Um am 19. Juni wieder spielen zu können, nehmen die Klubs der Pre­mier League in dieser Woche den Trai­nings­be­trieb wieder auf. Wat­fords Kapitän Troy Deeney will da jedoch nicht mit­ma­chen – aus Angst um seinen Sohn. Der ist fünf Monate alt und litt laut Deeney bereits unter Atem­be­schwerden. Ich möchte nicht nach Hause kommen und ihn einer Gefahr aus­setzen“, sagte der Stürmer im Pod­cast Talk The Talk. Es ist nicht das erste Mal, dass Deeney rebel­liert. Lest hier unser Por­trait über ihn aus unserem 11FREUNDE SPE­ZIAL Die größten Skan­dale des Fuß­balls“, das hier bei uns im Shop erhält­lich ist.

Ein Tor – und alles ist aus. Im Halb­fi­nale um den Auf­stieg in die Pre­mier League 2013 zwi­schen Wat­ford und Lei­cester läuft bereits die Nach­spiel­zeit. Ein Tor ent­scheidet dar­über, wer zum End­spiel nach Wem­bley fährt. Lei­cester bekommt einen Elf­meter zuge­spro­chen. Dem Schützen Anthony Kno­ckaert steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Er zit­tert den Ball aufs Tor und schei­tert an Wat­fords Keeper. Es folgt ein weiter Schlag aus dem Straf­raum in Rich­tung Mit­tel­feld, da rast die Menge bereits, bis sie rea­li­siert: Jetzt kann Wat­ford treffen! Das Heim­team treibt den Ball über die rechte Seite, dann knallen sie ihn ein­fach mit dem Mute der Ver­zweif­lung ins Zen­trum, er prallt zurück, hin zu einem her­an­sprin­tenden Mann, der nicht grü­belt. Und der damit für diese Sekunden gemacht ist. Ganz anders als Kno­ckaert auf der anderen Seite. 

Ich sah den Ball auf mich zukommen. Halb­volley, dachte ich mir, genau die Dinger, die ich im Trai­ning geübt hatte. Kein Annehmen, kein Passen, ein­fach drauf“, erzählt er später im Gespräch mit 11 FREUNDE. Seinen Namen schreit der Kom­men­tator: DEEEEEEEENEEEY!!! Troy Deeney nimmt den Ball tat­säch­lich mit vollem Risiko und wuchtet ihn ins Tor. Wat­ford, 17 Sekunden zuvor noch dem Ende geweiht, zieht ins End­spiel ein. Deeney reißt sich das Trikot vom Leib, rennt zur Tri­büne und springt ein­fach in die Menge, in die Arme seiner Fami­li­en­mit­glieder. Er ist der Held dieses Tages, sein Tor wird zur Ikone der emo­tio­nalen Ampli­tuden dieses Sports – dabei ist er immer noch auf Bewäh­rung draußen. Zu Beginn der Saison hatte er wegen schwerer Kör­per­ver­let­zung knapp drei Monate im Knast gesessen. Mit einer Fuß­fessel war er zum Trai­nings­ge­lände seines Ver­eins gelaufen, wo ihm der Trainer scho­nungslos eröffnet hatte: Ich gebe dir eine Chance, aber du bist hier nur Stürmer Nummer acht.“

Ver­ka­tert zum Pro­be­trai­ning

Die Brüche gehören zu Dee­neys Bio­grafie. Er wuchs in den Neun­zi­gern in einem rauen Viertel von Midd­les­brough auf, sein Vater war ein berüch­tigter Ver­bre­cher, der häufig im Gefängnis lan­dete. Deeney selbst nennt ihn heute nur seinen sperm donor“, seinen Samen­spender. Sein Stief­vater bringt ihn damals zum Fuß­ball, auch wenn der talen­tierte Stürmer seine Prio­ri­täten in der Pubertät anders setzt. Er geht feiern, zehn Bier sind für ihn das Kri­te­rium für einen ordent­li­chen Aus­ge­ha­bend. Als er im Alter von 15 Jahren das Angebot bekommt, bei Aston Villa ein vier­tä­giges Pro­be­trai­ning zu absol­vieren, ent­gegnet Deeney: Alles klar, ich komme erst zum Spiel am vierten Tag.“ Er bleibt Ama­teur­ki­cker, bricht der­weil die Schule ab und arbeitet als Maurer.

