagen. Von einem Spieler, der auch Kampf­sportler war. Waren Sie selbst mal in so einer Situa­tion?
Zum Glück noch nicht! Natür­lich ist man immer mit unsport­li­chen Situa­tionen kon­fron­tiert, aber die konnten bei mir bis jetzt immer mit Platz­ver­weisen gere­gelt werden. Zu Gewalt­über­griffen oder zum Spiel­ab­bruch kam es bei mir noch nicht.

Über­legt ein Ama­teur­schieds­richter bei beson­ders aggres­siven Spie­lern zweimal, ob er eine Rote Karte zeigt?

Nein, ich nicht! Soweit darf es nie kommen, dann hätten wir als Schieds­richter ver­loren. Man muss sich trauen, die Fuß­ball­re­geln umzu­setzen, da muss man knall­hart sein.
 
Babak Rafati kos­tete die psy­chi­sche Belas­tung als Schieds­richter 2011 bei­nahe sein Leben. Wie weit ist die Belas­tung der Schieds­richter im Ama­teur­be­reich fort­ge­schritten?
Der Stress und der Druck im Ama­teur­be­reich sind natür­lich nicht so hoch wie in den Pro­fi­ligen. Außerdem ist es für die meisten Schieds­richter nicht mehr als ein Hobby. Daher treten sie auch schneller zurück, wenn sie die Situa­tion zu stark belastet.

Sie müssen also Sorge haben, dass Ihnen bald die Schieds­richter aus­gehen?
Das ist tat­säch­lich ein ernstes Pro­blem. Die Wahr­schein­lich­keit, dass ein Schieds­richter schon im ersten Jahr nach seiner Prü­fung wieder auf­gibt, liegt bei 50 Pro­zent. Wei­tere 25 Pro­zent folgen im nächsten Jahr. Des­wegen haben wir schon jetzt immer mehr Pro­bleme, die Spiele mit Schieds­rich­tern zu besetzen.

Der ehe­ma­lige Schieds­richter-Boss Lutz Michael Fröh­lich beschei­nigte Jürgen Klopp mal ein aggres­sives Poten­tial“. Der Ex-BVB-Trainer würde Respekt­lo­sig­keiten gegen Schieds­richter im Ama­teur­be­reich för­dern. Liegt das Pro­blem also auch im Pro­fi­be­reich?
Die Vor­bilds­funk­tion ist natür­lich gegeben. Wenn sich Trainer, Spieler und Offi­zi­elle im Pro­fi­be­reich daneben benehmen, findet sich das durchaus am Wochen­ende im Ama­teur­be­reich wieder.
 
Herr Ehren­fort, gab es schon Reso­nanz auf Ihren Brief?
Ja, es gab viele Reak­tionen. Daran sieht man auch, dass wir offene Türen ein­ge­rannt haben, wir hätten also schon viel früher was tun können. Von den Ver­einen kam bis­lang aller­dings kaum was. Ich glaube, denen ist nicht bewusst, welche Strafen noch auf sie zukommen können.