Seite 2: Katastrophale Corona-Politik

Doch eine wei­tere Ver­schie­bung wollte die Conmebol nicht, denn das Tur­nier ist ihre ein­träg­lichste Cash-Cow. Und die Fern­seh­gelder fließen erst, wenn der Ball rollt. Am Ende war man froh, in Bol­so­naro über­haupt einen wil­ligen Gast­geber gefunden zu haben. Zumal Bra­si­lien das Tur­nier bereits 2019 beher­bergt hatte und somit eine fri­sche Aus­richter-Erfah­rung vor­weisen kann. Bei­nahe unter­würfig bedankte sich die Conmebol vor einigen Tagen bei Bol­so­naro dafür, die Türen dieses Landes (…) zu öffnen“. Wobei Bra­si­liens Natio­nal­se­kretär für Sport sich mit Blick auf die Ver­ant­wort­lich­keiten einen schlanken Fuß machte: Die Regie­rung wird die Ein­reise der Teams ermög­li­chen“, erklärte Mar­celo Reis Magalhaes. Alles andere, also auch die Sicher­heits- und Hygie­nekon­zepte, sei Sache des aus­rich­tenden bra­si­lia­ni­schen Fuß­ball­ver­bandes CBF.

Über die Bedro­hungs­lage durch Corona hört man aus Regie­rungs­kreisen ohnehin wenig, was nicht weiter ver­wun­dert: Bol­so­naro selbst hatte wie­der­holt erklärt, Covid-19 sei nur eine Grippe“ und die Men­schen mögen doch auf­hören zu jam­mern“. Eine Studie der Uni­ver­sität von Sao Paulo bezeich­nete die bra­si­lia­ni­sche Pan­demie-Politik als insti­tu­tio­nelle Stra­tegie zur Aus­brei­tung des Coro­na­virus im Land“. Seit Anfang Mai unter­sucht sogar eine Kom­mis­sion des bra­si­lia­ni­schen Senats Bol­so­naros Umgang mit der Corona-Krise. Im Raum stehen Vor­würfe wie grobe Fahr­läs­sig­keit. So lehnte das Land meh­rere Ange­bote zur Impf­stoff-Lie­fe­rung ab, dar­unter eines von Biontech/​Pfizer. Statt­dessen setzte man lieber auf unwirk­same Medi­ka­mente wie Hydro­xychlo­ro­quin zur Hei­lung“ von Covid-19. In sozialen Medien kur­siert des­halb der Vor­schlag, das Mas­kott­chen der Copa Ame­rica Chlo­ro­quito“ zu taufen.

Drin­gende Fragen

Inwie­weit das Tur­nier selbst zur wei­teren Ver­schlim­me­rung der Pan­demie-Lage bei­tragen wird, bleibt abzu­warten. Gespielt werden soll ohne Zuschauer, an nur vier Orten: im Mara­cana von Rio de Janeiro, in der Haupt­stadt Bra­silia, in Cuiaba sowie in Goiania. Die Team-Dele­ga­tionen sollen sich wäh­rend des Tur­niers vor­wie­gend in soge­nannten Bub­bles bewegen. Ein chi­ne­si­scher Impf­stoff­her­steller ver­sprach zudem, genü­gend Vakzin-Dosen für alle am Spiel- und Orga­ni­sa­ti­ons­ge­schehen betei­ligten Per­sonen bereit­zu­stellen. Doch die Copa“ beginnt in weniger als zehn Tagen. Wer heute nicht geimpft ist, wird zum Tur­nier­start kaum geschützt sein. Hinzu kommt der soziale Aspekt: Warum soll man kickende Mil­lio­näre bei der Imp­fung bevor­zugen, wäh­rend zig Mil­lionen vor allem armer Bra­si­lianer weiter ver­geb­lich auf die schüt­zenden Injek­tionen warten?

Fast noch dring­li­cher ist diese Frage: Warum hält man ein Geis­ter­tur­nier von frag­wür­digem Wert ab, wäh­rend zeit­gleich im Gast­ge­ber­land zehn­tau­sende Men­schen am Virus sterben werden?