In den 90er Jahren war die Comuna 13 in der kolum­bia­ni­schen Groß­stadt Medellín kein guter Ort zum Leben. Heut­zu­tage ist das drei­zehnte Viertel“ eine Tou­ris­ten­at­trak­tion, doch damals beherrschten skru­pel­lose Kar­telle und Kor­rup­tion die Heimat des legen­dären Dro­gen­bosses Pablo Escobar. Morde waren an der Tagess­ord­nung. Und aus­ge­rechnet in dieser Zeit wurde Juan Fer­nando Quin­tero Paniagua geboren. In der Comuna 13 wuchs er auf, dort lernte er das Fuß­ball­spielen. Nie­mand ahnte damals, dass er eines Tages den ent­schei­denden Treffer im Finale der Copa Libertadores schießen sollte – denn sein Weg war alles andere als leicht.

Seine Kariere beginnt bei dem Verein, für dem auch James Rodri­guez zum ersten Mal auf dem Platz stand: in der Jugend des Envi­gado FC aus der Nähe von Medellín. 2009 schafft er den Sprung in die erste Mann­schaft, um drei Jahre später mit erst 18 Jahren zu einem der besten Ver­eine des Landes, Atle­tico Nacional, zu wech­seln. Drib­bel­stark sowie mit Spiel­ma­cher­qua­li­täten und einer exzel­lente Schuss­technik aus­ge­stattet – der Mit­tel­feld­spieler scheint prä­de­sti­niert für eine Welt­kar­riere zu sein. Bald wird ihm in der Heimat ein Transfer nach Europa vor­her­ge­sagt. Angeb­lich zeigen damals Real Madrid, Man­chester United und sogar der FC Bayern Inter­esse, aber Quin­tero zieht es zunächst zu Del­fino Pescera in die Serie A.

Doch die Sta­tion, die das Sprung­brett zu den größten Ver­einen Europas hätte werden können, wird für den damals erst Zwan­zig­jäh­rigen zum Alb­traum. Sein erstes Spiel in Ita­lien ist eine 0:3‑Klatsche gegen Inter Mai­land, und auch danach wird es nicht besser. In sieb­zehn Ein­sätzen schießt er ledig­lich ein Tor und steigt mit seiner Mann­schaft sang- und klanglos ab. Doch viel dra­ma­ti­scher ist für Quin­tero, dass die Öffent­lich­keit vom dun­kelsten Kapitel seiner Kind­heit erfährt, von dem Kapitel, über das er bis heute nie öffent­lich gespro­chen hat: das spur­lose Ver­schwinden seines Vaters.

Im Jahre 1995, als er mit seiner Familie in der Comuna 13 lebte und gerade einmal zwei Jahre alt war, kämpfte sein Vater als Soldat der kolum­bia­ni­schen Armee gegen die aus­ufernde Dro­gen­kri­mi­na­lität und machte sich damit wie so viele andere zur Ziel­scheibe der Ver­bre­cher. Eines Tages kam er nicht mehr nach Hause – bis heute weiß nie­mand, was mit ihm geschehen ist. Eine Leiche wurde nie gefunden. Seine Tante Silvia, die heute Vor­sit­zende einer Stif­tung ist, die Ange­hö­rigen der Opfer dieser Zeit hilft, äußerte sich vor drei Jahren öffent­lich: Seit zwei Jahr­zehnten suchen wir ihn und fragen den Staat, wo er ist. Zwei Jahr­zehnte in einen Meer voller Gesetz­lo­sig­keit“.

Wer in jungen Jahren mit­er­lebt, wie die eigene Familie einen sol­chen Schick­sals­schlag zu ver­kraften ver­sucht, dem ist natür­lich bewusst, dass der Fuß­ball weit davon ent­fernt ist, das Wich­tigste im Leben zu sein. Trotz der fast reli­giösen Bedeu­tung des Sports in Süd­ame­rika. Ob es einen Zusam­men­hang zwi­schen dem Fehlen einer Vater­figur – er soll seinen spä­teren Natio­nal­trainer José Pékerman Papa“ genannt haben – und seinem Schei­tern als Fuß­baller in Europa gibt, wäre an dieser Stelle aller­dings Spe­ku­la­tion.

Fakt ist näm­lich auch, dass die klas­si­sche Zeh­ner­po­si­tion, die Quin­tero bekleidet, im euro­päi­schen Fuß­ball immer sel­tener wird, und er sich auch des­wegen weder bei seinem Gast­spiel in Porto, noch nach einen wei­teren Wechsel bei Stade Rennes durch­setzten konnte. Nachdem er in Frank­reich aus dis­zi­pli­na­ri­schen Gründen sus­pen­diert wird, geht er zurück nach Medellín. In die Heimat, dort, wo er das Fuß­ball­spielen gelernt hatte, in sein Land, mit dessen Natio­nal­mann­schaft er an der Welt­meis­ter­schaft 2014 teil­ge­nommen hatte.

Trotz erster Anlauf­schwie­rig­keiten und Gewichts­pro­blemen findet er bei Inde­pen­diente Medellín das wieder, was nach seiner Zeit in Europa schon ver­loren geglaubt schien – den Spaß am Fuß­ball. Um ihn herum wird eine Mann­schaft auf­ge­baut, er ist end­lich wieder Spiel­ma­cher, Pass­geber, Lenker seiner Mann­schaft. Befreit von läs­tigen Defen­siv­auf­gaben und mit allen Frei­heiten aus­ge­stattet, schießt er in 25 Spielen drei­zehn Tore und bereitet acht vor. Meine Auf­gabe ist es, die Angreifer mit Bällen zu füt­tern und dafür zu sorgen, dass alle meine Mit­spieler sinn­voll am Spiel betei­ligt sind“, sagt er in einem Inter­view.

Nachdem er zu alter Klasse wie­der­ge­funden hat, unter­schreibt er bei River Plate in Argen­ti­nien, wird sogar wieder in die Natio­nal­mann­schaft berufen und nimmt – was nur wenige Monate vorher unmög­lich schien – an der WM in Russ­land teil. Doch den Höhe­punkt des Jahres hebt er sich bis zum Ende auf, bis zur 109. Minute des Final­rück­spiels der Copa Libertadores in Madrid. Rund zwanzig Meter vor dem Tor legt er sich den Ball auf den linken Fuß vor, zieht ab und sorgt für die Vor­ent­schei­dung. Aus­ge­rechnet in Europa erlebt er nun doch seinen größten Moment als Fuß­baller – viel­leicht hat er ja nun end­lich Frieden mit dem Kon­ti­nent geschlossen.