Lionel Messi ist immer dabei. Er folgt Cris­tiano Ronaldo auf jedem seiner lang­ge­zo­genen und rasend schnellen Schritte, auch heute Abend, wenn sich die Fuß­ball­na­tionen aus dem äußersten Westen Europas treffen, im äußersten Osten Europas, wo der Argen­ti­nier Messi aus staats­bür­ger­schaft­li­chen Gründen nichts zu suchen hat. Messi! Messi! Messi!“, werden sie auf den Tri­bünen der Don­bass-Arena brüllen. Das gemeine Publikum macht sich schon seit langem einen Spaß daraus, den groß­ar­tigen Fuß­ball­spieler Ronaldo durch die Über­hö­hung des groß­ar­tigen Fuß­ball­spie­lers Lionel Messi zu demü­tigen. Das funk­tio­niert bei Gast­spielen von Real Madrid genauso wie bei dieser EM, erst recht heute Abend, wenn Ronaldo indi­rekt auf Messi und direkt auf dessen Kol­legen vom FC Bar­ce­lona trifft. Und, natür­lich, auf die eigenen von Real Madrid.

Dieses Halb­fi­nale ist ein Cla­sico der beson­deren Art. Ein Cla­sico Iberico mit inte­griertem Super Cla­sico, wie die Spa­nier die Duelle zwi­schen Barca und Real nennen. Sie kennen uns, und wir kennen sie“, sagt Xavi Her­nandez, Spa­niens Zere­mo­ni­en­meister des Tiki-Taka. Auf spa­ni­scher Seite stehen vier Madri­lenen und fünf Bar­ce­lo­nesen, dazu als sechster viel­leicht noch Pedro Rodri­guez. Bei den Por­tu­giesen ist Real immerhin dreimal ver­treten. Neben Ronaldo noch durch dessen Kumpel Pepe, dem wahr­schein­lich besten Innen­ver­tei­diger dieses Tur­niers, und durch Fabio Coen­trao, den viel­leicht besten Links­ver­tei­diger. Dazu kommt aus der Ferne José Mour­inho. Reals por­tu­gie­si­scher Trainer hat über ein Tele­fonat mit Ver­tei­diger Ricardo Costa aus­richten lassen, Por­tugal habe eine sehr große Chance auf den EM-Titel – was einen Sieg über Spa­nien still­schwei­gend vor­aus­setzt.

Von Cris­tiano Ronaldo sind solche Töne kaum zu hören. Er spricht wenig in diesen Tagen, er befindet sich in einem ein­sei­tigen Kriegs­zu­stand mit den por­tu­gie­si­schen Repor­tern, die ihm nach den ersten beiden Spielen gegen Deutsch­land und Däne­mark mal wieder die Vater­lands­liebe abspra­chen, weil er im ersten gar nicht zu sehen war und im zweiten beste Tor­chancen im Zehn-Minuten-Takt ver­sem­melte. Diese Abnei­gung ist auf­seiten der Reporter gewohnt schnell in Bewun­de­rung umge­schlagen, aber Ronaldo hat den Kriegs­zu­stand nach seinen groß­ar­tigen Auf­tritten gegen Hol­land und Tsche­chien kei­nes­wegs für beendet erklärt. Wenn er etwas sagt, dann nur bei offi­zi­ellen Uefa-Ter­minen und dann auch nur brave Selbst­ver­ständ­lich­keiten wie: Spa­nien hat eine große Mann­schaft, aber ich hoffe, wir können sie schlagen.“

Siege gegen Spa­nien zählen in Por­tugal nicht dop­pelt, son­dern drei­fach, weil es so wenige davon gibt und die Spa­nier noch immer der natio­nale Lieb­lings­feind sind. Der Nachbar im Osten, der immer ein wenig her­ab­blickt auf die Por­tu­giesen. Halb­fi­nale – schön und gut, aber ein rich­tiger Erfolg wird diese EM im Osten Europas für die Por­tu­giesen erst, wenn sie heute in Donezk die Spa­nier besiegen. Der letzte spek­ta­ku­läre Erfolg liegt schon ein paar Jahre zurück. Das war 2004 bei der EM daheim, als im letzten Vor­run­den­spiel unbe­dingt ein Sieg her musste. Nuno Gomes schoss damals in Lis­sabon das Sieg brin­gende Tor, was ihm die Nation bis heute nicht ver­gessen hat – und ihn den­noch nicht vor einer Aus­boo­tung in letzter Sekunde aus dem EM-Kader für 2012 bewahrte.

Paulo Bento inter­es­siert sich nicht beson­ders für ver­gan­gene Ver­dienste und für die Son­der­stel­lung von Cris­tiano Ronaldo inter­es­siert er sich auch nicht. Das heißt: Sie ist ihm so unan­ge­nehm nicht, denn die ein­sei­tige Fixie­rung auf den besten Stürmer der Welt gibt dessen Kol­legen die Mög­lich­keit, sich in aller Ruhe zu ent­falten. Sollen sie doch alle denken, dass Por­tugal nicht mehr ist als Ronaldo mit einem Rat­ten­schwanz zur Auf­fül­lung des Kon­tin­gents. Keine allein auf ihren Links­außen fixierte Mann­schaft kann bei einer EM das Halb­fi­nale errei­chen.

Die Spa­nier sind so etwas wie der Gegen­ent­wurf zu ihrem kleinen Nach­barn. Ein Kol­lektiv der Stars mit einer Vor­liebe für das Defen­sive und Ver­spielte zugleich. Die über­ra­genden Kräfte waren zuletzt nicht die Zau­berer Xavi Her­nandez und Andres Iniesta. Son­dern die aus der Etappe regie­renden Stra­tegen Sergio Bus­quets und Xabi Alonso. Im Vier­tel­fi­nale ließ Vicente del Bosque mal wieder keinen ein­zigen Stürmer auf­laufen und plat­zierte dafür den Mit­tel­feld­mann Cesc Fabregas als zurück­ge­zo­genes Ele­ment in die vor­derste Linie. Das hat ihm daheim einige Kritik ein­ge­bracht, del Bosque kon­terte sie mit der Bemer­kung, dass mir der Erfolg doch recht gibt“.

Die Por­tu­giesen haben sich das spa­ni­sche Vier­tel­fi­nale im Fern­sehen ange­schaut und waren mit dem Ergebnis offen­sicht­lich sehr zufrieden. Aus dem Schatten Ronaldos wagte sich Ricardo Costa hervor mit der fre­chen Bemer­kung: Die Spa­nier können wir leichter aus­schalten als die Fran­zosen, weil sie im Angriff unge­fähr­li­cher sind.“ Sie haben halt keinen wie Cris­tiano Ronaldo, auch wenn der heute Abend wieder ver­folgt wird, von Lionel Messi auf jedem seiner lang­ge­zo­genen und rasend schnellen Schritte.