Elf Minuten“ heißt ein Roman von Paulo Coelho, er han­delt von einer jungen Frau namens Maria und coelho-gemäß von sehr vielen Gefühlen. Elf Minuten“, so könnte nun auch das Drama dieser Saison für Liver­pool FC heißen. Inner­halb von elf Minuten ver­spielten die Reds“ am Montag bei Crystal Palace nicht nur einen 3:0‑Vorsprung, son­dern auch die Favo­ri­ten­rolle auf den eng­li­schen Meis­ter­titel. Palace traf in der 79. Minute und dann durch einen Dop­pel­schlag von Dwight Gayle in der 81. und 88. Minute zum Aus­gleich. Die Gefühle dieser beson­deren Saison wären wohl selbst Coelho zu viel geworden.

Liver­pools Star­stürmer Luis Suarez brach nach dem 3:3 in sich zusammen, bedeckte sein Gesicht mit dem Trikot und musste von seinem Kapitän Steven Ger­rard gestützt werden. Liver­pool hatte in der Folge nicht nur mit den Tränen zu kämpfen, son­dern auch mit dem Spott des ganzen Landes.

Suarez bricht in Tränen aus

Zwar liegt die Mann­schaft von Trainer Brendan Rod­gers wei­terhin einen Punkt in der Tabelle vor Man­chester City. Doch der Rivale hat ein Spiel weniger und kann am Mitt­woch im Spiel gegen Aston Villa vor­bei­ziehen. Am Sonntag trifft Liver­pool am letzten Spieltag der Saison auf New­castle, City emp­fängt wie­derum daheim West Ham United und hat zudem die deut­lich bes­sere Tor­dif­fe­renz als Liver­pool.

Dem­entspre­chend resi­gniert gab sich Rod­gers nach dem Abpfiff: Für mich ist das Titel­rennen beendet.“ Er rich­tete den Blick bereits auf die Zeit nach der Saison: Wir werden zurück­denken und begreifen, welch unglaub­liche Saison wir gespielt haben. Aber das wird uns nicht den Schmerz dieses Unent­schie­dens nehmen.“

Der Trainer kri­ti­sierte außerdem relativ scho­nungslos das Defen­siv­ver­halten seiner Mann­schaft in der Schluss­phase. Er warf seinen Mannen vor, im Stile von Roy of the Rovers“ zu spielen, einem bekannten Fuß­ball­comic. Mit nun 49 Gegen­toren hat sein Team einen außer­ge­wöhn­lich schlechten Wert für einen Titel­aspi­ranten. Die insta­bile Defen­sive ist die Kehr­seite von Liver­pools attrak­tivem und nach vorn gerich­tetem Spiel­stil. Wenn es drauf ankommt, ver­sagt die Abwehr“, kon­sta­tierte denn auch der Guar­dian“. Und Ver­ein­si­kone Jamie Car­ragher sagte in seiner Rolle als TV-Experte, er ver­misse in diesem Mann­schafts­teil echte Anführer“.

Liver­pools Außen­ver­tei­diger Glen Johnson sah sich zu einer Ver­tei­di­gungs­schrift auf Twitter ver­an­lasst und bezeich­nete die Kri­tiker als Ahnungs­lose“. So viele Sofa-Experten bei diesem Spiel. Absolut null Ver­ständnis von Fuß­ball“, so Johnson. Die Häme im Netz konnte dies frei­lich nicht ein­dämmen. Der deut­sche Ex-Natio­nal­spieler Robert Huth kom­men­tierte Suarez‘ emo­tio­nalen Kol­laps nach der Partie mit den Worten: Ich bin immer noch der Mei­nung, dass es für Weinen auf dem Platz eine Drei-Spiele-Sperre geben sollte.“ Auf dem offi­zi­ellen Twitter-Account der Tot­tenham Hot­spurs war ein Video­zu­sam­men­schnitt von Liver­pools Fiasko zu sehen, den der Klub aller­dings wenig später löschte. Tot­tenham erklärte, dass der Ein­trag nicht von einem offi­zi­ellen Mit­ar­beiter stamme.

Spott-Gesang für Steve Ger­rard

Schon die gesamte Spiel­zeit war für Liver­pool emo­tional auf­ge­laden. Die Fans an der Mersey warten seit nun­mehr 24 Jahren auf den Meis­ter­titel. Im April jährte sich die Sta­di­on­ka­ta­strophe von Hills­bo­rough zum 25. Mal, bei der 96 Liver­pool-Fans ums Leben gekommen waren. Mit Gedenk­feiern, Cho­reo­gra­fien und Schwei­ge­mi­nuten wurde ihnen gedacht, beson­ders ein­drucks­voll beim Heim­spiel gegen Man City. Unter den Todes­op­fern befand sich auch der Cousin des heu­tigen Kapi­täns Steven Ger­rard.

Im ent­schei­denden Spiel gegen Chelsea unter­lief Ger­rard dann ein fol­gen­schwerer Fehler vor dem 0:1. Auch am Montag im sehr lauten Sel­hurst Park ver­spot­teten die Palace-Fans Ger­rard wegen dessen Fauxpas. Sie sangen: Steve Ger­rard, he slips on his fucking arse, he gave it to Demba Ba, oh Ger­rard Ger­rard.“

In einem Inter­view mit dem Tele­graph“ hatte Ger­rard erst kürz­lich über die Emo­tionen im Titel­kampf gespro­chen. Um ehr­lich zu sein, ist der Umgang mit der Auf­re­gung momentan die schwie­rigste Auf­gabe. Aber meine große Her­aus­for­de­rung ist, die Kon­trolle zu bewahren. Kann ich die Nerven unter Kon­trolle kriegen?“

Danach sah es zuletzt nicht aus. Doch nun muss sich Man­chester City genau dieser Frage stellen.