Oliver Drohn emp­fängt mit einem breiten Grinsen. Der Schlaf­mangel der letzten Tage ist ihm kaum anzu­merken. 800 Leute sind schon da“, erzählt er stolz. Bis vor einem Jahr hat Drohn selbst noch die Fuß­ball­schuhe für die Dritte“ des TuS Harpen geschnürt. Jah­re­lang hat er in der Kreis­liga seine Kno­chen hin­ge­halten. In Harpen ist er eine Legende. Heute ist er als Orga­ni­sator gefragt. Und er hat alle Hände voll zu tun.

Für den Tag der Ama­teure (hier geht es zu den schönsten Bil­dern) hat sich der TuS Harpen etwas Beson­deres ein­fallen lassen: Beim Kreis­liga-C-Spiel gegen den SV Teu­tonia Riemke soll der deutsch­land­weite Zuschau­er­re­kord beim Spiel einer dritten Mann­schaft gebro­chen werden. Welche Zahl es dabei zu kna­cken gilt, dar­über streitet man sich in Harpen.

Man einigt sich auf die Marke von 2462 Zuschauer, die sich im Sep­tember 2018 das Spiel zwi­schen dem ASV Alten­lingen III und dem SV Voran Brög­bern III ange­schaut haben. Ein durchaus ambi­tio­niertes Ziel, denn nor­ma­ler­weise ver­irren sich zu den Spielen von Har­pens Dritter höchs­tens zwanzig Ver­rückte“, so Drohn. Aber der heu­tige Sonntag im Bochumer Nord­osten ist nicht wie jeder andere. Auf dem Sport­platz im Bock­holt tum­melt sich zwei Stunden vor dem Anpfiff zum Rekord­ver­such bereits das Vier­zig­fache davon.

Den Vogel rufe ich gleich mal zurück“

Auf dem Platz duel­liert sich gerade Har­pens Erste Mann­schaft mit dem SV Hön­trop. Der Rest des sonst so leeren Sport­platzes hat sich in ein buntes Volks­fest ver­wan­delt. Dut­zende Kinder jagen mit ihren Vätern auf dem Klein­feld­platz Bällen hin­terher, beim Ver­kauf der Bon­karten kommen die emsigen Helfer kaum hin­terher. Die War­te­zeit beim gut besuchten Würst­chen­stand wird nur noch von der am Bier­wagen über­troffen. Um den Spiel­feld­rand haben sich bereits hun­derte Zuschauer geschart. Gefühlt ist ganz Harpen auf den Beinen. Doch auch von außer­halb sind die Zuschauer gekommen, um gemeinsam den Zuschau­er­re­kord zu kna­cken. Einer von ihnen ist die VfL-Bochum-Legende Michael Ata“ Lameck.

In Bochum ist Lameck, der 518 Bun­des­li­ga­spiele auf dem Buckel hat, ein Star zum Anfassen. Jeder kennt ihn, auch hier beim TuS Harpen. Und auch er kennt fast jeden, der ihn anspricht. Lameck steht an Sonn­tagen oft an den Ama­teuer-Plätzen der Region. Ob er für den Rekord­ver­such der Dritten“ bleiben will, weiß er noch nicht.

Schon das Gekicke der 1. Mann­schaft ist kaum zu ertragen„, sagt er schmun­zelnd, und die spielen immerhin Bezirks­liga.“ Er blickt auf das Dis­play seines Handys. Her­mann Ger­land ruft an. Schon wieder der FC Bayern“, lacht Lameck, wäh­rend er das Handy zurück in seine Hosen­ta­sche steckt. Den Vogel rufe ich gleich mal zurück.“ Wäh­rend sich Lameck einen Weg durch die Men­schen­menge bahnt, wird es für die Spieler der Dritten langsam ernst.

In der Kabine ist es ganz ruhig. Die Spieler schauen auf den Bild­schirm eines Lap­tops. Ihr Trainer spricht zu ihnen – per Video­bot­schaft. Guido Brüg­ge­mann befindet sich mit seiner Gattin im Urlaub. Über seine Abwe­sen­heit ist er untröst­lich. Denn auch für ihn wäre das Spiel der Höhe­punkt seiner Trai­ner­kar­riere gewesen.

