Seite 3: Der Ritterschlag: ein eigener Fangesang

In der Straße direkt neben dem Sta­dion Tyne­castle können sich Fans fri­sieren, täto­wieren und voll­laufen lassen. Im Stim­men­ge­wirr des Pubs fallen tat­säch­lich auch deut­sche Worte. You need legs for the gegen­pres­sing.“ Das Wort hat im Eng­li­schen Kar­riere gemacht wie auto­bahn oder zeit­geist – und Sten­dels Ver­sion hat hier mitt­ler­weile sogar eine eigene Bezeich­nung: das Gor­gie­pres­sing, ange­lehnt an Gorgie, den hie­sigen Stadt­be­zirk. Vor dem Pub The Dig­gers“ steht Duncan Por­teous, ein hagerer aber leb­hafter Typ. Wie viele Schotten scheint er für dicke Klei­dung im Winter noch weniger übrig zu haben als für Eng­land. So wippt er im dünnen Pulli von einem Bein aufs andere, doch erklärt mit brei­testem Grinsen: Daniel hat uns den Glauben zurück­ge­geben. Mit ihm geht’s irgend­wann zurück nach Europa.“ Er habe alles richtig gemacht, die alten Spieler aus­zu­sor­tieren. Für den Spiel­stil brau­chen sie halt Fri­sche. Daniel weiß, was er tut, Mann.“ Nach dem Sieg gegen die Ran­gers erfand Por­teous unter der Dusche einen neuen Text auf die Melodie des Klas­si­kers von Cree­dence Clear­water Revival Bad Moon Rising“: We’ve got a dia­mond Daniel Stendel! Sein Kumpel und er stimmten es in einer Bar an, immer mehr sangen mit und dann ging ein Video davon durch die Fan­szene.

Beim Spiel gegen Kil­mar­nock erhebt sich in der fünften Minute ein großer Teil der Haupt­tri­büne, um ihn anzu­stimmen. Die Hearts erspielen sich in den ersten Minuten gleich drei Ecken. Kil­mar­nock ver­schanzt sich tat­säch­lich. Stendel kom­man­diert, wan­dert und wir­belt durch die Luft. Im Mit­tel­feld spielt der Deut­sche Marcel Langer, im Winter von Schalke geholt, durchaus enga­giert. Der andere ehe­ma­lige Schalker Donis Avdijaj hin­gegen fehlt im Kader. Der einst so Hoch­be­gabte hat nach Sta­tionen in ganz Europa und auf­se­hen­er­re­genden Videos von Stendel eine neue Chance in Schott­land bekommen. Aber sie bis­lang nicht genutzt. Ver­letzt sei er, so die Mit­tei­lung, aber im Klub sind sie auch der Mei­nung, dass Selbst­ein­schät­zung und bis­he­rige Leis­tung nicht unbe­dingt in gesundem Ver­hältnis zuein­ander stehen. Avdijaj ist an diesem Tag auch nicht im Sta­dion zu finden. Seine Energie könnten die Hearts durchaus gebrau­chen, die Offen­sive sto­chert relativ hilflos umher. In der Luft ziehen die Hearts immer wieder den Kür­zeren, vorne und hinten: Nach einer Ecke und einem Konter liegen sie 0:2 zurück. Hearts are fal­ling apart again“, singen die Gäs­te­fans. Das Sta­dion ist gut besucht, die Atmo­sphäre pen­delt zwi­schen den Extremen. Es wirkt, als würde der Betrun­kenste auf einer Party an den Laut­stär­ke­reg­lern han­tieren. Mal ist es so leise, dass man die Rufe wie bei einem Test­kick hört, dann schwillt bei einer gelun­genen Grät­sche der Roar der Ränge an. Als der Hearts-Tor­wart einen ein­fa­chen Distanz­schuss durch­lässt, ist der laut­starke Unmut fast kör­per­lich spürbar. Danach jedoch bekommen die Hearts einen Elf­meter, und das Publikum brüllt zur Auf­hol­jagd. Stendel schwingt die Arme mit, nur unter­bro­chen von kurzen Bespre­chungen mit Jörg Sie­vers. Die Spieler drängen mit allem, was sie haben, in den Straf­raum, doch nie­mand öffnet den Durch­gang. Die Hearts ver­lieren den Ver­stand, bringen keinen durch­dachten Angriff mehr zuwege. Der Schieds­richter pfeift ab. 2:3‑Niederlage daheim. Und die Kon­kur­renz hat gewonnen. Es wird eng.

