Wir müssen von Spiel zu Spiel schauen. Nie war die alte Fuß­bal­ler­floskel so aktuell wie heute. Und aus­nahms­weise betrifft der Satz nicht nur den schlin­gernden Abstiegs­kan­di­daten, der hofft, sich in kleinen Schritten von Woche zu Woche aus seinem Elend zu befreien oder den Außen­sei­ter­klub, der plötz­lich an der Tabel­len­spitze steht, und sich mit der Sen­tenz aus seiner unge­wohnten Favo­ri­ten­rolle zu pala­vern hofft. Nein, die Corona-Krise sorgt dafür, dass alle 36 Bun­des­li­ga­klub nun Spieltag für Spieltag unter höchster Anspan­nung schauen müssen, wie sich das Pro­jekt Restart“ ent­wi­ckelt und keine Brea­king News den Ablauf des Spiel­be­triebs von jetzt auf gleich gefährdet. Da können die TV-Rech­te­inhaber und einige Klub­bosse noch so gut­ge­launt ihr Glück über die Wie­der­ein­set­zung der Saison über den Äther schi­cken, die ver­gan­gene Woche hat bewiesen, in welch hoch­dy­na­mi­scher – und damit unsi­cherer – Situa­tion sich die Belle Étage des deut­schen Fuß­balls befindet. 

Die Ent­schei­dung der Politik, der Aus­tra­gung von Spielen unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit zuzu­stimmen, war noch gar nicht gefallen, als das prä­pu­ber­täre Face­book-Video von Salomon Kalou dem akri­bisch aus­ge­ar­bei­teten Spiel­be­triebs- und Hygie­ne­plan der Taskforce Sport­me­dizin“ schon fast wieder den Garaus machte. Am Samstag ent­schied dann das Gesund­heitsamt in Dresden nach zwei posi­tiven Corona-Fällen in der Mann­schaft, sämt­liche Profis und sons­tige Team­mit­glieder von Dynamo für zwei Wochen in Qua­ran­täne zu schi­cken. Damit ist klar: Der Tra­di­ti­ons­verein wird beim Restart am kom­menden Wochen­ende nicht dabei sein. Die Sachsen werden in der Zeit der Iso­la­tion auch nicht trai­nieren, was für den abstiegs­be­drohten Zweit­li­gisten in der ohnehin schwie­rigen Situa­tion nicht weniger als eine Kata­strophe bedeutet. Denn ob Markus Kauc­zinskis Kader nach der Rück­kehr an das Wett­be­werbs­ni­veau der dann ein­ge­spielten Kon­kur­renz anschließt, ist höchst frag­lich.

Ganz davon ab, dass Dynamo die nun aus­fal­lenden Spiele schnellst­mög­lich nach­holen muss, was im eng getak­teten Ter­min­ka­lender bis zum avi­sierten Sai­son­fi­nale am 30. Juni 2020 eine wei­tere Belas­tung bedeutet.

Ein Ersatz­spieler kann das gesamte Pro­jekt tor­pe­dieren

Die Liga-Bosse über­bieten sich ange­sichts der Dresdner Ereig­nisse der­zeit zwar in Gelas­sen­heit. BVB-Geschäfts­führer Hans-Joa­chim Watzke lässt mit­teilen, dass man mit derlei Fakten schon gerechnet habe. Und DFL-Chef Chris­tian Sei­fert sieht kein Pro­blem darin, die Saison im Zweifel auch über den 30. Juni hinaus aus­zu­dehnen: Wir haben immer gesagt, die Saison soll – wenn mög­lich – bis zum 30. Juni zu Ende gespielt werden. Theo­re­tisch und auch jetzt sehen wir schon vor, dass die Rele­ga­tion auch in den Juli wan­dern kann.“

Doch beiden dürfte bewusst sein, dass weder geklärt ist, wie sich in so einem Fall die Lage bei aus­lau­fenden Ver­trägen arbeits­recht­lich dar­stellt. Und sollten qua­ran­tä­ne­be­dingt noch wei­tere Teams vor­über­ge­hend aus dem Wett­be­werb her­aus­fallen, wird auch ein um ein oder zwei Wochen nach hinten aus­ge­dehntes Zeit­fenster sehr schnell sehr eng. Und wenn immer wei­tere Hiobs­bot­schaften durch die aus­gie­bigen Tes­tings ein­tru­deln, ist es durchaus mög­lich, dass selbst im Spät­sommer die Spiel­zeit nicht abge­schlossen ist. Diese Per­spek­tive äußerte Volker Struth, Spie­ler­be­rater von Toni Kroos und Marco Reus, am Sonntag im Dop­pel­pass“ auf Sport 1. Sollte dieser Extrem­fall tat­säch­lich ein­treten, würde die gesamte Ter­min­pla­nung für die neue Saison mit ange­schlos­sener Euro­pa­meis­ter­schaft ins Wanken geraten und am Ende kämen selbst die finanz­stärksten Klubs wirt­schaft­liche in arge Bedrängnis.

So stolz die DFL auf den von ihr erwirkten Restart auch ist, schon vor dem ersten Geis­ter­spiel am nächsten Samstag wird klar: Ein Spiel­be­trieb in Corona-Zeiten steht auf tönernen Füßen. Das aus­ge­klü­gelte Hygiene-Kon­zept kann jeder­zeit – völlig unab­hängig von den Ereig­nissen auf dem Rasen – wie ein Kar­ten­haus in sich zusam­men­stürzen. Schon das kleinste Fehl­ver­halten eines Ergän­zungs­spie­lers kann das gesamte Kon­strukt tor­pe­dieren. Männer in den Füh­rungs­po­si­tionen der Pro­fi­klubs, Alpha­tiere wie Watzke oder Karl Heinz Rum­me­nigge, die es gewohnt sind, das Heft des Han­delns in der Hand zu halten, muss dieses Gefühl des Aus­ge­lie­fert­seins an den Rande der Ver­zweif­lung treiben.

Sie müssen sich damit abfinden, die Dinge in der Liga neu­er­dings weder auf sport­li­cher Ebene noch mit finan­zi­ellen Mit­teln regeln zu können, und statt­dessen hoffen, dass sich alle Betei­ligten minu­tiös über Wochen der Corona-Situa­tion ange­messen an die vor­ge­geben Regeln halten. Und jedem von uns wird in den ver­gan­genen Wochen klar geworden sein, wie schwierig das ist.