Es ist eine Krux mit der Nost­algie. Sie taugt eigent­lich nur für Men­schen, die nicht an die Zukunft glauben. Am Sonntag aber, 3. Februar 2013, 12:46 Uhr, Hei­li­gen­geist­feld in Ham­burg, da war der Drang immens, sich mit nost­al­gie­ver­schlei­erten Augen alter Zeiten zu besinnen. Der FC St. Pauli weihte im Heim­spiel gegen Energie Cottbus seine neue Gegen­ge­rade ein, und die alte Tri­büne war omni­prä­sent. Man ver­glich: Stim­mung, Bier, Wurst, Senf, Urinal, Sicht, Gesichter, Leben. Fünfzig Jahre hatte die brö­ckelnde Gegen­ge­rade über­lebt; hier war all das gekeimt, wofür der Verein heute wahl­weise geliebt, gehasst oder belä­chelt wird. Nennen wir das Gefühl also ein­fach schwel­ge­ri­sche Romantik. Ein letzter Blick zurück, bevor tau­send Blicke nach vorne gehen.

Schon die Außen­dar­stel­lung könnte sich ekla­tanter nicht gewan­delt haben. Einst sah man ros­tige Stahl­rohre, die den Sitz­platz­be­reich trugen, ein 1988 auf drei Jahre errich­tetes Pro­vi­so­rium, das zur Kon­stante wurde. Die Ver­schrau­bung ver­höhnte alle Sicher­heits­auf­lagen, wurde aber bis zuletzt wider jede Ver­nunft lizen­siert. Und in den TV-Well­blech­ver­schlägen auf dem Dach schwitzten die Kame­ra­leute, wenn die im Erfolgs­fall hyper­ven­ti­lie­rende Masse ihre Vogel­häus­chen wackeln ließ. Regel­mäßig litten die Zuschauer des DSF an den unscharfen Bil­dern vom Mil­l­erntor. Heute ist das Rostrot einem Klin­kerrot gewi­chen und das Fern­sehen in den sta­bilen Pres­se­be­reich. Der graue Beton wirkt solide, fest, ewig. Es wird keine zitt­rigen Auf­nahmen mehr geben.

Das Wort Paaadie kann ja keiner mehr hören“

In den Gängen, am Bier­stand, auf den Toi­letten: Hit­zige Debatten. Ey, wie fin­dest du das Ding? Wo steht ihr jetzt? Bist du ver­ka­tert? Schöne Kacheln! Häss­liche Kacheln! Mach‘ schneller da mit dem Astra! Bela B, Drummer der Ärzte, hat mal gesagt: Das Wort Paaadie kann ja keiner mehr hören, seit es in jedem zweiten Bericht über das Mil­l­erntor vor­kommt. Wenn ich her­gehe, meine ich damit: Wurs­tessen, auf jeden Fall Bier­trinken und mit den Leuten am Klo anstehen. Hier finden Gespräche statt, die garan­tiert nir­gendwo anders so ablaufen, und da geht es nicht nur um Fuß­ball.“ Vor dem Schlund, der die Fans in Block C aus­spuckt, räso­nieren zwei schie­ber­müt­zen­tra­gende Mitt­fuff­ziger über ein Flug­blatt vom Akti­ons­bündnis gegen Sexismus und Homo­phobie. Das ist doch aber! Man sollte trotzdem auch! Die Gleich­gül­tig­keit ist nicht mit­ein­ge­zogen ins polierte Gemäuer.

Glatte, ganz sau­bere Stufen. Wem hier die Wurst von der Pappe rutscht, der kann sie auf­lesen und wei­ter­essen. Fehlt nur das Schild: Vor­sicht, geboh­nert. Man muss sich erst daran gewöhnen, dass die ver­traute Fäulnis über­baut wurde. In der Vor­gän­ger­kurve sam­melte sich der Regen zu ste­henden Gewäs­sern, die Bassin­stufen ver­schlammten die Schuhe und jeder trug sein abge­fuck­testes Paar. Es war ein schönes Bild: Kids, Greise und Geschäfts­leute, geeint durch aus­ge­latschte Turn­schuhe und Gum­mi­stiefel. Später wurde diese Melange zum Kli­schee Banker-neben-Punker über­höht, im Kern aber war sie wirk­lich wahr. Wie zum Beweis bettet ein zer­lebtes Par­ty­tier mit Iro­ke­sen­schnitt, das den 5 Grad Cel­sius sou­verän im Unter­hemd trotzt, seinen Kopf auf die feinen Schuhe des Neben­mannes. Aus­ruhen, auska­tern, auschlafen. Der Kol­lege guckt erst pikiert, dann amü­siert, und lässt gewähren. Ein biss­chen Frieden.

