Als der Sta­di­on­spre­cher den ver­blie­benen Zuschauern am Sams­tag­abend im hoch­tou­rigen Ton eines Markt­schreiers die frohe Kunde über­brachte, geriet ihm noch einmal einiges durch­ein­ander. Jetzt sei es sicher, ver­mel­dete er: Die deut­sche Fuß­ball-Natio­nal­mann­schaft habe die Qua­li­fi­ka­tion für die Euro­pa­meis­ter­schaft geschafft, weil Hol­land im gerade zu Ende gegan­genen Par­al­lel­spiel in Nord­ir­land nicht gewonnen habe. In Wirk­lich­keit war es natür­lich so, dass die Deut­schen die Qua­li­fi­ka­tion vor­zeitig geschafft hatten, weil Hol­land nicht ver­loren hatte.

Der Wort­bei­trag des Sta­di­on­spre­chers fügte sich bes­tens in die Schwie­rig­keiten, die die Natio­nal­spieler schon vor dem Spiel gegen Weiß­russ­land offen­bart hatten. Nie­mand schien so recht zu wissen, wer wie spielen muss, damit es schon vor dem letzten Grup­pen­spiel mit der Qua­li­fi­ka­tion klappt. Über diesen leichten Anflug von Dys­kal­kulie muss man gnädig hin­weg­sehen: Als deut­scher Natio­nal­spieler ist man es ein­fach nicht mehr gewohnt, am Ende einer Qua­li­fi­ka­ti­ons­runde rechnen zu müssen. Die Teil­nahme an großen Tur­nieren war in jün­gerer Ver­gan­gen­heit schlicht und ein­fach eine Selbst­ver­ständ­lich­keit.

Nor­mal­zu­stand, kein Grund zu eska­lieren“

Solche Gewiss­heiten sind zuletzt ein wenig ins Wanken geraten. Der unge­fähr­dete 4:0‑Erfolg gegen Weiß­russ­land mit seinen Kon­se­quenzen für die Gesamt­kon­stel­la­tion in Gruppe C war daher in gewisser Weise die Wie­der­her­stel­lung des Nor­mal­zu­stands: Die Natio­nal­mann­schaft ist doch noch an den auf­müp­figen Hol­län­dern vor­bei­ge­zogen und nun vor dem letzten Spieltag sogar Tabel­len­führer. Die Frage aller­dings, ob mit den Deut­schen bei der EM im kom­menden Sommer schon wieder ernst­haft zu rechnen sein wird, ist der­zeit noch nicht seriös zu beant­worten.

Zum einen war der Gegner am Sams­tag­abend in Mön­chen­glad­bach, die Nummer 86 der Welt, nicht gut genug. Zum anderen durch­läuft die Natio­nal­mann­schaft gerade einen Fin­dungs­pro­zess, dessen Fort­schritte noch nicht abzu­schätzen sind. Es ist noch ein weiter Weg“, sagte Leon Goretzka, der das zwi­schen­zeit­liche 2:0 erzielt hatte. Wir können in fast allen Berei­chen noch Dinge besser machen.“ Der Sieg gegen Weiß­russ­land und die daraus fol­gende EM-Qua­li­fi­ka­tion seien jeden­falls kein Grund zu eska­lieren“, fand Goretzka. Ich weiß nicht, ob dieses Spiel groß was an unseren Hoff­nungen ändert.“

Die Deut­schen hatten das getan, was man gegen eine Mann­schaft tun muss, die sich beim Stand von 0:0 vor allem auf die Ver­bar­ri­ka­die­rung des eigenen Tores beschränkte. Sie ver­suchten, den Gegner zu über­for­dern, indem sie sich um ein stabil hohes Tempo bemühten – was aller­dings gele­gent­lich zu Lasten der Prä­zi­sion ging. Es war ins­ge­samt geprägt von einer guten Spiel­freude“, sagte Bun­des­trainer Joa­chim Löw über das Spiel seiner Mann­schaft. Trotzdem gebe es schon auch noch einiges an Arbeit“.

In der zweiten Halb­zeit ließen die Deut­schen gegen den eigent­lich harm­losen Gegner mehr Chancen zu, inklu­sive eines Foul­elf­me­ters, den Tor­hüter Manuel Neuer parierte. Mir per­sön­lich hat es nicht gefallen, wie oft der Gegner in der zweiten Halb­zeit vor dem Tor auf­ge­taucht ist“, klagte Mit­tel­feld­spieler Goretzka. Als Kol­lektiv haben wir ein Stück weit nach­ge­lassen.“ Solche Nach­läs­sig­keiten lassen sich bis zu einem gewissen Grad mit den Gege­ben­heiten erklären, mit denen der Bun­des­trainer im Moment zurecht­kommen muss.

Löw hat schon mehr­mals erklärt, dass die Per­so­nal­pro­bleme der ver­gan­genen Monate die Ent­wick­lung der Mann­schaft erheb­lich erschwert hätten. Ich finde, dass ein paar Sachen schon deut­lich besser klappen als vor einem Jahr“, sagte Mit­tel­feld­spieler Toni Kroos. Aber es ist nach wie vor Luft nach oben. Man merkt, dass manchmal noch ein biss­chen Erfah­rung fehlt.“ Inso­fern war es ver­mut­lich kein Zufall, dass es sich bei den drei prä­genden Figuren des Spiels gegen die Weiß­russen um die drei ver­blie­benen Welt­meister von 2014 han­delte.

Benö­tigt: eine sta­bile Achse

Tor­hüter Neuer bewahrte das Team mit seinen Paraden mehr­mals vor einem Gegentor. Mat­thias Ginter, eigent­lich Innen­ver­tei­diger, erzielte kurz vor der Pause den Treffer zum 1:0, der den Wider­stand der Weiß­russen erheb­lich ins Wanken brachte, und Toni Kroos, dessen Auf­tritt Bun­des­trainer Löw als über­ra­gend bewer­tete, steu­erte die letzten beiden Tore des Abends bei.

Wir sind eine hung­rige Truppe, die sich ent­wi­ckeln will“, sagte Leon Goretzka. Aber bei allem jugend­li­chem Elan wird die Mann­schaft bei der EM vor allem eine sta­bile Achse benö­tigen, um ihre nach wie vor vor­han­denen struk­tu­rellen Defi­zite zu kom­pen­sieren. Die beiden Außen­ver­tei­diger Lukas Klos­ter­mann und Nico Schulz fielen fuß­bal­le­risch ab. Die Offen­siv­spieler Timo Werner, Serge Gnabry und Julian Brandt sind bei aller Qua­lität in ihren Leis­tungen noch zu schwan­kend, und auch in der Innen­ver­tei­di­gung bleiben ange­sichts der der­zeit ver­füg­baren Kan­di­daten noch Zweifel an der Kon­kur­renz­fä­hig­keit auf höchstem inter­na­tio­nalen Niveau. Wir haben sehr, sehr viel Talent dabei“, sagte Joshua Kim­mich, der trotz seines jugend­li­chen Alters von 24 Jahren mit nun 47 Län­der­spielen schon zu den Rou­ti­niers der Natio­nal­mann­schaft gehört, aber wir müssen zeigen, dass wir mehr sind als nur talen­tierte Spieler.“