Falko Götz, Sie haben 1998 an der Sport­hoch­schule Köln Ihren DFB-Trai­ner­schein gemacht – wie hat sich der Trai­ner­beruf seitdem ver­än­dert?
Der Job ist viel­fäl­tiger geworden. Das liegt zum Teil auch an den Medien, die inzwi­schen eine ent­schei­dende Rolle spielen. Die Pres­se­an­fragen sind deut­lich gestiegen, ein Trainer muss den Jour­na­listen viel mehr Zeit ein­räumen als früher. Man spürt im Alltag bei­nahe an jeder Ecke, welch hohen Stel­len­wert der Fuß­ball in unserer Gesell­schaft ein­nimmt. Hinzu kommt, dass wir es heut­zu­tage mit einer Spiel­er­ge­nera­tion zu tun haben, die sich von der dama­ligen unter­scheidet.

Und worin?
Die Ansprüche sind gestiegen, die meisten Talente gehen das Thema Pro­fi­fuß­ball viel pro­fes­sio­neller an – die bekannte Laisse-faire-Hal­tung ist out. Wer es heut­zu­tage nach oben schaffen will, kann es sich nicht erlauben, Kom­pro­misse ein­zu­gehen. Das heißt aber auch, dass man die Spieler inten­siver betreuen und besser för­dern muss. Der Trai­ner­stab ist bei­spiels­weise deut­lich größer, es gibt Experten für jedes Detail. Ein Chef­trainer ist heut­zu­tage eine Art Team­ma­nager.

Über welche Lern­in­halte von früher können Sie heute nur noch schmun­zeln?
Ich denke da zum Bei­spiel an ein Buch von Gero Bisanz aus dem Jahr 1974 (Bisanz lei­tete von 1971 bis 2000 die DFB-Trai­ner­aus­bil­dung, d. Red.). Das Teil ist inzwi­schen aus dem Lehr­plan ver­schwunden. Chris­toph Daum, dama­liger Ama­teur­spieler des 1. FC Köln, hält mit den Füßen einen Medi­zin­ball hoch – das hatte was!

Wie jeder Spieler durch­läuft auch ein Trainer eine Ent­wick­lung – welche Trai­nings­übungen oder Moti­va­ti­ons­tricks haben Sie im Laufe Ihrer Kar­riere in den Papier­korb geworfen?
Grund­sätz­lich hat sich meine Phi­lo­so­phie vom Fuß­ball­spiel nicht geän­dert. Und das ist ent­schei­dend. Es ist schon immer mein Anspruch gewesen, meine Spieler so zu behan­deln, wie ich als Spieler von meinen Trai­nern gern behan­delt worden wäre. Dass das Trai­ning mitt­ler­weile moderner abläuft, ist ohnehin klar – neue Erkennt­nisse führen zu neuen Methoden.

Wie würden Sie die Phi­lo­so­phie des FC Erz­ge­birge Aue beschreiben?
Aue kommt tra­di­tio­nell über den Kampf, man wollte schon immer ein unan­ge­nehmer Gegner sein und aggres­siven Fuß­ball spielen. Oder anders­herum: Die spie­le­ri­sche Note konnte stets ein wenig ver­nach­läs­sigt werden, um es mal dezent aus­zu­drü­cken. Pla­kativ for­mu­liert: Hier wird seit jeher gekämpft, gekratzt, gebissen. Dafür steht der Klub. Ich wäre nicht gut beraten, würde ich dieses Mar­ken­zei­chen auf Spiels setzen und der Mann­schaft eine neue Phi­lo­so­phie ein­impfen.

Sie haben 1997 bis 2002 die Hertha-Jugend und ‑Ama­teure trai­niert und zu jener Zeit viele Talente an die erste Mann­schaft her­an­ge­führt– wie wichtig ist es Ihnen heute, Talente nach oben zu bringen?
Für uns ist es das Wich­tigste, die Klasse zu halten. Diesem Ziel ordnen wir alles unter. Aber selbst­ver­ständ­lich wollen wir hier in Aue auch Werte schaffen, sprich: Spieler hoch­ziehen. Gerade des­halb betone ich so oft, wie wichtig ein funk­tio­nie­rendes Scou­ting-System ist. Wir haben zur­zeit mit Jakub Syl­vestr, Rico Bena­telli, Dorian Diring und auch Arvydas Novi­kovas Spieler mit Per­spek­tive, Jungs, die den nächsten Schritt machen wollen.

