Eine gut plat­zierte Wut­rede ist das All­heil­mit­telel, um sport­liche Miss­erfolge ein paar Tage in den Hin­ter­grund rücken zu lassen. Einst pro­bierte sich Thomas Doll an einer guten, alten PK-Schelte. Leider wirken die Stand­pauken oft trotzdem unbe­holfen, impulsiv, mit­unter sogar voll­kommen unver­ständ­lich. Des­wegen haben wir uns mal dran­ge­setzt, die per­fekte Wut­rede zu erar­beiten. Hier ist das Ergebnis.

Gehen Sie die Pres­se­kon­fe­renz wesent­lich strenger an als üblich. Wäh­rend sich die Jour­na­listen noch aus­giebig am Bock­wurst-Buffet ver­lus­tieren und klamm­heim­lich Bier in ihre Kaf­fee­be­cher füllen, sollten Sie bereits ker­zen­ge­rade auf dem Podium sitzen. Ihr Blick ist streng gera­deaus gerichtet. Auf die ersten läs­tigen Jour­na­lis­ten­fragen ant­worten Sie allen­falls ein­silbig, kratzen sich mehr­fach gelang­weilt am Kopf, bli­cken immer wieder mür­risch zu Boden. Spä­tes­tens bei der fünften Frage schnellt ihr Blick hoch, Sie fixieren einen Jour­na­listen und bli­cken ihn minu­ten­lang scharf an. Warten Sie noch drei wei­tere Frage ab, auf ein Stich­wort Ihres Pres­se­spre­chers atmen Sie ein letztes Mal tief durch – dann schlagen Sie zu:

Jetzt möchte ich mal in aller Deut­lich­keit was sagen: Mir reicht es! Wirk­lich! Wenn ich den Namen ______ (hier bitte den Namen eines Ex-Spie­lers ein­fügen) schon höre, kommt mir das Früh­stück wieder hoch. Das ist schade um das Ome­lett, aber es geht nicht anders. Wer hat denn hier in den letzten Jahren den Ruf des Klubs gerettet? War das ________ (hier bitte den Namen des Ex-Spie­lers ein­fügen)? So ein Schwach­sinn!

Jungs wie ______(hier bitte den Namen eines hoff­nungs­vollen Talents ein­fügen), ______ (hier bitte den Namen eines alternden Mit­tel­feld­ar­bei­ters ein­fügen) oder ______ (hier bitte den Namen eines Ersatz­spie­lers mit maximal drei Ein­sätzen pro Saison ein­fügen), die reißen sich hier für die Mann­schaft, für die Fans, für den Klub, auf gut Deutsch gesagt, den Arsch auf. Und dann müssen die sich jeden Montag anhören, dass sie nur Mit­läufer sind. Da kotze ich doch im Strahl!

(jetzt ener­gisch nach­setzen) Und was macht ________ (hier bitte den Namen des o.g. Ex-Spie­lers ein­fügen)? Der ist weg! Seit mitt­ler­weile ______ (hier bitte eine Zahl ein­fügen) Jahren ver­dient der sich beim ______ (hier bitte den Name des jewei­ligen Ver­eins ein­fügen) dumm und däm­lich. Dem weint hier intern keiner eine Träne nach. Ihr seid die ein­zigen, die den ver­missen. Bis heute braucht der sich doch sowieso nur richtig den Schuh zu binden, dann kriegt der von euch schon Puder­zu­cker hinten rein­ge­blasen. Da lache ich mich doch kaputt! (Kunst­pause, schnaufen Sie vor Wut, setzten Sie mit ruhiger Stimme wieder an)

Ich bin jetzt auch schon ein paar Jahre dabei und weiß, wie das hier läuft. Und da muss ich mir echt mal die Frage stellen: Mach ich das noch mit? Oder scheiß ich auf den ganzen Laden? Auf das ganze Geschäft. (lauter wer­dend) Man muss doch auch mal sehen, mit wel­chen Mit­teln wir hier zurecht­kommen müssen. Natür­lich hätten wir auch gern einen ______ (hier bitte den Namen eines über­teu­erten Super­stars aus dem Aus­land ein­fügen), aber wer soll den bezahlen? Ein ______ (hier bitte den Namen des Vor­stands­vor­sit­zenden des Haupt­spon­sors ein­fügen)? Oder die Zuschauer? Oder ihr? Wer denn nun? Da seid ihr still, was? Da fällt euch nichts mehr ein. Dabei fallen euch doch auch sonst immer so viele schlaue Sachen ein. Mir fällt aber was ein: Eurer ganzer Mist steht mir echt bis hier (führen Sie Ihre Hand mit thea­tra­li­sche Geste von der Brust bis zum Haar­an­satz hoch, kurze Pause, dann kra­chend auf den Tisch hauen anschlie­ßend kleine Pause)

(leise) Leute, Ihr kommt hier jeden Tag hin, krei­selt um das Trai­nings­ge­lände, stellt schwach­sin­nige Fragen – und wir sind so blöd und machen das Spiel­chen auch noch mit. Und was kommt zurück? Kein biss­chen Dank. Nur Häme. (ent­täuschtes Kopf­ni­cken, dann schlu­cken, noch ent­täuschter wei­ter­spre­chen)

Warum hab ich euch alle eigent­lich damals in meiner ersten Woche zum Grillen ein­ge­laden? (Kunst­pause, bis­siger nach­setzen) Damit ihr mir hier Woche für Woche die Stö­cker zwi­schen die Beine werft? Na schönen Dank! (fas­sungs­loses Kopf­schüt­teln)

Und wenn ich dann jeden Tag in eurem Käse­blatt lesen muss (bes­ten­falls das ent­spre­chende Käse­blatt in die Luft halten und zer­knüllen), was hier alles falsch läuft, dann frag ich mich, wo ihr euch über­haupt eure Infor­ma­tionen zusammen klaut. Wahr­schein­lich aus diesem Internet! Pah! (Ver­ächt­li­ches Lachen)

Da hol ich mir doch lieber die Apo­theken Umschau“. Die ist wenigs­tens umsonst!“

Für einen gelun­genen Abschluss ist eine lange Kunst­pause unver­zichtbar. Bli­cken Sie noch einmal scharf in das ver­dutzte Rund. Dann stehen Sie abrupt auf, nehmen einen obli­ga­to­ri­schen Schluck aus der ohnehin leeren Kaf­fee­tasse, schüt­teln Ihrem Pres­se­spre­cher die Hand und treten ener­gisch vom Podest. Wichtig: Beim Ver­lassen der Pres­se­kon­fe­renz lassen Sie noch einmal die Tür knallen, damit auch der letzte Schrei­ber­ling ver­standen hat, was das Stünd­chen geschlagen hat. In den fol­genden zwei Wochen blo­cken Sie alle Inter­views ab und ver­richten schwei­gend Ihre Arbeit. Der Erfolg ist garan­tiert!