Cristiano Ronaldos Ankunft in Turin

Wie gemacht für den italienischen Markt

Dieses Ziel spiegeln auch der Stil, den Coach Allegri spielen lässt, und die Tatsache wider, dass die fortknoxartige Defensive des Klubs – der Stolz des italienischen Fußballs – mit kantigen Inländern besetzt ist. Dem Premiumprodukt Juventus mit Ronaldo die stärkste Marke im globalen Fußball als leuchtende Pietmontkirsche aufs schwarz-weiße Haupt zu setzen, ist ein Coup, der Italien wie ein Erdbeben erschüttert. Und von dem die gesamte Liga profitiert: Chievo Verona erhöhte die Preise der Fankurve anlässlich Ronaldos Serie-A-Premiere von 30 auf 66 Euro.

In Parma brach vor dem Match gegen Juve am 3. Spieltag gar kurzzeitig eine Hyperinflation aus: Die Kartenpreise stiegen von 25 Euro auf 178 Euro in der billigsten, von 150 Euro auf 438 Euro in der teuersten Kategorie. Wirtschaftsjournalisten überbieten sich gegenseitig mit kruden Berechnungen, wie sich der Transfer amortisieren könnte. Die Aktie von Juventus hat seit der Verkündung des Transfers einen Sprung von 87 Cent auf 1,33 Euro (Stand: 6. September 2018) gemacht, ein Plus von 53 Prozent! Um zu ermessen, wie die Ankunft des Weltstars die internationale Vermarktung der Liga pusht, braucht man keinen BWL-Abschluss.

Adidas schweigt eisern

520 000 Juve-Trikots mit Ronaldos Namen gingen vor Saisonbeginn bereits über die Ladentheke, weitere 2,5 Millionen sollen bis Ende der Spielzeit dazukommen. Wie genau der Split bei den Jerseys aussieht, die in Kindergröße 69,95 Euro und als tailliertes Replikat der Profis 129,98 Euro kosten, ist nicht bekannt. Die große Frage: Was bekommt der Ausrüster, was landet beim Klub? Adidas schweigt eisern zu derlei Fragen.

Als um 10.30 Uhr hinter den Mauern in Continassa Massimo Allegri sein Personal zum Aufgalopp bittet, ist vor den Toren von übergroßer Hysterie noch nicht viel zu spüren. Es stehen dort: zwei Kinder und ein Erwachsener im Ronaldo-Trikot, ein älterer Herr mit Del-Piero-Shirt, ein französisches Ehepaar, er mit Higuain-Jersey, sechs schmerbäuchige Typen um die vierzig mit modischen Umhängetäschchen, ein gelangweiltes Kamerateam des Klubsenders und ein Motörhead-Fan (»Everything louder than everything else«) mit Sohn im Kleinkindalter.

Wie gemacht für den italienischen Markt

Er schimpft wie ein Rohrspatz, als der Wachmann mitteilt, dass die Spieler frühestens in drei Stunden rausfahren. Dennoch will er lieber nichts dem Zufall überlassen, setzt den Spross vorsichtshalber schon jetzt oben auf den Wellenbrecher, fummelt dem Kind das frisch erworbene Ronaldo-Trikot übers Mickey-Maus-Shirt und zückt einen Stift. Der Portugiese mit seinem operettenhaften Pathos, den stolzen Posen und seiner übermenschlichen Effektivität ist wie gemacht für den italienischen Markt.

Ein Sehnsuchtsspieler, der die Herzen aller bewegt. Nicht zuletzt, weil über ihn, den vermeintlich öffentlichsten Fußballer der Erde, am Ende doch nicht viel mehr wirklich gewiss ist als seine Kaltblütigkeit vor dem Tor. Was sollen sich seine Fans auch um seine Steuerprobleme, die eigenwilligen Family Affairs, den grenzenlosen Luxus oder sein zwielichtiges Umfeld scheren, wenn es ihn offenbar selbst nicht kümmert?

Als nach der kostspieligen Verpflichtung im Fiat-Werk im süditalienischen Melfi zum Streik aufgerufen wurde, wo wegen schwacher Nachfrage nach dem Fiat Uno zeitweise auf Kurzarbeit umgestellt worden war, folgten nur fünf Arbeiter dem Appell. Zu groß sind der Stolz und die Freude über die Landung des Erlösers.