Cristiano Ronaldos Ankunft in Turin

Ronaldos Wechsel als Zeitenwende?

Seit Fiat-Erbe Andrea Agnelli im Jahr 2010 Präsident wurde, hat Juventus sieben Mal in Folge den Scudetto gewonnen. Die einst schillernde Serie A mit ihrer Vielzahl an herrschaftlichen Vereinen ist zur Mehrklassengesellschaft geworden, in der Juve eine eigene Kaste besetzt, an die kein anderer Klub mehr heranreicht. Es heißt, der ehrgeizige Spross der Automobildynastie habe den Spaß am nationalen Wettbewerb längst verloren und sei geradezu besessen vom Gedanken, nach 22 Jahren mit den Bianconeri wieder die Champions League zu gewinnen.

Dass Agnellis Sehnsucht nach zwei verlorenen Königsklassen-Finals 2015 und 2017 allmählich zur Manie wird, offenbart den Charakters eines Menschen, der gewohnt ist, sich mit Geld alles kaufen zu können. Nachdem Cristiano Ronaldo Juve nicht nur im Finale 2017 mit zwei Treffern den Garaus machte, sondern zuletzt per Fallrückziehertor bei der Viertelfinal-Heimschmach gegen Real Madrid im April 2018 das Turiner Publikum sogar zu Standing Ovations animierte, kam Agnelli offenbar zu der Erkenntnis, dass es nur einen Weg gibt, die Trophäe zeitnah nach Italien zu holen: Indem er sich diesen Typen schnappt, der ständig Katz und Maus mit ihm und seinem Klub spielt.

Ronaldos Wechsel als Zeitenwende?

Der Fallrückzieher wurde soeben von der Uefa zum »Tor der Saison« gekürt. Und auch dem eitlen Portugiesen soll die Ehrerbietung des Turiner Publikums samt Kniefall des mächtigen Autozaren geschmeichelt haben – und die Verhandlungen beschleunigt. Seit Jahren leidet die Serie A unter dem latenten Minderwertigkeitskomplex, große Spieler nicht mehr zu bekommen oder zumindest nicht halten zu können. Die Liste derer, die den Verlockungen anderer Ligen nachgaben, ist endlos.

Einst wanderten Zidane, Cannavaro, Luca Toni ab, später Cavani, Coman, Pogba oder Morata. Italien musste einsehen, dass die Topstars in Manchester, London, Paris, Madrid, Barcelona oder München spielen wollen, nicht aber in der Serie A, die im Sommer mit Jorginho oder Alisson weiteren Aderlass zu verzeichnen hatte. Dass nun der beste Fußballer der Welt – und sei er auch schon 33 – sich beim letzten großen Vertrag seiner Laufbahn für Italien entscheidet, wird im Land als Zeitenwende gedeutet. Als Zeichen dafür, dass für den italienischen Fußball eine neue Blütezeit anbricht. Zumal Juventus mehr als alle anderen Klubs seine Identität auf ein nationales Selbstverständnis gründet.

Die Roma, der SSC Neapel, selbst Milan sind deutlich regional verortet. Auch die Bewohner Turins stehen mehrheitlich zum Lokalrivalen Torino FC. Die »Alte Dame« hingegen, mit dem gewaltigen Konzern im Rücken, ist der Archetyp des Italo-Klubs, der sich auch im Süden großer Beliebtheit erfreut. Umfragen zufolge sympathisieren von 60 Millionen Italienern rund zehn Millionen mit den Bianconeri. Wie der FC Bayern, der bei seiner Kaderplanung in den Neunzigern darauf achtete, dem Image als FC Deutschland gerecht zu werden, ist es auch in der Stadt am Po ein ungeschriebenes Gesetz, dass die besten Spieler des Landes bei Juve unter Vertrag stehen.