Roger Stilz, Ihr Fazit nach der ersten Saison im Pro­fi­fuß­ball?
Das war sehr intensiv in jeder Hin­sicht. Thorsten Fink hat mir den Ein­stieg beim HSV ermög­licht. Zum einen assis­tierte ich ihm in der Bun­des­liga, zum anderen sollte ich das Bin­de­glied zwi­schen Profis, U23 und Jugend sein. Leider wurde Thorsten schon nach dem fünften Spieltag ent­lassen.

Vor der Saison gab HSV-Boss Carl-Edgar Jar­chow Platz 5 oder 6 als Sai­son­ziel aus, stellte den HSV auf eine Stufe mit Schalke und Wolfs­burg. War das nicht völlig unrea­lis­tisch?
In der ersten Phase ver­stand ich meine Rolle als Beob­achter, der nach und nach in die aktive Rolle hin­ein­wachsen sollte. Da hatte ich noch keine Mei­nung zu rea­lis­ti­schen oder unrea­lis­ti­schen Zielen.

Und wie lau­teten Ihre per­sön­li­chen Ziele?
Ich wollte zuerst die struk­tu­rierte, ziel­ge­rich­tete Arbeit auf höchstem Niveau ken­nen­lernen, in einem zweiten Schritt als Tipp- und Feed­back-Geber fun­gieren und zudem die Trai­nings­ar­beit mit­ge­stalten. Mich inter­es­sierte die inten­sive Arbeit mit Natio­nal­spie­lern, lang­jäh­rigen Profis und hung­rigen Talenten, die sich durch­setzen wollen. Und ich hatte erwartet, dass wir uns als Mann­schaft ein Gesicht und eine unver­kenn­bare Spiel­weise aneignen.

Es kam anders. Sie arbei­teten letzt­lich mit vier ver­schie­denen Trai­nern: Thorsten Fink, Inte­rims­lö­sung Rodolfo Car­doso, Bert van Mar­wijk und Mirko Slomka. Wie haben Sie es geschafft, all diese Übungs­leiter zu über­leben?
Das müssen andere beant­worten. Was ich getrost sagen kann: Ich bin kon­stant ich selbst geblieben. Durch äußere Ein­flüsse oder innere Stö­rungen wollte ich nicht wan­kel­mütig werden. Ich glaube, es ist mir ganz gut gelungen, stand­haft zu bleiben. Ich bin nicht mal so und mal anders.

Warum sind Sie unter Bert van Mar­wijk wei­terhin Assis­tent geblieben? Schließ­lich galten Sie als Ver­trauter von Thorsten Fink.
Sport­chef Oliver Kreuzer sagte mir nach dem Weg­gang von Thorsten, dass ich die nächste Trai­nings­ein­heit machen und das Team auf den Platz führen solle. Das war ein Ver­trau­ens­be­weis des Ver­eins. Als Bert anfing, spürte ich, dass er mich beob­ach­tete, was ich an seiner Stelle auch getan hätte. Wir tauschten uns intensiv aus – über Fuß­ball, aber auch über das Leben. Er betrach­tete mich als voll­wer­tiges Mit­glied des Trai­ner­stabs, und fortan war das eine sehr gute Zusam­men­ar­beit.

Van Mar­wijk wurde aufs Hef­tigste kri­ti­siert, vor allem weil er angeb­lich zu wenig trai­nieren ließ. Was sagen Sie zu diesem Vor­wurf?
Es ist der Job des Co-Trai­ners, die Phi­lo­so­phie des Trai­ners mit­zu­tragen. Als Co-Trainer ist Loya­lität das oberste Gebot. Es gehört sich ein­fach, sowohl inhalt­liche Schwer­punkte als auch die vom Chef­trainer ange­ord­nete Trai­nings­in­ten­sität umzu­setzen. Ich halte es für wichtig, dass man seine Rolle genau kennt. Ich habe ver­sucht, zügig zu erkennen, was meine Chef­trainer brau­chen.

Immerhin konnten Sie in dieser Chaos-Saison gleich vier ver­schie­dene Trainer-Phi­lo­so­phien ken­nen­lernen.
Absolut richtig, ja, und das wird mir auf meinem wei­teren Weg in jedem Fall helfen. Dieser Crash-Kurs auf höchstem Niveau ist unbe­zahlbar. Und natür­lich war auch ich sehr froh über das ver­söhn­liche Ende.

Ganz kon­kret: Was haben Sie bei wel­chem Trainer mit­nehmen können?
Bei Thorsten fand ich die Energie beein­dru­ckend. Er kann eine Mann­schaft fes­seln, hat eine coole, läs­sige Aus­strah­lung. Wäre ich Spieler bei ihm, würde ich gerne für Thorsten laufen. Bert ist durch Alter und Erfah­rung immer sehr sou­verän gewesen. Ich halte ihn für einen abso­luten Fach­mann. Zudem habe ich fest­stellen können, dass der Fuß­ball in den Nie­der­landen anders gelehrt und gespielt wird als bei uns. Und bei Mirko habe ich eine sehr klare, struk­tu­rierte Arbeit ken­nen­ge­lernt, die sich inter­es­san­ter­weise auf Spiel- und Spie­ler­sta­tis­tiken auf­baut.

Welche Spieler haben Sie denn am meisten beein­druckt?
Auf jeden Fall Rafael van der Vaart mit seiner abso­luten Ruhe in schwie­rigen Situa­tionen, sowohl auf als auch außer­halb des Spiel­feldes. Er ist sou­verän. Und auf dem Platz gehorcht ihm der Ball, auch wenn es mal eng wird. An Pierre-Michel Lasogga mag ich die Grad­li­nig­keit, Fri­sche und Lei­den­schaft. Diese alt­her­ge­brachte Stür­merart nach dem simplen Motto Das Runde muss ins Eckige“. Aber auch Heiko Wes­ter­mann möchte ich erwähnen auf­grund seiner Stand­haf­tig­keit. Der hat sich nie ver­steckt. Auch in den schlimmsten Momenten hat sich Heiko gestellt und nicht gekniffen.

Das Durch­ein­ander in dieser Saison beschränkte sich nicht nur auf Fuß­ball. Der Tod von HSV-Legende Her­mann Rieger, die Kritik der anstren­genden Asi­en­reise in der Vor­be­rei­tung zur Rück­runde, die Aus­glie­de­rung der Profi-Abtei­lung. Wie haben Sie diese Dinge erlebt?
Ich bin fest davon über­zeugt, dass nicht nur die Mann­schaft für den sport­li­chen Miss­erfolg ver­ant­wort­lich war, son­dern dass ver­schie­dene Bau­stellen dazu führten, dass wir nur 27 Punkte geholt haben. Diese Pro­bleme darf man nicht los­ge­löst von der sport­li­chen Situa­tion betrachten. Und das hat natür­lich auch die Spieler und das jewei­lige Trai­ner­team beschäf­tigt. Für eine gewisse Zeit kann eine sta­bile Mann­schaft auch einmal autark funk­tio­nieren. Auf Dauer jedoch hängen Ver­eins­leben, Struktur und Leis­tung immer zusammen.

Was nehmen Sie aus dieser schlimmen Spiel­zeit mit?
Natür­lich gab es auch Phasen, in denen ich die per­ma­nente Anspan­nung spürte, kör­per­lich und psy­chisch. Das ist mensch­lich, denn ich lebe diesen Job. Aber letzt­lich war es für mich eine Bestä­ti­gung, dass ich eine Menge ver­tragen kann und robust genug bin für den Job. Und das ist eine gute Gewiss­heit.