Mon­tag­abend, der 23. Mai, Potsdam. Der Auf­sichts­rats­vor­sit­zende Peter Paff­hausen tritt von seinem Amt zurück. Er war zugleich Geschäfts­führer des Haupt­spon­sors des SV Babels­berg 03, der Energie- und Was­ser­werke Potsdam. Wie sich später her­aus­stellen wird, hatte er ohne Kenntnis des Auf­sichts­rates Bürg­schaften für den Verein zuge­sagt. Es werden Ermitt­lungen wegen Ver­dachts auf Untreue auf­ge­nommen.

Am selben Abend infor­miert Prä­si­dent Rainer Speer den Vor­stand, dass der not­wen­dige Etat von 2,7 Mil­lionen Euro für eine wei­tere Dritt­liga-Saison nur zur Hälfte zusam­men­ge­kommen ist. Einige Spon­soren hätten sich zurück­ge­zogen, weil im Falle von Aus­fällen keine Bürg­schaften durch den Haupt­sponsor mehr zuge­sagt werden können. Die Nach­richt kommt aus dem Nichts, ohne Vor­war­nung. Es droht die Insol­venz und Auf­lö­sung des Ver­eins. 

Babels­berg droht Zwangs­ab­stieg

Es ist Dienstag, der 24. Mai. Der Verein und die Fans starten Spen­den­ak­tionen. Inner­halb der ersten 24 Stunden kommen über 10.000 Euro zusammen. Viel für einen Verein, zu dessen Heim­spielen durch­schnitt­lich 2.000 Fans kommen. 

Mitt­woch, 25. Mai, später Abend. Der Auf­sichtsrat kommt zusammen. Es fehlen rund eine Mil­lion Euro für den Etat. Der Auf­sichtsrat emp­fiehlt einen Neu­start in der Ober­liga, da die Anfor­de­rungen in der Regio­nal­liga fast genauso hoch sind wie in der Dritten Liga. Es sei aus­sichtslos, nahezu unmög­lich, die Lizenz­vor­aus­set­zungen des DFB zu erfüllen.

For­de­rung nach Rück­tritt des Vor­standes

Die Fans werfen dem Vor­stand vor, lieber dubiose Netz­werke zu knüpfen als sich für den Verein ein­zu­setzen. Sie rufen zu einer Demons­tra­tion auf. Am Samstag, den 28. Mai, Treff­punkt Rat­haus Babels­berg. 1000 Fans for­dern den Rück­tritt des Vor­standes und mehr Unter­stüt­zung von Stadt und Land. Man träumt von einem sau­beren Neu­an­fang“. 

Beim anschlie­ßenden Benefiz-Sta­di­on­fest im Karl-Lieb­knecht-Sta­dion wird auf dem hei­ligen Rasen gepick­nickt, die Bier­ein­nahmen werden gespendet. Mor­gens, mit­tags, abends steht der Besuch Babels­berger Döner­buden an. Auch sie spenden für jeden ver­kauften Döner an den SVB. Ganze Fami­li­en­aus­flüge werden unter­nommen. Die benö­tigte Mil­lion kommt dabei zwar nicht zusammen. Aber allein 1.105 Euro werden gesam­melt, um einen Ultra von einer neuen Frisur zu über­zeugen. Die Haare sind ab. Jedes Mittel ist recht. Für den Kiez­verein, für die Dritte Liga.

Fri­sieren, singen, Rasen aus­ste­chen

Sonntag, 29. Mai. Fans singen auf der Ein­kaufs­straße Fuß­ball­hymnen als wären es Weih­nachts­lieder. Sie singen schlechter als es dem Verein geht. Ein paar Mit­lei­dige werfen Geld ins Schäl­chen. Der­weil werden gestif­tete Tri­kots und Fuß­ball­schuhe aktu­eller und ehe­ma­liger Null­dreier im Internet ver­stei­gert. Hen­dryk Henne“ Lau trennt sich schweren Her­zens von seinem Ori­gi­nal­trikot, in dem er Babels­berg gegen Unter­ha­ching am 7. August 1999 in der 90. Minute in die 2. Runde des DFB-Pokals schoss. 

Vor­stands­sit­zung am Montag, 30. Mai. Prä­si­dent Rainer Speer tritt zurück, der lokal ansäs­sige Kino­be­treiber, Thomas Bas­tian, wird neuer Vor­sit­zender. Der Verein ist zu dem Zeit­punkt immer noch weit von der Ret­tung ent­fernt. Nicht ohne Grund ver­lässt die pro­mi­nente Spitze das sin­kende Schiff. Par­allel im Karl-Lieb­knecht-Sta­dion: Fans ver­messen den Rasen. Am kom­menden Tag werden 20×10 Zen­ti­meter große Stücke des Dritt­liga-Rasens für die Ver­schö­ne­rung hei­mi­scher Gärten und Fens­ter­bänke ver­kauft. Und man fragt sich: Sind die Null­dreier denn jetzt völlig ver­rückt?

Die Wende – kein Anfang vom Ende

Am Diens­tag­abend spricht sich die Mit­glie­der­ver­samm­lung gegen den Neu­start in der Ober­liga aus. Es soll alles ver­sucht werden, um die Liga zu halten. In den Medien wird von der Pleite-Liga“ berichtet. Meh­reren Ver­einen droht das Aus. Die Fans schlafen seit Tagen nicht mehr. Oder mehr schlecht als recht, als sie am 1. Juni, 15.47 Uhr auf Face­book lesen: Eil­mel­dung: Babels­berg 03 reicht Lizenz­un­ter­lagen für 3. Liga ein!“ Die Stadt gibt dem Verein ein­malig 700.000 Euro, die Bank, die auf Rück­zah­lung alter Kre­dite hofft, über­nimmt eine Bürg­schaft. 

Und dann der schönste Moment meines Jahres 2011: Mitt­woch, 1. Juni, 15.55 Uhr: Die Erlö­sung! Der DFB erteilt dem SV Babels­berg 03 die Lizenz für die Dritt­li­ga­saison 2011/2012. Unglaub­lich. Unwahr. So fühlt sich das an. Wir feiern die Ret­tung. Am 1. Juni und dann bei jedem Spiel der neuen Saison wieder. Wir haben es geschafft und werden es allen zeigen. Wir sind so schnell nicht klein­zu­kriegen.