Ale­manha
Um seine Zufrie­den­heit mit etwas aus­zu­drü­cken, hebt der Bra­si­lianer ständig auf­mun­ternd den Daumen wie der gut­ge­launte Lukas Podolski. Egal, ob er an der Kasse vor­ge­lassen wird oder man ihm nur Guten Morgen“ wünscht. Die Geste bekam in der ersten WM-Woche jedoch durch einen anderen Fin­ger­zeig Kon­kur­renz: Da die Ein­hei­mi­schen in der Mehr­zahl dem Auf­treten ihrer Seleçao eher skep­tisch gegen­über standen, adop­tierten sie nach dem 4:0‑Auftaktsieg der deut­schen Elf gegen Por­tugal Jogis Jungs zu Ersatz­lieb­lingen. Jeder Pas­sant im DFB-Trikot wurde fortan freudig mit vier zum Fächer auf­ge­stellten Fin­gern und dem Ausruf Ale­manha“ gegrüßt. Als das Halb­fi­nale gespielt war, gab es eine erneute Umdeu­tung. Als Deut­scher erkannt, bekam man nun zwei Hände mit sieben Fin­gern ent­ge­gen­ge­streckt.

Cow­boys
Die Blu­men­kette als eigen­tüm­li­ches Fan­a­c­ces­soire der deut­schen Anhänger erlebte in Bra­si­lien erheb­liche Popu­la­ri­täts­ein­bußen. Im feucht­warmen Klima erfreute sich statt­dessen der schwarz-rot-gol­dene Cow­boyhut stei­gender Beliebt­heit, männ­liche wie weib­liche Fans fühlten sich in Gefolg­schaft der Löw-Truppe offenbar wie auf einer Reise durch den Wilden Westen. Abso­luter Dau­er­brenner unter deut­schen Fans bei Touren durch warme Länder aber wei­terhin – wenn auch zumeist nicht in Lan­des­farben – die prak­ti­sche San­da­lette, gern auch in Kom­bi­na­tion mit Socken und Cow­boyhut.

Effi­zienz
Größte Her­aus­for­de­rung einer WM-Reise nach Bra­si­lien: die Ent­schleu­ni­gung. Restau­rant­be­stel­lungen, die über Stunden auf sich warten lassen. Auto­fahrten über Hun­derte von Kilo­me­tern auf zwei­spu­rigen Land­straßen, schlag­loch­übersät und voll mit knor­rigen Sat­tel­schlep­pern. Flug­häfen, an denen die Arbeit ruht, wenn die Seleçao spielt. Doch am Ende steht die Erkenntnis, dass nach einer Weile doch fast alles irgendwie funk­tio­niert. Es ist nur wichtig zu wissen, dass alles seine Zeit dauert.

Hoff­nungen
Selten war das Ver­hältnis eines WM-Gast­ge­ber­landes zum Erfolg seines Teams so ambi­va­lent. Einer­seits hofften die Bra­si­lianer natür­lich, ihr Team möge erfolg­reich sein. Ander­seits hatte sich spe­ziell in der Mit­tel­schicht, aus der die Pro­test­be­we­gung her­vor­ge­gangen ist, ein tiefer Graben zu den poli­ti­schen Füh­rern auf­getan, die das Land reprä­sen­tieren. Die Pro­testler fürch­teten, dass die poli­ti­schen Dis­kus­sionen, die sie im Sinne einer bes­seren und gerech­teren Zukunft Bra­si­liens ange­stoßen hatten, bei einem Gewinn der WM im Über­schwang der Gefühle wieder abflauen könnten. Wir wün­schen den Spie­lern und Felipao, dass sie Erfolg bei der Copa haben“, brachte die Eng­lisch­leh­rerin Fabiola Moura ihre innere Zer­ris­sen­heit auf den Punkt, aber wir wün­schen es nicht für unser Land.“ Der Weg für Reformen wird nun zumin­dest nicht mehr durch den Fuß­ball ver­stellt.

