Willi Gie­se­mann, wir möchten mit Ihnen über ein Län­der­spiel gegen Bra­si­lien und Ihren alten Verein Barmbek-Uhlen­horst spre­chen.
Vom Mara­cana zum Bara­cken­klub in drei Jahren. (Lacht) Dann mal los.
 
Haben Sie Pelé ver­ziehen?
Weil er mir damals das Bein gebro­chen hat?
 
Er trat im Juni 1965 bei besagten Län­der­spiel im Mara­cana mit voller Absicht auf Ihr Schien­bein. Es heißt, er habe damit Ihre Kar­riere beendet.
Ach, ich habe ja selber ein wenig Schuld daran gehabt, denn ich stol­perte damals über den stumpfen Rasen. Und danach kam ich ja auch wieder auf den Damm. Wirk­lich schlimm war der Menis­kus­riss 1966. Die anschlie­ßende Ope­ra­tion ver­lief nicht erfolg­reich, und so ver­här­tete und ver­stellte sich mein Knie. Ich konnte nicht mit zur WM nach Eng­land fahren, wenig später been­dete ich des­wegen meine Pro­fi­kar­riere.
 
Die Geschichte, dass Pelé Ihre Lauf­bahn beendet hat, klingt besser.
Natür­lich. (Lacht) Dabei galt sein Angriff ja eigent­lich Willi Schulz, der Pelé über eine Stunde lang hart bear­beitet hatte.
 
Wie war es denn, gegen Pelé und Gar­rincha zu spielen?
Die spielten ver­dammt schnell und trick­reich. Tolle Spieler, zwei­fels­ohne. Beein­dru­ckender fand ich aber Typen wie Nobby Stiles von Man­chester United. Dieser zahn­lose Bull­ter­rier zün­dete sich noch im Kabi­nen­tunnel eine Ziga­rette an, schnippte sie dann beim Ein­laufen auf die Asche­bahn und mähte danach jeden Gegen­spieler um.
 
Wenn es nach Ihren Eltern gegangen wäre, hätten Sie nie Fuß­ball gespielt.
Mein Vater besaß eine Schmiede in Sül­feld bei Wolfs­burg. Diese sollte ich eines Tages eigent­lich über­nehmen. Als ich ihm nach meiner Bun­des­wehr­zeit eröff­nete, dass ich lieber Fuß­baller werden wollte, war er nicht son­der­lich erfreut. Er war auch nur sehr selten bei meinen Spielen. Einmal fuhr er nach Han­nover, um das Län­der­spiel Deutsch­land gegen Schott­land zu gucken. Später fragte ich ihn, wie er es fand. Er ant­wor­tete: Die Wurst war ganz lecker!“ Fan wurde er nie.
 
Für wen schlägt heute Ihr Herz: Für den HSV oder für Barmbek-Uhlen­horst?
Für den VfL Wolfs­burg. Da habe ich ja meine Kar­riere begonnen. Danach kommt der FC Bayern, für den ich in den Ober­li­ga­jahren gespielt habe.
 
Sie haben keine Ver­bin­dung mehr zum HSV?
Doch, klar. Schon weil ich in Ham­burg lebe. Vor zwei Jahren habe ich hier in meiner Woh­nung meinen 75. Geburtstag gefeiert, da sind auch viele ehe­ma­lige Mit­spieler gekommen, Uwe Seeler mit seiner Inka, Charly Dörfel oder Jochen­fritz Meinke. Beson­ders schön war die Begeg­nung mit Franz Becken­bauer vor ein paar Jahren.
 
Erzählen Sie.
Ich war zu Uwe See­lers 75. Geburtstag ein­ge­laden. Eigent­lich sollte ich an einem Ehren­tisch mit Uwe, Charly und all den anderen Platz nehmen, doch ich wollte lieber am Rand sitzen, denn da waren die Toi­letten. Auf einmal tauchte Franz Becken­bauer auf, mit dem ich Anfang der Sech­ziger noch ein paar Monate beim FC Bayern zusam­men­spielte, bevor ich zum HSV wech­selte. Meine Beglei­tung Helga war sofort Feuer und Flamme: Mensch, Willi, ich hol den Franz mal zu uns an den Tisch.“ Ich wollte sie noch abhalten, denn ich glaubte, dass er mich nicht mehr erkennen würde. Doch dann stand er auf einmal vor mir: Tille“, rief er. Mensch, Tille!“ Dann nahm er mich in den Arm. Da musste ich bei­nahe weinen, er kannte sogar noch meinen Spitz­namen. Das war ein sehr schöner Moment.
 
Nach Ihrer Zeit beim HSV haben Sie noch ein paar Jahre beim dama­ligen Regio­na­li­gisten Barmbek-Uhlen­horst gespielt. Wie sind Sie dort gelandet?
Nach dem Menis­kus­riss ging nicht mehr viel, beim HSV langte es für einen Ein­bei­nigen jeden­falls nicht mehr. BU-Mäzen Her­mann Sanne wusste, dass ich meine Fuß­ball­lauf­bahn beenden und mich mit einem Lotto-Toto-Laden selbst­ständig machen wollte. Also fragte er, ob ich nicht ein paar Jahre in Barmbek dran­hängen wollte. Sein Ziel war es, aus BU, diesem kleinen Stadt­teil­klub, den FC St. Pauli als Nummer zwei Ham­burgs abzu­lösen.
 