In Ihrem der­zei­tigen Kader sind acht Spieler 30 Jahre oder älter. Ist das Zufall?
Auch wir sind an Ver­träge gebunden. Man kann nicht von heute auf morgen den kom­pletten Kader durch­ein­an­der­wir­beln. Viele dieser Ver­träge wurden vor meiner Zeit abge­schlossen. Und da Fair­ness für uns keine Sprach­hülse ist, stehen wir zu den Ver­ein­ba­rungen. Außerdem brau­chen wir erfah­rene Profis, um unsere Ziele zu errei­chen. Es ist es keine Floskel, dass die Jungen von den Alten pro­fi­tieren.

Sie sagten mal, drei Dinge seien im Pro­fi­fuß­ball ent­schei­dend: Dis­zi­plin, Fit­ness und ein guter Team­spirit – in wel­chem dieser Punkte hat Aue zur­zeit Nach­hol­be­darf?
Das sind die Säulen meiner Arbeit, richtig. Ich weiß, dass ich in keinem dieser Punkte jemals hun­dert Pro­zent errei­chen werde.

Aber?
Bei uns gibt es klare Regeln, die jeder zu befolgen hat. Da wir eine große Gruppe sind, die bei­nahe das kom­plette Jahr zusammen ist, halte ich es für unheim­lich wichtig, dass wir uns gegen­seitig respek­tieren. In diesem Punkt gibt es wenig Spiel­raum. Dass gerade für uns die Fit­ness eine ent­schei­dende Rolle spielt, muss ich nie­mandem erklären. Es wird in der Liga immer spiel­stär­kere Teams geben, unser Plus muss die Power, Lei­den­schaft und Aggres­si­vität sein. Es darf nie­mals eine Partie geben, in der wir in Sachen Fit­ness nicht mit­halten können.
Wie kann ein Trainer den Team­spirit ver­bes­sern, ohne sich dabei abzu­nutzen?
Das ist in der Tat eine Grat­wan­de­rung. Bleiben die posi­tiven Resul­tate aus, wird man schnell in eine Nega­tiv­spi­rale hin­ein­ge­zogen. Jeder Trainer ist in sol­chen Momenten abhängig von den Cha­rak­teren in der Mann­schaft. Es gibt daher auch keinen Königsweg, wie man eine Mann­schaft per­fekt moti­viert, sie erfolg­reich führt und sich dabei nicht irgend­wann abnutzt.

Mit anderen Worten: Eine stän­dige Suche?
Unter meiner Füh­rung wird es defi­nitiv nicht in jeder Woche eine Team­buil­ding-Maß­nahme geben, so was wäre Blöd­sinn. Ob Ein­zel­ge­spräche oder Dis­kus­sionen mit dem Mann­schaftsrat – ich ver­suche stets, nah an die Mann­schaft her­an­zu­kommen. Manchmal ist es jedoch sinn­voller, wenn meine Assis­tenten sich mit einigen Jungs unter­halten. Ich will nicht immer die Haupt­person sein.

Gehören Sie zu den Trai­nern, die behaupten: Meine Spieler können auch mit pri­vaten Pro­blemen zu mir kommen“?
Ich denke schon, ja. Hat ein Spieler einen Todes­fall zu beklagen, ist es selbst­ver­ständ­lich, dass er zur Beer­di­gung geht. Wird ein Spieler zum ersten Mal Vater, erlauben wir ihm, bei der Geburt dabei zu sein. Ist aller­dings die Oma vierten Grades gestorben, muss zumin­dest eine gewisse Dis­kus­si­ons­grund­lage da sein. (lacht)

Aber wel­cher Spieler weiht seinen Vor­ge­setzten schon in bri­sante pri­vate Ange­le­gen­heiten ein?
Jeder Spieler geht anders damit um, klar. Es gibt Profis, die sagen dir schon vor dem Trai­ning Sätze wie Mensch, meine Tochter hat ihren ersten Zahn bekommen“ oder Hey, mein Junge hat heute seinen ersten Schultag“. Diese Kan­di­daten hätten ver­mut­lich auch keine Scheu, mir ihre pri­vaten Pro­bleme zu erzählen. Andere wie­derum sind kom­plett ver­schlossen und spre­chen nie über Pri­vates. Wichtig ist mir nur eins: Meine Spieler sollen wissen, dass sie auch mit Sorgen zu mir kommen können. Leidet die Leis­tung unter diesen Pro­blemen, erwarte ich sogar von ihnen, dass sie zu mir kommen.

