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3. Liga

Seite 2: Bloß nicht auffallen!

Der Schieds­richter pfeift an. Der VfB Lübeck und der 1.FC Saar­brü­cken spielen jetzt offi­ziell wieder dritt­klas­sigen Fuß­ball. Lübeck musste darauf zwölf, der FCS sechs Jahre warten. Für beide Mann­schaften ist es zudem das erste Punkt­spiel seit sechs Monaten. Auch für Carlos ist es eine Art Rück­kehr. In der Pause habe etwas wich­tiges gefehlt.

Die Saar­brü­cker Mann­schaft ver­schläft die Anfangs­phase. Nach 12 Minuten fällt das 1:0 für Lübeck. Die Lübe­cker Fans jubeln. Carlos ver­schränkt die Arme und zwingt sich zum Lächeln.

Der Sta­di­on­spre­cher ver­kündet die Zuschau­er­zahl. Der VfB Lübeck bedankt sich bei 1860 Zuschauern.” Carlos erin­nert die Zahl an den Turn und Sport­verein aus Mün­chen, mit dem er immer noch hadert. Vor zwei Jahren hat Saar­brü­cken in zwei Spielen die Auf­stiegs­re­le­ga­tion gegen die Sechzger“ ver­loren. Das war das bit­terste Ding”, sagt er, obwohl die Liste mit bit­teren FC-Erleb­nissen lang ist. Der Lizenz­entzug 1995. Oder der Absturz in die Ober­liga. Oder, oder, oder. Der letzte Abstieg 2014 sei, so sagt Carlos, nur einer von vielen gewesen. Den habe ich stumpf ertragen.”

Das Spiel plät­schert vor sich hin. Carlos gibt zu: Die Lübe­cker sind nicht gut, aber von unseren kommt ja gar nichts.” Dann kor­ri­gier er sich: Ich meine: Von den Saar­brü­ckenern kommt gar nichts.” Er lacht. Nur Nicht-Saar­länder nennen Saar­brü­cker so. Carlos hat Spaß an seinem Agen­ten­spiel gefunden.

Ja ist denn heut schon Weih­nachten?

Er will auf gar keinen Fall als Saar­brü­cker auf­fallen. Sein FCS Wappen-Sperr­bild­schirm hat er vor dem Spiel vom Smart­phone ent­fernt, beim Whats­Apps-Schreiben mit Freunden beugt er sich vor, damit ihn nie­mand ent­tarnt. Doch bei den wenigen FC-Angriffen richtet sich sein Rücken intuitiv auf. Da kann er nichts gegen machen. 

Dabei machen einige Gestalten im Block nicht den Ein­druck, dass sie einen Saar­brü­cker in ihren Reihen tole­rieren würden. 15 Meter ent­fernt trägt ein Glatz­kopf einen Kaput­zen­pulli mit Fraktur-Auf­schrift, auch Freiwild”-Pullover oder Täto­wie­rungen, die nicht auf erhöhtes Grü­nen­wäh­ler­auf­kommen schließen lassen, sind zu sehen. Das Zehn­fache vom Min­dest­ab­stand wäre gut. Mir wäre es auch lieb, wenn die aufm Mond wären. Und zwar alle Faschisten.” Die Gestalten, die Carlos meint, sind nicht der Quer­schnitt der Lübe­cker Fans. Die über­wäl­ti­gende Mehr­heit wirkt sym­pa­thisch und freut sich auf die lang erwar­tete Rück­kehr.

Die Lübe­cker Fans singen, Carlos summt mit und tauscht, kaum hörbar, das VfB“ durch ein FCS“ aus. Er raucht heute viel. Ich brauche meine Rituale und heute habe ich meine Gutzje (Saar­län­disch: Bonbon; d. Red) ver­gessen. Ich brauche aber irgendwas im Mund.”

Der Aus­gleich fällt in der 76. Minute. Ich halte mich jetzt erst recht bedeckt”, ver­spricht Carlos. Trotz von den Lübe­ckern: Steht auf für den VfB!“ Fast das ganze Sta­dion erhebt sich. Nur Carlos sitzt und ist in diesem Moment den­noch der glück­lichste Fan. Der Treffer zeigt nur kurz Wir­kung. In der 90. Minute gibt es noch einmal Frei­stoß für die Lübe­cker. Drüber. Das Kano­nen­ge­schoss schlägt im Fang­netz hinter dem Tor ein. Das war’s.

Carlos ver­lässt das Sta­dion. Davor trifft er auf Rein­hard Klimmt, den ehe­ma­ligen Bun­des­ver­kehrs­mi­nister und lang­jäh­rigen FCS-Prä­si­denten. Carlos und Klimmt halten einen freund­li­chen Plausch über das Spiel, dann wünscht man sich gegen­seitig eine gute Heim­reise. Ein Ostsee-Urlauber und ein 78-jäh­riger SPD-Mann stellen heute den gesamten Saar­brü­cker Aus­wärtsmob.

Carlos wird sich gleich mit seiner Freundin treffen und dann zurück nach Saar­brü­cken reisen. Sie werden erst um acht Uhr mor­gens dort ankommen. Das nimmt Carlos gerne auf sich. Er war beim Dritt­li­ga­auf­takt dabei. Das heute war wie Weih­nachten”, sagt Carlos und schep­pert das Carlos-Lachen.