Was ihm nicht gelang.
Er war aber nah dran. BU qua­li­fi­zierte sich 1974 für die neu gegrün­dete zweite Bun­des­liga, stieg aller­dings direkt wieder ab. An allen Ecken fehlte das Geld, das Klub­heim war eine Holz­ba­racke, der Platz nicht mal ansatz­weise zweit­li­ga­taug­lich. Wir mussten daher die Heim­spiele am Rothen­baum (ehe­ma­lige Heim­spiel­stätte des HSV, d. Red.) aus­tragen, wo selten mehr als 2000 Zuschauer kamen. Beim letzten Heim­spiel waren es sogar nur 300. Die Spieler fuhren irgend­wann mit Pri­vat­autos zu den Aus­wärts­spielen, weil der Klub sich die Miete für einen Mann­schaftsbus nicht mehr leisten konnte. Schließ­lich stieg auch noch Her­mann Sanne aus. Der Insol­venz konnten wir nur ent­gehen, weil Heino, Roberto Blanco und ein paar andere Schla­ger­mu­siker im Sommer 1975 eine Benefiz-Schall­platte mit dem Titel Stars singen für BU“ auf­nahmen. Die haben uns gerettet. Ich habe damals aller­dings nicht mehr gespielt.

Sie blieben BU aber ver­bunden. Was war Ihr Job?
Ich habe alles ein biss­chen gemacht. Einmal rief ich kurz vor Anpfiff meine Frau an und bat sie, Geld zum Platz zu bringen. Der Schieds­richter konnte näm­lich mal wieder nicht bezahlt werden und wollte des­wegen par­tout nicht anpfeifen. Ich war außerdem eine Art Scout. Ich lockte viele ehe­ma­lige HSV-Größen zu Barmbek-Uhlen­horst, Helmut Sand­mann oder Klaus Fock. Spieler, die beim HSV nicht mehr zum Ein­satz kamen.
 
Ihr größter Coup war Charly Dörfel. Wie haben Sie ihn über­zeugt?
Irgend­wann im Früh­jahr 1973 kam Frido Dörfel in meinen Laden. Er erzählte mir, dass sein Sohn bald aus Süd­afrika heim­kehren werde, wo er nach seiner HSV-Zeit gespielt hatte. Da wurde ich hell­hörig. Ich erzählte Her­mann Sanne davon, und wenig später stand Charly am Flug­hafen. Über­zeugen musste ich ihn nicht groß. Der wollte ein­fach kicken, und als er hörte, dass bei BU alle seine alten Freunde vom HSV spielten, sagte er sofort zu. Am Flug­hafen gab es außerdem ein kleines Spek­takel. BU-Fans begrüßten ihn mit Sprech­chören, und ein paar Frauen hielten ihm selbst­ge­ba­ckenen Kuchen hin.
 
Bei BU war alles ein paar Num­mern kleiner als beim HSV. Der Klub war zudem in einem alten Arbei­ter­stadt­teil behei­matet. Wie arran­gierten sich die Stars mit der Barm­beker Rea­lität?
Wir konnten uns damals viel besser anpassen. Es gab jeden­falls keine hoch­nä­sigen Typen im Team. Das war auch schon so, als ich zum HSV kam – ich, der Bauer unter all den Ober­stu­di­en­räten. Bei BU war es ähn­lich, die ehe­ma­ligen HSV-Stars fanden die fami­liäre Atmo­sphäre toll, die Nähe bei den Spielen, man stand ja nur wenige Zen­ti­meter von der Außen­linie ent­fernt. Erst Anfang der sieb­ziger Jahre wurde es etwas anders, da ließen schon mal ein paar Jung­spunde den dicken Max raus­hängen. Ich habe dann die gemein­same Stunde nach den Spielen ein­ge­führt.

Was heißt das?
Nach Abpfiff ging es unter die Dusche und dann direkt ins Klub­heim. Das war Pflicht. Die Spieler sollten dort eine Stunde mit den Fans zusam­men­sitzen und sich unter­halten. Wenn mich jemand fra­gend ansah, sagte ich: Guck dir all die Butjer an, so einer warst du doch auch mal! Die wollen mit euch reden, ihr seid Stars für die!“
 
So hatten Sie den Fuß­ball ken­nen­ge­lernt?
Fuß­ball war für mich immer etwas, das über Gemein­schaft lebt. Ich erin­nere mich noch, als ich das erste Mal Fern­sehen gesehen habe: Anfang oder Mitte der Fünf­ziger in Sül­feld, wo es nur einen ein­ziges TV-Gerät für 700 Ein­wohner gab. Sie können sich vor­stellen, was da los war. Beim WM-Finale 1954 bin ich dann in einen Ort im Harz gefahren, weil das Spiel dort in einer Hotel­lobby gezeigt werden sollte. Wir saßen mit vielen anderen vor einem win­zigen TV-Gerät und sahen, wie Fritz Walter über den Platz schritt. In Demut und Würde, ohne jede Arro­ganz. Das war beein­dru­ckend.
 
Herr Gie­se­mann, Barmbek-Uhlen­horst spielt heute in der Ham­burger Ober­liga. Der HSV wartet seit 1987 auf einen Titel. Gehen Sie über­haupt noch ins Sta­dion?
Ich würde gerne, doch meine Beine machen nicht mehr mit. Aber ich bekomme häufig Besuch von meinen alten Mit­spie­lern, und die erzählen mir dann, wie es bei meinen alten Ham­burger Klubs läuft. Charly (Dörfel, d. Red.) kommt alle zwei Wochen zum Pud­ding-Essen vorbei. Charly liebt Pud­ding.

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