Ipa­nema
Am Strand im Herzen von Rio de Janeiro kul­mi­nieren die Sehn­süchte des Fuß­ball­tou­risten nach den schönen Seiten Bra­si­liens: Sonne, Sand, Cai­pi­rinha und schöne Frauen. Doch die Wirk­lich­keit ent­spricht nur selten dem Kli­schee. Die Ein­hei­mi­schen gehen hier nicht ins Wasser, weil über einen Kanal die Abwässer der Stadt ins Meer geleitet werden. Und auch die Damen im Bikini stoßen nicht bei jedem Fan auf Wohl­ge­fallen. Gespräch in einer Strandbar. Deut­scher Tou­rist: Wo sind sie denn nun: die schönen Girls von Ipa­nema? Ich sehe nur alte Frauen mit dicken Bäu­chen.“ Wirt: Mal drüber nach­ge­dacht, wie alt der Song ist?“

Kahn
Aus Gründen der Effi­zienz und Kos­ten­ein­spa­rung teilten sich die ARD und das ZDF das Über­tra­gungs­studio und die Son­nen­ter­rasse in einem Wol­ken­kratzer an der Copa­ca­bana. Das ZDF hätte die Wahl wohl besser über­dacht. So fiel ARD-Mit­ar­bei­tern bei der gemein­samen Lift­fahrt mit Oliver Kahn auf, dass der Titan unter Platz­angst leidet. Als der Fahr­stuhl plötz­lich in ruckelnden Bewe­gungen von Stock­werk zu Stock­werk fuhr, neigte Deutsch­lands eins­tige Nummer 1 rasant zur Schnapp­at­mung. Oben ange­kommen, gestand der bärige ZDF-Experte dann, dass er nach der Ein­sam­keit der Ost­see­bühne bei der EM 2012 auch mit der Rio-Loca­tion seines Sen­ders so seine Pro­bleme habe. Der Grund sei aber ein anderer: Kahn wird auch von Höhen­angst geplagt.

Quar­tier
Der DFB ent­schied sich erneut für ein Quar­tier in der Pro­vinz. Nicht unbe­dingt zur Freude des Medi­en­trosses, der dem Natio­nal­team folgte. Die Reporter wurden einmal täg­lich gegen Mittag zu einer Pres­se­kon­fe­renz mit einem Spieler und einem Mit­glied des Trai­ner­stabs geladen. Zudem fanden in unre­gel­mä­ßigen Abständen kleine Pres­se­ge­spräche statt, die nach schrift­li­cher Aus­fer­ti­gung von der PR-Abtei­lung der Natio­nalelf mit Argus­augen auf Anstö­ßiges durch­forstet wurden. So wurde in einem Fall auch die brand­heiße News aus einem Inter­view­text eli­mi­niert, dass die Spieler sich ihre Zeit im Lager mit Dingen wie Dart­spielen ver­treiben.

Siete
Um das Ver­hältnis zwi­schen Bra­si­lia­nern und Argen­ti­niern ist es ja ohnehin nicht beson­ders gut bestellt. Als die Gau­chos im Halb­fi­nale in Sao Paulo auf die Nie­der­lande trafen, sti­chelten die Fans der Albice­leste nicht gegen den Gegner, son­dern mit Vor­liebe mit dem Schlachtruf Cinco, Seis, Siete, Siete, Siete“ („fünf, sechs, sieben…“) gegen die Bra­si­lianer in der Arena. Die kon­terten den Spott mit einem wütenden Brazil, Brazil“, doch die bes­seren Argu­mente hatten an diesem Tag ein­deutig die Argen­ti­nier.

Thun­der­st­ruck
Die Fifa-Musikbox ist eine Höl­len­ma­schine. Schon drei Stunden vor Spiel­be­ginn beschallt sie die ein­tru­delnden Sta­di­on­be­su­cher in derart ohren­be­täu­bender Laut­stärke, dass der Weg an die Bier­tränke fast unum­gäng­lich ist. Doch in der Dra­ma­turgie der WM-Play­list findet sich stets auch ein Gän­se­h­aut­mo­ment. Allen Hermes-House-Bands und seichten Jen­nifer-Lopez-Pop­songs zum Trotz: Wenn die Trom­mel­schläge von AC/​DCs Thun­der­st­ruck“ den Ein­marsch der Teams ankün­digten und Zehn­tau­sende Na, na, nanana, nana: Thunder“ skan­dierten, war die Vor­freude aufs Match am Sie­de­punkt.