Ein Ozean aus Schals und Ban­nern

13:22 Uhr, acht Minuten bis Anpfiff. Marius Ebbers steht andächtig neben der Eck­fahne und lauscht dem Chor der 13.000 Kehlen. Die Gegen­ge­rade singt Gerry & The Pace­ma­kers You’ll Never Walk Alone“, die klas­si­sche Ver­sion, mitt­ler­weile ein Usus in deut­schen Sta­dien, aber ein­ge­führt vor zwei Jahr­zehnten am Mil­l­erntor. Im Ozean aus Schals und Ban­nern schwillt der Refrain zum Cre­scendo, und Ebbers grinst wie der Toten­kopf auf den Rie­sen­fahnen. Vor einer Woche hat der betagte Stürmer erfahren, dass sein Ver­trag auf St. Pauli nicht ver­län­gert wird. Er gibt sich nochmal, was er bald missen muss. Eine spe­zi­elle Form des Maso­chismus.

Welche Ver­än­de­rung erfährt ein Publikum, wenn sich seine Heimat wan­delt? Oder, anders gefragt: Ent­steht in einem neuen Sta­dion auto­ma­tisch eine neue Atmo­sphäre? Die Gegen­ge­rade bietet nun Platz für 13.000 Men­schen, gerade mal 3000 davon sitzen. Mit der ver­dop­pelten Kapa­zität stellt sie fast die Hälfte aller Besu­cher, gegen Cottbus sorgen 26.578 für einen Zuschau­er­re­kord. Der höchste Platz liegt 20 Meter über dem Rasen. Aber diese Zahlen allein garan­tieren keine Stim­mung. Nicht die Bau­sub­stanz prägt eine Kurve, son­dern der Fan. Die Gegen­ge­rade ist eine Hülle, die es mit Leben zu füllen gilt. Schwer wiegt das Erbe der Vor­gän­gerin, zahl­reich ranken sich die Legenden.

Das Meer der Ver­rückten schlug wilde Wellen

Hier hisste Doc Mabuse den ersten Toten­kopf, hierher pil­gerten die Besetzer der Hafen­straße. Die Dagegen-Gerade wurde sie genannt, der linken Pro­test­kultur wegen. Zwar ist der Ruf über die Jahre aus­ge­zehrt, aber lustig und laut blieb die Kulisse trotzdem. In den besten Momenten war sie ein um sich grei­fender, besof­fener Oktopus, ein Höl­len­zirkus zwi­schen Charme und Scham, ange­fixt von der Sin­ging Area. Manchmal düm­pelte der Sound vor sich hin, aber häu­figer noch, wenn es gut lief (und auch sonst), schlug das Meer der Ver­rückten wilde Wellen, die ihre abge­kämpften Spieler mit neuem Adre­nalin flu­tete, über den Waden­krampf hinaus.

Wie beim legen­dären 4:3 über Hertha BSC im Pokal. Wie bei Marcus Marins ret­tendem Last-Minute-Treffer gegen Ober­hausen. Wie beim 2:1 über Carl Zeiss Jena im November 1997. Natür­lich wie im Jahr­hun­dert­spiel gegen Bayern Mün­chen. Spiele voller Furor, Katharsis und großer Ouver­türe, initi­iert durch die hys­te­ri­sche Gegen­ge­rade, die, auf der Vor­stufe zum Exitus, kaputt und meschugge, zu swingen, zu summen, zu sieden begann. Eine Dau­er­karte war das ticket to ride ins Sün­den­babel, durch das Mari­hua­nanebel und Bier­dunst waberten. Der Mil­l­erntor Roar ver­wan­delte die Gegen­ge­rade zu beson­deren Anlässen in ein Unge­heuer, eine Zwölf auf der Zeh­nerskala des Wahn­sinns.

