Seite 2: Neuanfang in der Heimat

Wer in jungen Jahren mit­er­lebt, wie die eigene Familie einen sol­chen Schick­sals­schlag zu ver­kraften ver­sucht, dem ist natür­lich bewusst, dass der Fuß­ball weit davon ent­fernt ist, das Wich­tigste im Leben zu sein. Trotz der fast reli­giösen Bedeu­tung des Sports in Süd­ame­rika. Ob es einen Zusam­men­hang zwi­schen dem Fehlen einer Vater­figur – er soll seinen spä­teren Natio­nal­trainer José Pékerman Papa“ genannt haben – und seinem Schei­tern als Fuß­baller in Europa gibt, wäre an dieser Stelle aller­dings Spe­ku­la­tion.

Fakt ist näm­lich auch, dass die klas­si­sche Zeh­ner­po­si­tion, die Quin­tero bekleidet, im euro­päi­schen Fuß­ball immer sel­tener wird, und er sich auch des­wegen weder bei seinem Gast­spiel in Porto, noch nach einen wei­teren Wechsel bei Stade Rennes durch­setzten konnte. Nachdem er in Frank­reich aus dis­zi­pli­na­ri­schen Gründen sus­pen­diert wird, geht er zurück nach Medellín. In die Heimat, dort, wo er das Fuß­ball­spielen gelernt hatte, in sein Land, mit dessen Natio­nal­mann­schaft er an der Welt­meis­ter­schaft 2014 teil­ge­nommen hatte.

Trotz erster Anlauf­schwie­rig­keiten und Gewichts­pro­blemen findet er bei Inde­pen­diente Medellín das wieder, was nach seiner Zeit in Europa schon ver­loren geglaubt schien – den Spaß am Fuß­ball. Um ihn herum wird eine Mann­schaft auf­ge­baut, er ist end­lich wieder Spiel­ma­cher, Pass­geber, Lenker seiner Mann­schaft. Befreit von läs­tigen Defen­siv­auf­gaben und mit allen Frei­heiten aus­ge­stattet, schießt er in 25 Spielen drei­zehn Tore und bereitet acht vor. Meine Auf­gabe ist es, die Angreifer mit Bällen zu füt­tern und dafür zu sorgen, dass alle meine Mit­spieler sinn­voll am Spiel betei­ligt sind“, sagt er in einem Inter­view.

Nachdem er zu alter Klasse wie­der­ge­funden hat, unter­schreibt er bei River Plate in Argen­ti­nien, wird sogar wieder in die Natio­nal­mann­schaft berufen und nimmt – was nur wenige Monate vorher unmög­lich schien – an der WM in Russ­land teil. Doch den Höhe­punkt des Jahres hebt er sich bis zum Ende auf, bis zur 109. Minute des Final­rück­spiels der Copa Libertadores in Madrid. Rund zwanzig Meter vor dem Tor legt er sich den Ball auf den linken Fuß vor, zieht ab und sorgt für die Vor­ent­schei­dung. Aus­ge­rechnet in Europa erlebt er nun doch seinen größten Moment als Fuß­baller – viel­leicht hat er ja nun end­lich Frieden mit dem Kon­ti­nent geschlossen.