Doch das hält ihn nicht davon ab, die Kabi­nen­an­sprache zu halten: Denkt dran: Ihr müsst auf dem Platz kom­mu­ni­zieren“. Auf seinen letzten Rat hin wird es laut vor dem Laptop laut. Seine Spieler fangen an zu brüllen und klat­schen ihre Hände gegen die Kabi­nen­wand. Viel­leicht auch, um sich selbst etwas Mut zu machen. Denn Orga­ni­sator Oliver Drohn hat der Mann­schaft soeben ver­kündet, dass mitt­ler­weile über 1.000 Zuschauer vor Ort sind. Sogar das Fern­sehen ist da. Vor solch einer Kulisse hat noch keiner von ihnen gespielt. Und die Schlange vor den Toren des Sport­platzes wird immer länger.

Tat­säch­lich ver­zö­gert sich der Anpfiff der Partie um knapp zwanzig Minuten, weil die Men­schen vor dem Kas­sen­häus­chen meh­rere hun­dert Meter anstehen. Vor bis zum orts­an­säs­sigen Ita­liener. Der große Andrang hat auch mit 1Live-Reporter Daniel Danger zu tun. Schon die ganze Woche hat er im Radio kräftig die Wer­be­trommel gerührt, um noch mehr Men­schen für den Tag der Ama­teure beim TuS Harpen zu begeis­tern. Mit großem Erfolg. Der Sport­platz platzt aus allen Nähten.

Kevin Stein­haus, Fuß­ball­gott!“

Um 17:20 Uhr ist es end­lich soweit. Die Mann­schaften betreten den Rasen. An den Händen halten die Spieler Ein­lauf­kinder, dazu läuft die Cham­pions-League-Hymne. Heute wird das Spiel von einem rich­tigen Schieds­rich­ter­ge­spann geleitet. Sogar eine Pyro-Show gibt es. Die Zuschauer-Massen drängen sich dicht um den Platz. Blau-weiße Fähn­chen, die Har­pener Ver­eins­farben, werden geschwungen. Vom eigens errich­teten Gäs­te­block auf der anderen Seite des Spiel­feldes wehen Trom­mel­wirbel und laute Gesänge her­über. Gän­se­haut. Als Oliver Drohn die neue Zuschau­er­zahl durch­sagt, erreicht der Geräusch­pegel einen neuen Höhe­punkt.

Das Spiel ist mäßig – etwas anderes war auch kaum zu erwarten. Die Stim­mung hin­gegen ist Extra­klasse. Als TuS-Kapitän Kevin Stein­haus in der 32. Minute das 1:0 für Harpen erzielt, ist der Jubel gren­zenlos. Aber nicht nur wegen der Füh­rung oder auf­grund der Tat­sache, dass Harpen mit 2815 Zuschauern tat­säch­lich einen neuen Rekord auf­ge­stellt hat. Die Freude gilt vor allem dem Tor­schützen. Denn ein Jahr lang war für Kevin Stein­haus an Fuß­ball­spielen nicht zu denken. Nach über­stan­dener schwerer Krank­heit feiert er aus­ge­rechnet am Tag der Ama­teure sein Startelf-Come­back. Und was für eins. Am Ende gewinnt Harpen mit 5:0 (hier geht’s zur Video-Zusam­men­fas­sung). Stein­haus wird mit zwei Tref­fern und zwei Vor­lagen zum Mann des Tages. Nach dem Spiel steht ihm die Freude ins Gesicht geschrieben: Etwas Schö­neres hätte ich mir nicht aus­malen können. So eine Stim­mung kriegst du als Kreis­li­ga­spieler nie wieder.“

Die Zuschauer singen: Kevin Stein­haus, Fuß­ball­gott!“ Die Mann­schaft feiert den Sieg so aus­ge­lassen wie eine Meis­ter­schaft. Erst mit einer Humba, dann mit einer Bier­du­sche. Auch Oliver Drohn ist mit­ten­drin. Er strahlt über das ganze Gesicht, der Druck ist von ihm abge­fallen. Es ist geschafft. Der TuS Harpen hat etwas Großes auf die Beine gestellt. Auch wenn beim nächsten Heim­spiel der Dritten“ wieder nur zwanzig Leute am Rand stehen werden – diesen Sonntag wird in Harpen nie­mand so schnell wieder ver­gessen.