Laid-back, relaxed und frie­sisch-herb

Dieser Tage, so gemeinhin der Vor­wurf, roart es nur noch selten. Die Sin­ging Area ist geal­tert und über die ganze Breite der Tri­büne zer­streut. Ihrer statt ani­miert USP (Ultra Sankt Pauli) aus der Süd­kurve zu Gesängen. Vieles ist jetzt, mal mit den Begin­nern“ gespro­chen: Laid-back, relaxed und frie­sisch-herb. Das muss nicht schlimm sein, in die Leere kann neue Energie stoßen. Und die Ironie, die Spon­ta­nität frü­herer Tage hat sich die Gegen­ge­rade trotzdem bewahrt. Als sich Energie-Manager Chris­tian Beeck allzu ener­gisch echauf­fiert, skan­diert die Masse am Sonntag: Hin­setzen! Hin­setzen!“

Schließ­lich wird er in der 81. Minute auf die Tri­büne ver­wiesen. Im Fern­seh­be­richt sieht man, wie es in seinem Gesicht arbeitet, langsam rea­li­siert Beeck, dass kein Sitz­platz hinter der Bank wartet und er in die tobende Menge muss. Hohn­salven: Du hast Angst! Du hast Angst!“ Beeck sagt später: Zumin­dest konnte ich so an der Pre­mie­ren­feier teil­nehmen. War gar nicht mal so schlecht.“

Der Cott­busser steht in der Tra­di­tion von Werner Lorant und Felix Luz. Lorant emp­fingen, als er mit 1860 Mün­chen ans Mil­l­erntor tin­gelte und dem Rau­chen angeb­lich ent­sagt hatte, flie­gende Ziga­ret­ten­pa­ckungen. Sogar eine ganze Stange klatschte dem Trainer vor die Füße.

» Ein neues Herz: Der Umbau der Gegen­geade in Bil­dern

Und als Luz im Trikot der abstiegs­be­drohten Ober­hau­sener auf den Kiez zurück­kehrte, schmet­terte die Gegen­ge­rade zur Melodie von Es-gibt-nur-ein‘-Rudi-Völler: Sport­lich ver­bes­sert! Du hast dich sport­lich ver­bes­sert!“ Der Blond­ling, ehedem Idol der Fans, war im Winter 2006 nach Augs­burg gewech­selt, um seine Chancen auf die erste Liga zu mehren. Die Gegen­ge­rade ver­fügt über ein intaktes Gedächtnis.

Das erste Heim­spiel vor neuer Tri­büne endet schließ­lich 0:0. Die Leis­tung der Braun-Weißen gegen Cottbus lässt viel Luft nach oben, auch die Dezi­bel­stärke von den Rängen ist noch aus­bau­fähig. 273 Tage nach dem Abschied von der alten Ruine, zwölf Mil­lionen später, frem­deln manche Fans noch, bei den meisten aber ist die Reso­nanz positiv. Ein Schmuck­stück! Wenn jetzt noch der Roar ein­zieht und die Wache nicht!

Es heißt nochmal kämpfen!

Es ist der letzte zu fech­tende Streit im Sta­dion, und einer mit rich­tungs­wei­sendem Cha­rakter: Viele Anhänger glauben die Fan­kultur nur dann intakt, wenn sie die über­di­men­sio­nierte Poli­zei­sta­tion im Beton­bauch ver­hin­dern und ein Ver­eins­mu­seum durch­setzen. Wenn die Wache wie bisher in der Nähe ange­sie­delt bleibt, restau­riert mit Ver­eins­gel­dern, dem Publikum zuliebe. Es heißt nochmal kämpfen, wie gegen den Mil­l­ern­taler und den Ver­kauf des Sta­di­on­na­mens. Danach können tau­send Blicke nach vorne gehen.