Seite 2: Sie haben einen Deutschen erwartet, sie bekamen einen Italiener

Nach dem Aus bei 96 musste er länger als gedacht auf ein neues Enga­ge­ment warten. Dann riss sich plötz­lich der eng­li­sche Dritt­li­gist Barnsley um ihn, ein Klub mit Eigen­tü­mern aus China und den USA, die nach dem Moneyball“-Prinzip Spieler und Trainer casten, also auf Basis von Daten und Sta­tis­tiken. Stendel und Adi Hütter waren 2018 ganz oben auf der Liste bei der Fahn­dung nach offensiv den­kenden Coa­ches. Er sollte die Erwar­tungen über­erfüllen, stieg mit Barnsley direkt auf und wurde zum besten Trainer der Liga“ gekürt. Doch bei der Aus­wahl neuer Spieler über­warfen sich Besitzer und Trainer, so ist es aus Eng­land zu hören. Im Oktober setzte ihn der Klub vor die Tür. Stendel will sich dazu nicht äußern, die Par­teien treffen sich wegen aus­ste­hender Zah­lungen vor­aus­sicht­lich noch vor Gericht.

Barns­leys Fans waren da schon lange auf seiner Seite und orga­ni­sierten eine Abschieds­party für ihn. Ein Video der Feier zeigt Stendel, wie er in einem Pulk von Leuten Tequila trinkt. Es sei der ein­zige an diesem Abend gewesen, meint er, aber irgendwer hielt mit dem Handy drauf. Und eigent­lich spielt es auch keine Rolle, ob an diesem Abend die Bar geplün­dert wurde – schließ­lich hängt auch in einem Pub von Barnsley, den er nur zwei Mal besucht hat, ein Foto von ihm mit der Auf­schrift Stendel’s corner“. Die Leute dürsten nach Fuß­bal­lern, die mal einen mittrinken. Stendel insze­niert die Nähe nicht aus Selbst­zweck, er wirkt wie ein Fan vor der Absper­rung, unprä­ten­tiös und unver­stellt. Hearts on his sleeve. Ver­bringt man einige Stunden mit ihm, lässt sich kein Unter­schied erkennen zwi­schen der Person und dem Trainer, er spricht mit Kell­nern genauso wie mit Spie­lern oder Pres­se­ver­tre­tern. Duzt, drückt die Schul­tern, ist immer in Bewe­gung. Man habe einen scheuen Deut­schen erwartet, sagte die Hearts-Klub­be­sit­zerin mal, und einen Ita­liener bekommen. 

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Han­nover liegt nun in Edin­burgh. Daniel Stendel und Jörg Sie­vers sei Dank.

Robert Ormerod

Ja, für die Geduld, da habe er schließ­lich Jörg, scherzt Stendel. Jörg Sie­vers sitzt neben ihm, er ist eigent­lich Colt“ und Kult in Han­nover. Der ewige Pokal­held war 30 Jahre lang im Verein, zuletzt als Tor­wart­trainer, nun ist er Co-Trainer bei den Hearts. Sie­vers, nach der Fern­seh­figur Colt Sea­vers“ gerufen, strahlt die Uner­schüt­ter­lich­keit und Ruhe eines Ver­trau­ens­leh­rers aus. Ein Ruhepol neben dem Chef­trainer. Jahr­zehnte bei Han­nover 96 lehren die Men­schen wohl Unver­zagt­heit gegen­über den Auf­ge­regt­heiten der Welt. Noch vor zwei Monaten schien es, dass eher die Leine durch Edin­burgh fließt, als dass Sie­vers 96 ver­lässt. Für Außen­ste­hende mag mein Wechsel schwer nach­voll­ziehbar sein, für mich war die Ent­schei­dung nicht schwer“, sagt Sie­vers. Das lag zum einen an meinem Ver­trauen zu Daniel, zum anderen habe ich mir die Frage gestellt: Nur Han­nover – ist es das gewesen? Ich bin noch nicht so alt und wollte so ein Aben­teuer noch mal wagen.“