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Daniel hat uns den Glauben zurück­ge­geben. Mit ihm geht’s nach Europa“ – Duncan Por­teous

Robert Ormerod

Eine Drei­vier­tel­stunde später steht Daniel Stendel im schwarzen Trai­nings­anzug vor den Kabinen. Er ist heiser, der Blick leer. Doch die Hände schwingen weiter mit. Auf die weißen Steine in der Flur­wand malt er mit den Fin­gern die Bewe­gungen der beiden Innen­ver­tei­diger vor dem 0:2 nach. Sie haben sich aus­ein­an­der­ziehen lassen und das Zen­trum geöffnet. Es ist zum Ver­zwei­feln. Der Trainer von Kil­mar­nock hatte kurz vorher gesagt, dass sein Plan auf­ge­gangen sei: Sie hatten mit dem Vor­rü­cken der Hearts gerechnet und auf den Raum hinter den hoch­ste­henden Ver­tei­di­gern spe­ku­liert. Sten­dels Mann­schaft ist ins Messer gelaufen. Ist also das Risiko zu groß?

Die Spieler zeigen die Lei­den­schaft und die jugend­liche Hin­gabe, den Gegner im Rudel zu bedrängen. Jörg Sie­vers sagt: Die Mann­schaft hat Klasse, ich bin sicher, dass sie nicht absteigt.“ Der Sieg gegen die Ran­gers gibt ihm Recht. Doch für die hohe Ver­tei­di­gungs­linie brau­chen sie auch Auto­ma­tismen und Sicher­heit im Pass­spiel, um nicht über­töl­pelt zu werden. Beides ließe sich in einer Vor­be­rei­tung ein­stu­dieren, doch viel Zeit haben Stendel und Sie­vers nicht mehr. Die bit­tere Erkenntnis aus Han­nover schwebt wie ein Damo­kles­schwert über Tyne­castle: Viel Lob und Liebe zählen am Ende nicht – son­dern nur Ergeb­nisse.

Gefühlt auf dem Weg zu Meis­ter­schaft

Daniel Stendel wischt sich in den Kata­komben mit den Händen durchs Gesicht. Klatscht kurz auf­mun­ternd. Sie brau­chen jetzt Ergeb­nisse. Das 2:3 war ein herber Rück­schlag, klar. Doch: Ich will nicht nur drauf hoffen, dass der Gegner kein Tor schießt. Wir wollen unser eigenes Spiel durch­ziehen, dazu gehört: hoch pressen, hoch ver­tei­digen, damit der Weg zum geg­ne­ri­schen Tor kürzer und der Weg zu unserem länger ist.“ Am Tabel­len­ende heißt es jetzt ruhig Mut bewahren. Stendel fügt an: Wir rücken von unserem Stil nicht ab.“

Drei Tage später schickt Duncan Por­teous Videos vom fol­genden Pokal­sieg in Fal­kirk. In einer Sportsbar tanzen und springen Dut­zende eksta­ti­sche Hearts-Fans, zwei werden auf den Schul­tern getragen, spritzen ihre Getränke durch die Gegend. Vor dem Spiel, wohl­ge­merkt. Als wären sie nicht Letzter, son­dern auf dem Weg zur Meis­ter­schaft. Sie grölen den Text, der Por­teous unter der Dusche ein­ge­fallen ist. Minu­ten­lang ver­si­chern sie sich ihrer Ent­de­ckung des Dia­manten. Beseelt und trotzig. He brought in high press attacking foot­ball. Stendel’s got us playing. Hearts are back!