Es sah nicht gut aus, als Marco Reus am 3. April um kurz nach fünf Uhr nach­mit­tags den Platz ver­ließ. Zwi­schen Borussia Dort­mund und Ein­tracht Frank­furt stand es zu diesem Zeit­punkt 1:1 in einem vor­ent­schei­denden Spiel um die Qua­li­fi­ka­tion zur Cham­pions League. BVB-Trainer Edin Terzic hatte sich ent­schlossen, seinen Mann­schafts­ka­pitän vom Platz zu nehmen, und der war alles andere als amused. Reus war sogar so wenig ein­ver­standen, dass er demons­trativ langsam zur Außen­linie schritt. Für jeden sichtbar gab er die Pri­ma­donna. Zehn Minuten später fing sich seine Mann­schaft noch einen späten Frank­furter Gegen­treffer, verlor mit 1:2 und lag damit sieben Punkte hinter dem vierten Platz.

In sol­chen Momenten bre­chen Mann­schaften auch schon mal aus­ein­ander. Das ange­strebte Ziel ist eher theo­re­tisch als prak­tisch zu errei­chen und einer der wich­tigsten Spieler ver­ab­schiedet sich inner­lich. Sogar im direkten Umfeld von Reus war damals von einer fal­schen Ent­schei­dung in der Kör­per­sprache“ die Rede. Aber er sei halt frus­triert gewesen, weil Terzic nicht bis zum Schluss auf ihn gezählt hatte, hieß es. So etwas im Zusam­men­spiel mit einer wich­tigen Nie­der­lage ist nor­ma­ler­weise toxisch – doch es kam ganz anders.

Auf einmal ganz viel Leich­tig­keit

Nicht wenige BVB-Fans waren über­rascht, Reus drei Tage später in Man­chester wieder in der Startelf zu sehen. Im Vier­tel­fi­nale der Cham­pions League zeigte Borussia Dort­mund eine der besten Leis­tungen der Saison und Reus schoss ein Tor. In der 84. Minute zum 1:1, oder wie er ver­mut­lich inner­lich sagte: vier Minuten nach dem Zeit­punkt, als er gegen Frank­furt aus­ge­wech­selt worden war. Zwar schied Dort­mund nach zwei her­vor­ra­genden Leis­tungen gegen die gerade ver­mut­lich beste Ver­eins­mann­schaft der Welt aus, den­noch passt es seit dem Trip nach Eng­land. Zu vier Siegen in der Bun­des­liga kam noch der Durch­marsch ins Pokal­fi­nale gegen Kiel, bei dem Reus bester Spieler auf dem Platz war. Wie er dieser Tage über­haupt eine Leich­tig­keit zeigt, so dass schon die ersten Wort­mel­dungen kamen, ob er nicht viel­leicht ein Kan­didat für die kom­mende Euro­pa­meis­ter­schaft sei.

Zum letzten Mal in der Natio­nalelf spielte Reus Mitte Oktober 2019, danach beu­telte ihn das Schicksal übel. Im April letzten Jahres zog er sich beim Pokal-Aus in Bremen einen Mus­kel­riss zu, der nor­ma­ler­weise sechs Wochen Pause bedeutet hätte. Es wurden aber sieben Monate, weil daraus eine Ner­ven­ver­let­zung an der Innen­seite des Ober­schen­kels erwuchs, die letzt­lich erst im Sep­tember geheilt war. Das bedeu­tete aber, dass Reus ohne die übliche Sai­son­vor­be­rei­tung in die Spiele star­tete. Zwar traf er bei seinem Come­back in der ersten Runde des DFB-Pokals schon nach 20 Sekunden, aber das täuschte nicht dar­über hinweg, dass ihm Sicher­heit, Leich­tig­keit und Explo­si­vität fehlten. Zugleich musste Reus direkt relativ viel spielen, denn es zeich­nete sich ab, dass die Saison wackelig würde. Eine Win­ter­pause gab es auch nicht, um die Defi­zite auf­zu­holen.