Auch Stendel kann das Aben­teuer aus­führ­lich erläu­tern. Er hätte genauso gut auf Jobs aus der zweiten Liga, in Deutsch­land oder Eng­land, warten können. Schott­land hin­gegen gilt nicht als Hot­spot des euro­päi­schen Fuß­balls. Des­wegen sagte er zunächst ab, doch der Klub ließ nicht locker. Bei seinem ersten Besuch bemerkte er in den Bars, Taxis oder Hotels, wie jeder Bewohner ent­weder über die Hearts oder den großen Rivalen Hibs sprach. Ins Sta­dion kommen regel­mäßig um die 18 000 Zuschauer, Tau­sende reisen aus­wärts mit, sieben Medien berichten über jedes Spiel. Es ist, als wür­dest du in Deutsch­land Schalke trai­nieren. Und am wich­tigsten: Ich kann mich hier aus­leben und spüre das volle Ver­trauen des Klubs.“ Sie­vers ist direkt bei seinen ersten Besu­chen rund um Weih­nachten auf­ge­fallen, wie fami­liär die Hearts daher­kommen. Dieses Credo ver­folgen viele Klubs, doch hier lässt sich ohne Pathos fest­stellen: Die Fans und die Com­mu­nity haben den Verein vor dem sicheren Tod gerettet. Zusammen mit anonymen Spen­dern haben sie seit 2014 für den finan­ziell gebeu­telten Klub statt­liche zehn Mil­lionen Pfund auf­ge­trieben.

Wir standen haar­scharf vor dem Aus. Die Hearts wären aus­ge­löscht gewesen“

Alastair Bruce

Alastair Bruce, ein zuvor­kom­mender schot­ti­scher Gen­tleman, trinkt in der Fan­kneipe Oran­gen­saft. Bruce zieht sich den dun­kelrot-weißen Bal­ken­schal sanft zurecht. Er sitzt im Vor­stand der Initia­tive Foun­da­tion of Hearts“, die den Verein mit letzter Kraft am Leben hielt. Bruce kann mit akku­rater Erin­ne­rung die Schritte in die Hölle nach­zeichnen: Klub­be­sitzer Wla­dimir Romanow, ein rus­si­scher Unter­nehmer aus Litauen, führte mit seinen wag­hal­sigen Trans­fers und seiner Pleite die Hearts 2014 gera­de­wegs in die Insol­venz. Die Folge: 30 Mil­lionen Pfund Schulden und 15 Punkte Abzug. Dann ver­schwand Romanow spurlos. Bis heute. Wir standen haar­scharf vor dem Aus. Die Hearts wären aus­ge­löscht gewesen“, sagt Bruce. Die heu­tige Klub­be­sit­zerin, eine erfolg­reiche IT-Unter­neh­merin und Dau­er­kar­ten­in­ha­berin, sprang damals mit ihrem Geld ein. Das war die Ret­tung in letzter Sekunde. In diesem Früh­jahr wird die letzte Rate an sie zurück­ge­zahlt, die Anhänger über­nehmen ihre Anteile. Mit über 75 Pro­zent hält die Foun­da­tion of Hearts“ dann die Mehr­heit und zwei Sitze im Vor­stand. Die Hearts werden damit einer der größten fan­ge­führten Ver­eine auf der Insel sein.

Finan­ziell steht der Verein heute so gesund da wie lange nicht, aber sport­lich rutschte er zuletzt immer weiter ab. Der Fuß­ball war unan­sehn­lich, die Spieler wirkten träge und satt. Aus genau dieser Erfah­rung speist sich die Fas­zi­na­tion für Daniel Stendel und seinen Stil. Die tra­di­ti­ons­rei­chen Hearts, im Selbst­ver­ständnis Nummer drei des Landes, haben ihr Ende mit letzter Kraft abge­wendet. Sie wollen ein Team, das ebenso furchtlos sein Schicksal in die eigene Hand nimmt.