Uni­formen
Mit Schlag­stö­cken aus­ge­rüs­tete Poli­zei­ein­heiten. Mili­tär­po­li­zisten mit weißen Helmen, Pis­tolen, Schutz­schil­dern und Hand­schellen. Spe­zi­al­ein­heiten in Ganz­kör­per­schutz­an­zügen, die mit geschul­terten Maschi­nen­pis­tolen auf Motor­rä­dern an Stra­ßen­ecken Wache halten oder Patrouille fahren. Der Besuch der Spiele in Bra­si­lien wurde begleitet von einem mas­siven Poli­zei­auf­gebot, denn die Angst vor Aus­schrei­tungen und ver­letzten WM-Tou­risten im Gast­ge­ber­land war latent. Die Fifa-Bann­meile um die Sta­dien war so gesi­chert, als fände an jedem Spielort gleich­zeitig ein G‑14-Gipfel statt. Die Folge: Absurde Abwan­de­rungs­sze­na­rien wie in Sao Paulo, wo Fans auf dem Weg zur Metro, getrennt durch Schutz­zäune und durch Ein­satz­kräfte gesi­chert, wie im Spieß­ru­ten­lauf kilo­me­ter­weit an krei­schenden Fave­la­be­wohner vor­bei­ge­leitet wurden, die die Sta­di­on­be­su­cher um Geld und Plas­tik­be­cher anflehten.

Ver­spä­tung
Die unwet­ter­ar­tigen Regen­fälle beim Spiel der deut­schen Mann­schaft gegen die USA in Recife sorgten für Über­schwem­mungen in der ganzen Stadt und für einen Ver­kehrs­in­farkt nach dem Spiel. Die deut­schen Jour­na­listen, die im DFB-Flieger ange­reist waren, ver­passten den Rück­flug und wurden kur­zer­hand in den Hotel­betten unter­ge­bracht, die in der Nacht zuvor von den Natio­nal­spie­lern belegt worden waren. So gelang es den Kol­legen, nachdem sie vor 24 Jahren erst­mals offi­ziell nicht mehr im Mann­schafts­hotel über­nachten durften, end­lich wieder, einen Blick ins Innerste der häus­li­chen Abläufe des Teams zu erha­schen. Beson­ders tra­gisch endete der WM-Aus­flug einer indi­schen Rei­se­gruppe, die nur für das Vier­tel­fi­nale Bra­si­lien gegen Kolum­bien ange­reist war. Weil der Flug­hafen in Rio wegen Nebels geschlossen war, fiel der Wei­ter­flug der Gäste aus Mumbai nach For­ta­leza aus. Die 20-köp­fige Gruppe ver­folgte das Match auf der Fan­meile an der Copa­ca­bana, zwei Mit­rei­senden wurde das Porte­mon­naie geklaut, anschlie­ßend flogen sie wieder nach Hause.

Zuckerhut
Im Gegen­satz zur Sehn­sucht der deut­schen Dele­ga­tion, die Natio­nal­spieler in Ruhe und Abge­schie­den­heit ein­zu­quar­tieren, bevor­zugten die Nie­der­länder ein Hully-Gully-Resort direkt in Ipa­nema im Cesar Park Hotel am Fuße des Zucker­huts. Nach dem gran­diosen 5:1‑Auftaktsieg der Nie­der­länder gegen Spa­nien, war die Lust auf Fuß­ball bei Arjen Robben und Robin van Persie offenbar derart gestiegen, dass sie nachts über die Pro­me­nade fla­nierten und schließ­lich im Sand den Strand­ki­ckern zusahen, die dort bis in den frühen Morgen ihre Spiele aus­tragen. Als zwei Mit­spieler müde wurden und den Heimweg antraten, sprangen die beiden Top-Stürmer kurz­fristig als Ersatz ein. Dem Ver­nehmen nach hatten sie im tiefen Sand gegen die aus­trai­nierten Beach­soccer-Ama­teure jedoch ihre liebe Müh. Immerhin hatten beide die Chance auf eine Revanche gegen Bra­si­lien im Spiel um Platz drei.