Man hört häufig den Satz, ein Pro­fi­trainer denke rund um die Uhr an Fuß­ball, 14, 15 Stunden am Tag – alles Blöd­sinn?
Ich finde solche Sätze über­trieben. Natür­lich denke ich oft an Fuß­ball, aller­dings möchte ich das nicht in Stunden messen. Wenn du Chef­trainer einer Bun­des­li­ga­mann­schaft bist, hast du an sieben Tagen der Woche mit Fuß­ball zu tun. Mal eben so einen Tag abschalten? Das ist nicht drin. Aller­dings kennt auch jeder Trainer die Phasen, in denen er arbeitslos ist und das Tages­ge­schäft eine Weile bei­seite schieben kann. Man sollte sich also nicht beschweren, Bun­des­li­ga­trainer sind schließ­lich pri­vi­le­giert.

Haben Sie einen Aus­gleich?
Ich bin lei­den­schaft­li­cher Golfer. Wenn ich es tat­säch­lich mal schaffe, mir drei Stunden frei­zu­schau­feln, genieße ich es, auf der Dri­ving Range Abschläge zu machen und eine 9‑Loch-Runde zu spielen. Stehe ich auf dem Golf­platz, denke ich an nichts anderes als den nächsten Schlag.

Eine 18-Loch-Runde ist wäh­rend einer Saison nicht drin?
Auf keinen Fall! Das schaffe ich höchs­tens im Urlaub.

Sie sagten zu Beginn Ihrer Zeit bei Hol­stein Kiel Ich möchte Struk­turen ent­wi­ckeln, Talente aus­bilden und nicht per­ma­nent auf irgend­einem Schleu­der­sitz sitzen.“ Wie würden Sie den Sitz bezeichnen auf dem Sie zur­zeit sitzen?
Das Kapitel Hol­stein Kiel war für mich eine der größten Ent­täu­schungen meiner Kar­riere. Glück­li­cher­weise habe ich daraus einiges gelernt. Inzwi­schen gehe ich nicht mehr mit derart großen Ambi­tionen an eine Sache heran. Hier in Aue ver­suche ich in Absprache mit dem Verein die Dinge wei­ter­ent­wi­ckeln, die auch der Klub wei­ter­ent­wi­ckeln möchte.

Welche Grenzen sind Aue gesetzt?
Wir befinden uns in einer Region des Ostens, die mit einer hohen Arbeits­lo­sig­keit und immensen Abwan­de­rungs­rate zu kämpfen hat. Auch des­halb wäre es unrea­lis­tisch, würde ich behaupten, unser Ziel sei es, die Mit­glie­der­zahl mit­tel­fristig zu ver­dop­peln. Wir wollen als Klub wachsen, wir wollen ein fester Bestand­teil der Zweiten Liga werden. Hierfür wäre es hilf­reich, die Infra­struktur weiter zu ver­bes­sern, ich nenne nur das Thema Sta­di­on­ausbau.

Sie haben Hertha BSC Berlin dreimal in den Euro­pa­pokal geführt – sehnen Sie sich als Trainer nach sol­chen Momenten?
Für mich zählt zur­zeit nur das Tages­ge­schäft. Ich habe mir abge­wöhnt, lang­fristig zu planen. In über 30 Jahren Pro­fi­fuß­ball habe ich bisher 80 Pro­zent meiner Ent­schei­dungen richtig getroffen. Ich bin ein glück­li­cher Mensch, auch weil ich einen Job habe und spüre, dass der Verein meine Erfah­rung schätzt. Wir ziehen hier in Aue an einem Strang. Wer weiß schon, was in fünf Jahren ist?

Hat es Sie eigent­lich genervt, dass Sie in den Jahren nach Ihrer Tätig­keit bei Hertha BSC Berlin ständig als Trainer bei diversen Bun­des­li­ga­klubs gehan­delt wurden?
Es hat ja nichts geklappt! Und ent­schei­dend sind immer noch Fakten, sprich: Ver­träge. Mir ist schon immer voll­kommen wurscht gewesen, wo ich gehan­delt werde. Jeder Manager, der einen neuen Trainer sucht, freut sich doch, wenn in den Medien irgend­welche Namen kur­sieren, denn so kann er unge­stört mit seinem Kan­di­daten ver­han­deln. So läuft das Geschäft.

Falko Götz, es wäre merk­würdig, würden wir Sie jetzt nicht auf die Bun­des­li­garück­kehr von Hertha BSC Berlin anspre­chen…
.Erst mal freue ich mich nicht nur für Hertha BSC, son­dern auch für meinen Trai­ner­kol­legen Jos Luhukay, der exzel­lente Arbeit leistet. Die Truppe hat einen super Start hin­ge­legt.

Sie sind Ver­eins­mit­glied, richtig?
Na klar! Ich bin in Berlin auf­ge­wachsen. Hertha ist mein Verein. Ich wün­sche dem Klub stets das Beste. Der fol­gende Satz wird Sie daher nicht son­der­lich über­ra­schen: Ich werde für immer Hertha-Fan bleiben. (lacht)