Auch die zweite große Chance auf eine Kar­riere schlägt er eigent­lich aus. Als er mit 18 Jahren zum Pro­be­trai­ning beim Viert­li­gisten Wal­sall erscheinen soll, liegt er noch ver­ka­tert im Bett. Doch seine Mutter will das Haus auf­räumen. Der Lärm des Staub­saugers reißt Deeney aus dem Suff­schlaf. Er kann es zu Hause nicht mehr aus­halten und macht sich des­wegen auf zum Fuß­ball­platz. Deeney über­zeugt nicht nur im Trai­ning, son­dern schießt in jeder Saison immer mehr Tore, bis ihn der Zweit­li­gist Wat­ford FC ver­pflichtet. Shit’s get­ting serious now“, erin­nert sich Deeney an seine dama­ligen Worte. Bis dahin hatte er von 80 Pfund in der Woche gelebt und sich zum Feiern T‑Shirts von seinen Freunden geliehen. Nun füllt sich das Bank­konto wöchent­lich mit 5000 Pfund – und Deeney kann damit über­haupt nicht umgehen. Mit­unter lässt er 15 Freunde auf seine Karte trinken und feiern, bis der Rausch ihm eines Abends zum Ver­hängnis wird.

Stürmer Nummer acht? Nicht mehr lange!

Im Jahr 2012 gerät sein Bruder vor einem Klub mit jemandem in Streit, Deeney stürmt heraus und direkt auf die beiden zu. Ich habe mich selbst kom­plett ver­gessen.“ Deeney tritt dem Mann aus vollem Lauf gegen den Kopf, er wird später wegen gefähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung zu zwei Monaten Haft ver­ur­teilt. Bei der Urteils­ver­kün­dung ist er aller­dings nur kör­per­lich anwe­send, seine Gedanken kreisen um seinen Stief­vater. Er hatte Krebs, am Freitag vor meiner Haft­strafe ist er beer­digt worden“, sagte Deeney später. Ich hatte eine schlimme erste Woche im Knast. Ich konnte gar nicht ver­ar­beiten, was mit meinem Vater geschehen war. Der Gefäng­nis­wärter meinte nur: Pass auf, sie kennen dich da drin.‘ Mein erstes Essen bestand aus einer Box Zwie­beln.“

Die Zeit im Gefängnis kann sein gren­zen­loses Selbst­ver­trauen aller­dings nicht erschüt­tern. Als ihm sein Trainer Sean Dyche eröffnet, dass er als Ex-Knacki nur die achte Wahl sei, ent­gegnet Deeney: Nicht mehr lange, Trainer.“ Tat­säch­lich knipst er sich nach und nach an seinen Kon­kur­renten vorbei und krönt seine Saison mit dem Sen­sa­ti­onstor gegen Lei­cester. Von da an wird er Wat­fords Vor­zei­ge­profi, Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur, dienst­äl­tester Profi und Kapitän. Deeney schafft 172 Scor­er­punkte in 359 Spielen, auch wenn er immer als Erstes auf das Tor gegen Lei­cester ange­spro­chen wird. Zur WM 2018 for­dern nicht wenige Experten seine Beru­fung in die eng­li­sche Natio­nal­mann­schaft. Trainer Gareth Sou­th­gate richtet eine höf­liche Absage aus, Deeney sei etwas zu alt und nicht der rich­tige Stür­mertyp.

Bul­lige Stürmer wie er scheinen nicht mehr in Mode zu sein, doch viel­leicht steht Deeney auch sein Image im Weg. Aus­schwei­fende Par­ty­nächte hat er sich zwar länger nicht mehr geleistet (zuletzt ver­zich­tete er neben Alkohol sogar auf Zucker und Brot), aber er ist noch immer für einen Spruch zu haben. Nach einem Spiel gegen Arsenal beschei­nigte er dem Gegner, ihnen fehlten die cojones“ (also die Eier). Im nächsten Spiel gegen Arsenal standen Fans und Gegen­spieler Schlange, um Deeney zu belei­digen. Dessen tro­ckene Replik folgte: Mann, seid doch froh, jetzt habt ihr dank mir wenigs­tens mal euer Sta­dion voll. Nor­ma­ler­weise müsstet ihr mir was von den Ticke­terlösen abgeben.“